ein Gesangbuch daneben, lag er mit vorgebeugtem haupt, um das sein langes Haar in schimmerndem Silbergelock floss, mit gefalteten hände auf dem Krankenbett, und besiegte Zeit und Kummer durch gläubige Hingabe an das ewige Wort der Verheissung.
Der entsetzliche Anblick im Kerker hatte Aurel so
gewaltig erschüttert, dass sich der Schreck darüber noch jetzt in seinen Mienen aussprach. Martell bemerkte dies, weshalb er ruhig sagte:
"Du hast etwas erlebt."
"Etwas Unerhörtes," erwiderte der Kapitän, aus
Lore's Händen den Schemel annehmend, den ihm die kränkelnde Frau an den Tisch schob.
"Herta ist ein Unglück begegnet," rief Martell. "Ihr
Herz brach beim Anblick des masslos Verwilderten!"
"Vielleicht wäre erfolgt, was Du sagst, hätte die Vorsehung nicht anders über sie bestimmt Die Tante hat ihren Sohn nicht gesprochen, sie hat ihn nur sehen und weinend segnen können für ein besseres Leben. Er war tot."
"tot! Schon tot! Und vor drei, vier Tagen noch die Gesundheit selbst? Wie ist dies möglich?"
"Er starb an Gift," warf Gilbert ein. "Kredenzte er Ihnen doch wiederholt den vergifteten Trank, wie ich mit eigenen Augen schaudernd sah."
"O nein," sagte Aurel betrübt, "er starb eines fürchterlichen, qualvollen Todes durch Mörderhand."
"Blutrüssel erschlug ihn!" rief Gilbert.
"Mein Gott, welche Gräuel!" sagte Lore. "Und das heisst eine christliche Welt!"
"Betet, betet," flehte der greise Traugott, "damit die Seele des unvorbereitet Dahingegangenen Gnade finde vor dem Herrn!"
"Ich habe Auftrag gegeben," fuhr Aurel fort, "den grässlich verstümmelten Leichnam aus dem Kerker, wo er jetzt noch liegt, zu entfernen. Sein Tod sühnt seine Verbrechen. Wir wollen dem Irrenden, dem Verführten von Herzen verzeihen und seine Gebeine ehrenvoll bestatten. Obwohl ein tiefgesunkener Mensch, war er doch unser Bruder, und sein Zwist mit dem Ungeheuer Blutrüssel, dem er mit Recht und in harten Ausdrücken seine moralische Verwilderung Schuld gab, beweisst, dass er im Herzen sein sündhaftes Leben bereute und auf dem Wege war, sich zu bekehren. Darum Friede seiner Asche und keinen Groll seinem Andenken!"
"Ist Adrian von dieser Mordtat unterrichtet?" fragte Martell.
"Vollbrecht überbrachte ihm die Nachricht."
"Wie nahm er sie auf?"
"Mit gewohnter Ruhe, nur wollte der Geschäftsführer ein seltsames Glänzen seiner kleinen Augen bemerkt haben."
"Wohl denkbar, der Tod des Bruders freut ihn," sagte Gilbert.
"Er kommt ihm wenigstens gelegen," versetzte Martell. "Mit dem letzten Atemzuge dieses Unglücklichen verschwindet auch der letzte Zeuge gegen ihn, denn Blutrüssel ist ein unschädlicher Mensch, ja wer weiss –"
"Du ziehst die Stirn in Falten? Welch ein Gedanke foltert Dich?"
"O nichts, nichts! Ich überlegte nur, wie ich mich bei meinem Abschiede von Adrian benehmen soll."
"Bestehst Du noch immer darauf?" sagte Lore. "Wozu diese fortwährende Qual? Bleib fern vor der Insel und überlasse den, der uns so viel Uebles zugefügt hat, der Strafe seines Gewissens! – Ich kenne Dich, Martell, ich weiss, dass Du Dich in bittern Aerger hineinredest, wenn Du eine geheime Zusammenkunft mit ihm hältst; darum also, ich bitte Dich, stehe davon ab und bleibe bei uns! Noch vor Ostern verlassen wir Dorf und Haide, und siedeln uns über zu unserm treuen guten Bruder und Schwager."
"Ich muss zuvor Abrechnung halten," versetzte Martell trocken.
"Abrechnung! Was hast Du denn noch zu fordern? Es ist kein Lohn mehr rückständig."
"Das verstehst Du nicht," erwiderte der Spinner. "Mein Herz, mein Gewissen, meine und Eure Zukunft verlangen, dass ich dennoch eine Abrechnung mit dem mann der Willkür und des Eigennutzes halte, wie ich sie als Euer Oberhaupt und Versorger zu fordern habe. Also lass mich, Lore, und bringe mich nicht auf durch Widerspruch. Adrian ist überdies schon davon unterrichtet und erwartet mich."
"Wann?" fragte Aurel lebhaft.
"Heute Nacht."
"Ich begleite Dich."
"Bis zu Vollbrecht, wenn Du willst, aber nicht weiter, bei meinem Zorne!"
"Martell!" bat Lore.
"Bruder, Du tust mir Unrecht," erwiderte Aurel. "Will ich Dich denn hindern? Nein, nur über Deine Sicherheit wachen, wenn ein Hinterhalt Deiner warten sollte."
Martell lächelte unheimlich.
"Ich fürchte nichts," sagte er ruhig, "aber Du magst mich begleiten, wenn es Dich beruhigt, doch bestehe ich nochmals darauf, dass Du meine Zusammenkunft mit Adrian, die mehrere Stunden dauern kann, unter keiner Bedingung störst!"
"Wunderlicher, einsinniger Mensch!" versetzte Aurel. "Wenn es nicht anders sein kann, so muss ich mich ja wohl fügen."
Zur Bekräftigung seines Wortes reichte er Martell die Hand, zugleich aber wechselte er mit Gilbert einen bedeutungsvollen blick, den der kluge Matrose vollkommen verstand. –
Die übrige Tageszeit brachte der Kapitän mit Besprechungen zu, welche die künftige Einrichtung seiner Halbgeschwister betrafen. Martell nebst Frau, sowie Maja Simson und ihr Gatte, bei dem Sloboda eingekehrt war, nahmen lebhaften Anteil daran. Es ward beschlossen, zum nahen Osterfeste, bis wohin