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eine Ausgleichung möglich war, die bisherigen Wohnungen zu verlassen und diejenigen Besitzungen zu beziehen, welche Haideröschens Tochter, also Maja, rechtmässig zugehörten. Dies waren der Zeiselhof nebst einigen dazu gehörigen Ortschaften, Vorwerken, Meiereien und Mühlen. Aurel wünschte dies schon deshalb, weil er sich möglichst bald mit Elwiren zu vermählen gedachte und alsdann wieder entweder nach Hamburg oder in irgend eine andere grosse Stadt sich übersiedeln wollte, da ihm das stille und eintönige Leben eines Landedelmanns nicht für lange Zeit behagen konnte.

Sloboda fühlte sich nunmehr wahrhaft glücklich. Er konnte sich von der Tochter seines geliebten Kindes gar nicht mehr trennen, folgte ihr auf Schritt und Tritt und war im stand Stundenlang vor ihr zu sitzen, sie mit seinen gutmütigen hellblauen Augen fröhlich lächelnd zu betrachten und vergnügt sich die hände zu reiben. Die Freude, schien es, hatte den Geist des alten Mannes so heftig erschüttert, dass eine sich meldende Verstandesschwäche, eine Rückkehr in die Kindheit kaum mehr zu bezweifeln stand. Ihm war es daher auch ganz gleichgiltig, wohin seine Enkel sich jetzt wendeten. Nur immer bei ihnen zu bleiben und ruhig die letzten Tage seines Lebens auf dem Boden, der ihn geboren hatte, zu beschliessen, wünschte er sehnlichst und sprach es wiederholt aus.

Seltsamerweise liess den ehrwürdigen Greis die Nachricht von dem schrecklichen Ende Klütkens ganz unberührt. Er nahm sie hin, wie etwas Alltägliches, sah mit ernster Miene drein, da er die bestürzten und betroffenen Gesichter der Uebrigen bemerkte, aber sein Herz wusste offenbar nichts davon.

Diese schnelle unerwartete Verwandlung des alten Wenden machte seine Freunde sehr besorgt um ihn, und liess sie stillschweigend der Aesserung Aurels beistimmen, welcher Gilbert zuflüsterte:

"Es geht eilig mit ihm zu Ende! Deshalb müssen auch wir uns sputen."

Gegen Abend kehrte Aurel auf die Insel zurück, um Herta und Elwire nicht länger allein ihren Gram zu überlassen. Um Mitternacht, wo Martell seine letzte Zusammenkunft mit Adrian halten wollte, versprach ihn der Kapitän am Ufer des Sees zu treffen, was der ehemalige Spinner zusagte. Gilbert erhielt von Aurel den Auftrag, erst mit Martell, aber ungesehen von ihm, nach Boberstein zu kommen und alsdann wo möglich das Zusammentreffen desselben mit dem Fabrikherrn zu belauschen, damit jedes Unglück verhindert werden könnte, wenn ja die beiden feindlichen Brüder einander Böses sollten zufügen wollen.

So waren menschlicher Berechnung nach alle Vorsichtsmassregeln getroffen, um einen etwa gefährlichen Plan des verschlossenen Spinners zu vereiteln, und die sorge Aurels um beide Brüder verminderte sich merklich.

Herta und Elwire fand der Kapitän ziemlich gefasst in Bianca's Gesellschaft. Er hütete sich wohl, von der Ermordung des Unglücklichen zu sprechen, aber es freute ihn, dass Elwire heisse Tränen des Andenkens dem unwürdigen Vater weinte. –

Es war schon spät, als Bianca die Trauernden verliess, um in ihr noch nicht gelöstes Dienstverhältniss zu Adrian zurückzukehren. Sie hatte Herta entdeckt, welchen Frevel der Graf an ihrer Schwester begangen, wie sie dafür Rache genommen und welche qualvolle Strafe sie über den gewissenlosen Verführer verhangen. Sie versprach den hinlänglich Gestraften, dem sie eine aufreibende Neigung eingeflösst hatte, zu Ostern für immer zu verlassen und in den Schooss häuslichen Friedens bei ihren neu erworbenen Freunden zurückzukehren. Von der neuerdings beabsichtigten Vergiftung des inzwischen Ermordeten, wozu sie die Hand hatte reichen sollen, schwieg sie.

Wie gewöhnlich versah auch Bianca an diesem Abend bei Tisch das Amt einer Dienerin mit der ihr eigenen Anmut und Grazie. Adrian suchte sich möglichst zu beherrschen, um nicht den schrecklichen Hohn der grausamen Schönen zu reizen und sich durch eigene Schuld brennende Schmerzen zu bereiten, allein ganz vermochte er seinem Vorsatze nicht treu zu bleiben, und so suchte denn sein blick mehr als einmal mit flehender sehnsucht das diabolisch lächelnde Auge seiner entzückenden Peinigerin.

Von dieser unseligen leidenschaft abgesehen, war Adrian seit Mittag ein fast heiterer und glücklicher Mensch geworden. Der Tod Klütken-Hannes' entriss ihn plötzlich aller sorge. Der gefürchtete Bruder war von Mörderhand gefallen, ohne dass er eine Ahnung davon gehabt hatte; mit dem Ermordeten war das geheimnis begraben, das ihm (dem Grafen) noch schwere Stunden und ein trübes Schicksal hätte bereiten können. Niemand konnte jetzt gegen ihn klagen, ihn als Mörder denunciren; denn die etwaigen Aussagen Blutrüssels, von dem er von jeher nichts hatte wissen wollen, konnten ihn selbst in keiner Weise compromittiren.

Bianca blieb bis nach zehn Uhr bei Adrian, dann verabschiedete sie der Graf, indem er um die Vergünstigung bat, sie küssen zu dürfen.

"Weshalb?" fragte die Schöne. "Sie wissen, dass ich Sie hasse, Ihnen alles nur mögliche Böses wünsche, dass ich, so lange es mir vergönnt ist, als Furie um Ihr Lager wandeln werde. Wie also können Sie mich küssen wollen?"

"Um Sie zu versöhnen, armes, verblendetes Kind! Es ist dies ja meine Pflicht. Oder sehen Sie nicht ein, dass ich das Unrecht, welches ich Ihrer Schwester zugefügt habe (hier bemühte sich Adrian schwermütig zu seufzen) an Ihnen wider gut machen muss? Ich bin nicht so schlecht, als Sie und mit Ihnen so viele meiner Feinde glauben! Die Verhältnisse allein sind es, die meinem Charakter eine Richtung gegeben haben, welche der allzustrenge Sittenrichter als eine bösartige bezeichnen kann. Sie sehen, ich bin offen, Bianca! Ich gestehe freimütig meine Schwächen und Untugenden, ja, ich bereue sie aufrichtig. Und dennoch stossen Sie die Hand des Reuigen von sich, kehren dem