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schon sagte, Herr am Stein, bin ich kein Fechter, ich kann mich also nicht in hergebrachter Weise schlagen. Ebenso müsste ich ein Duell mit Pistolen ablehnen, da mich Ihre brüderlichen Gifttränke zum alten zitternden mann gemacht haben, und endlich konnte ich mich aus seltsamen Gewissenscrupeln nicht entschliessen, an einem so liebevollen Bruder zum Mörder zu werden."

"Es bedarf keiner Wiederholung, Herr Martell, da ich Sie nochmals versichere, dass ich mich genau des jüngst zwischen uns Verabredeten erinnere. Ich bitte, kommen wir zur Sache."

"Erlauben Sie, Herr am Stein, dass ich mich offen gegen Sie ausspreche, denn was ich von Ihnen begehre, bedarf der Rechtfertigung."

Martells Züge wurden jetzt finsterer, seine stimme drohend. Er fuhr fort:

"Als mein Sohn unter diesen Walzen zum Krüpel gequetscht wurde, um dann in Folge grausamer Behandlung einem schmerzlichen tod zu unterliegen, da schwur ich Ihnen Rache! Ich wusste damals noch nicht, dass ich Ihr Bruder sei, dachte auch gar nicht, dass ein verbrecherisches Leben gewissenloser älteren über ihre eigenen Kinder solchen Erdenjammer verhängen, dass sie sich in ihren Nachkommen so grauenvoll selbst bestrafen könnten. – Als ich es später erfuhr, schwur ich Ihnen abermals Rache, denn ich glaubte das mir und den Meinigen zugefügte Unrecht nur mit Ihrem Herzblut sühnen zu können! – Noch vor ganz kurzer Zeit, in dem Augenblicke, wo ich überzeugt ward, dass Sie Mörder gedungen hatten, die mich heimlich und ohne dass es die Welt ahnen könne, still bei Seite schaffen sollten, und dass einer dieser Mörder durch eine furchtbare Fügung des Schicksals oder der Vorsehung des richtenden Gottes unser beider unglücklichster Bruder sei, in jenem erschütternden Augenblicke wiederholte ich meinen Racheschwur zum dritten Male! Ich wollte Abrechnung mit Ihnen halten nach altem Gesetz; ich wollte Ihnen Alles das wiedertun, was Sie mir getan hatten, aberich habe mich inzwischen anders besonnen."

"Sie wollen mir grossmütig verzeihen," fiel Adrian wieder aufatmend ein, denn der Oeldunst des Saales, die von Wollstaub geschwängerte Luft und die Angst vor dem Kommenden, das er nicht kannte, nicht einmal ahnen konnte, lasteten erdrückend auf ihm. "Das ist brüderlich gehandelt."

"Verzeihen? – Nein, Herr am Stein! Ich vermochte meine wilden Leidenschaften zu zügeln, meinen Zorn zu bändigen, aber die aus meinem Herzen gerissene Liebe diesem wiederzugeben, das konnte ich nicht! Das überstieg alles menschliche Empfinden! – Verzeihen kann ich Ihnen als schwacher unvollkommener Mensch nicht, aberich lege die Strafe in Ihre eigene Hand."

"Wie das?" fragte Adrian zögernd.

"Ihre Geschicklichkeit wird die Waffe sein, mit der Sie gegen mich fechten sollen!"

"Das verstehe ich nicht."

"Ich werde es Ihnen sogleich erklären. – Zu wiederholten Malen, wenn ich und meine armen Mitarbeiter untertänigst bittend zu Ihnen kamen, um Ihnen vorzustellen, dass Verlängerung der Arbeitszeit einer Art Folter gleichzustellen sei, wiesen Sie uns bald mit harten Worten, bald mit spöttischem Lächeln von sich. Sie glaubten uns nicht allein nicht, Sie behaupteten sogar, wir verstellten uns nur, um Ihnen höheren Lohn abzupressen. Wir hatten gegen Sie keine Waffen, denn wir waren arm, hingen von Ihnen ab, standen in Ihren Schuldbüchern, waren mit einem Wort Ihre leib- und seeleneigenen Knechte, Ihre weissen Sclaven! – Wir fühlten diese Sclaverei um so tiefer, je bestimmter wir uns sagen mussten, dass Rettung, d.h. Fristung unseres jammervollen Daseins nur im Fortbestehen dieses entwürdigenden, unser Volk, unser Jahrhundert, unsere Religion schändenden Verhältnisses zu suchen sei! – Herr am Stein, wir riefen es uns hundertmal zu in schlaflosen Nächten, dass man das Wort 'Freiheit' zum Schalksnarren gemacht, dass man ihm die Knechtspeitsche in die Hand gegeben habe, und uns armes, gedrücktes, wehr- und rechtloses Volk unbarmherzig damit geissele! – Dies Gefühl demütigte uns bald, bald ergrimmte es uns, und wenn wir murrten gegen Ihr Regiment, so war Sinn in diesem Murren! Die getretene Menschennatur setzte sich nur zur Wehr, zur Notwehr! Aber der Schwache hat immer Unrecht, so lange dem Gesetz die höhere Sittlichkeit gebricht, vermöge welcher es auch über Gewaltige Strafen verhängt, wo sie es verdient haben. Das Gesetz ist zur Zeit der Gewalt zinsbar und straft nie ein Verbrechen, das bloss an der Humanität verübt wird. Sie konnten also ungestraft sündigen und werden es vielleicht späterhin noch oft, weil Sie wissen, dass Sie es dürfen. zuvor aber will ich Sie für die an schuldlosen Menschen begangenen Verbrechen in meiner Weise strafen und zwar brüderlich, und darin allein soll meine Rache bestehen."

Martell kreuzte seine arme über der Brust und sah mit zornfunkelndem stolzen blick herab auf den zaghaften Bruder.

"Fahren Sie fort," sagte Adrian kaum hörbar. "Der Aufentalt in diesem saal greift mich an. Ich bin noch hinfällig von meiner letzten Krankheit her."

Martell lächelte. "Schon jetzt?" erwiderte er. "Nun das höre ich gern. Es liegt in diesem Bekenntniss eine Bestätigung meiner Behauptung, die meiner Strafe nur grösseren Nachdruck geben wird. – Glauben Sie denn, Herr am Stein, wir Spinner, die wir doch Menschen, hinfällige, Krankheiten und anderen Zufällen gleich Ihnen unterworfene Menschen sind, glauben Sie denn, dass unsere Nerven anders empfinden, als die Ihrigen? Meinen Sie, unsere Lungen würden