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nicht auch von dieser dunstigen, unreinen, fettigen, von Wollstaub erfüllten Luft angegriffen? – Denken Sie etwa, ein immerwährender Aufentalt in diesen Räumen gewöhne den Körper daran? Und trösten Sie sich denn etwa mit der Vermutung, eine Stunde Aufentalt hier sei qualvoller, als deren zehn bis zwölf? – Sollte dies, wie ich fürchten muss, der Fall sein, so will ich Ihnen diesen Glauben für alle Zukunft benehmen ... Sie werden mit mir allein eine ganze Arbeitsfrist in diesem saal zubringen!"

"Zehn Stunden?" rief Adrian entsetzt. "Ich bitte –"

"Sie irren, Herr am Stein," unterbrach ihn Martell. "Nicht zehn, sondern zwölf Stunden dauert nach Ihren letzten Verordnungen die Arbeit bei den Feinspinnern. Sie werden also zwölf Stunden mit mir hier bleiben und, damit Sie aus eigener Erfahrung das Leben Ihrer Fabrikarbeiter kennen lernen, damit Sie fühlen, wie süss, wie erheiternd, wie stärkend für Geist und Körper dies Dasein, diese irdische Bestimmung ist, sollen Sie während dieser Zeit mit mir arbeiten!"

"Um Gottes Willen, Martell!"

"Sie werden mit mir spinnen, Herr am Stein, ohne alle Widerrede! Bei der geringsten Weigerung vergesse ich, dass wir Brüder sind, und erwürge Sie, wie einen Hund! – Ich mache es Ihnen ja leicht," fuhr Martell mit zuckendem mund fort, "ich strafe Sie ja bloss mit Ihren eigenen Gesetzen. Was Sie Tausenden Ihrer Brüder jahrelang zumuteten, das können Sie selbst versuchsweise wohl eine Nacht probiren! – Sie werden also an Ihren eigenen Maschinen mit mir spinnen, werden Alles das tun und üben, was von Ihren Arbeitern verlangt wird, und haben Sie das getan, dann sollen Sie frei ausgehen undich hoffe esmenschlicher werden. Diese Nacht an Ihrer Maschine als Spinner verbracht wird Ihnen unvergesslich bleiben und Sie erkennen lehren, wie grausam Sie gegen hilflose Kreaturen verfahren sind! Das ist das Duell, welches ich mit Ihnen auskämpfen willund hier die Maschinen sind unsere Waffen! Wohlan, fangen wir denn an!"

Adrian würde einer Batterie geladener Kanonen mit geringerer Furcht entgegen gegangen sein, als der dämonischen Kraft der Maschinen, die ihre glänzenden Stahlhände grimmig nach ihm ausstreckten! Er zitterte, kalter Schweiss rann ihm von Stirn und Wange, seine Augen stierten ohne Ausdruck, ohne die Gegenstände zu erkennen, in die dunstige, feuchtwarme Luft.

"Ich verstehe ... die Behandlung ... nicht," stotterte der Entsetzte.

"Die Behandlung ist leicht und gefahrlos," entgegnete Martell. "Sie dürfen nur Ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit richten. – Belieben Sie mir zu folgen, Herr am Stein, und sich wohl einzuprägen, was ich Ihnen sage! Sobald Sie diesen Bügel hier heben und diesen Schraubenflügel links drehen, setzt sich die Maschine mit der gemeinsamen Dampfwelle in Verbindung und die Arbeit beginnt. Der Spindelwagen läuft gegen andertalb Ellen vorwärts auf Sie zu, dann bleibt er eine Secunde lang stehen. Diese Secunde benutzen Sie, um den Haken hier oberhalb der Würtel aufzuheben, wodurch das Aufrollen des gesponnenen Garnes bewirkt wird. Sobald dies geschehen ist, läuft der Wagen wieder zurück, steht wieder still und dieselben Operationen wiederholen sich. Bemerken Sie, dass ein Faden reisst, was zuweilen häufig vorkommt, so drehen Sie den bekannten Schraubenflügel rechts. Dies setzt die Maschine ausser Verbindung mit der Dampfkraft und macht das Werk stehen. Ungefährdet können Sie die Fäden wieder knüpfen und dann in angedeuteter Weise die Maschine wieder in gang setzen. Sie sehen, es ist so einfach, dass jedes Kind diese Arbeit verrichten kann, weshalb Sie ja auch so viele Kinder angestellt haben, denen Sie nur halb so viel Lohn geben, als uns Erwachsenen! – Sind Sie bereit?"

"Einen Augenblick ... Geduld!" bat Adrian. "Mir schwirrt es ... vor den ... Augen ... Ich fühle ... Schwindel ..."

"Sie teilen alle Gefühle Ihrer Arbeiter," erwiderte Martell, dessen stimme ruhig, aber kalt und ehern klang, "der Schwindel verlässt uns nie, allein Not kennt kein Gebot, und so lernen wir auf bewundernswürdige Weise balanciren. Ich will Ihnen jetzt vorspinnen."

Nun trat Martell an die Maschine, welche Adrian durch zwölf Stunden bedienen sollte, verfuhr in angedeuteter Weise und liess den klirrenden und schwirrenden Spindelwagen einige Male vor- und rückwärts laufen.

"Haben Sie jetzt begriffen, Herr am Stein?" fragte er höflich.

"Ich ... glaube ... wenn Sie ... noch einmal ... bei mir bleiben ... wollen –"

"Mit Vergnügen. Einen Schüler muss man unterstützen. Beliebt es?"

Adrian ergriff mit zitternder Hand den Bügel, drückte die Schraube, und sausend rollte der Wagen gegen ihn. Er stand, der Haken ward aufgehoben, die Würtel klirrten, und abermals lief der Stahlwagen mit seinen scharfen Zangen, Rädern und Spiessen auf den Eisenrollen in der ihm vorgeschriebenen Bahn.

"Vortrefflich!" sagte Martell. "Sie bedienen die Maschine wie ein geübter Spinner. – Fahren Sie nun so fort, Herr am Stein, und Sie werden das grösste Vergnügen haben, wenn Sie später einmal sagen können: so viele hundert Ellen Garn habe ich mit eigner Hand auf meinen eigenen Maschinen gesponnen. – Nur hüten Sie sich, den Messingflügeln dieser Welle