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ohne sich weiter um den Kapitän und seine Begleiter zu kümmern, sprang er vom Tische und schritt wie ein wildes Tier im Kerker auf und nieder.

"Nun so zittere!" sagte empört über die Rohheit des Mörders der Kapitän. "Für Dich keine Gnade, kein Erbarmen! Für Dich die härteste Strafe des Gesetzes!"

"Bah!" lachte Blutrüssel. "Es kostet doch weiter nichts als den Kopf, und der ist bei mir grau und alt genug, um abgeschüttelt zu werden!"

Heiseres lachen begleitete diese höhnischen Worte. Aurel fühlte, wie ein unabweisbares Grauen vor diesem Scheusal sich seiner bemächtigte, und da er sah, dass Herta sich wieder zu regen begann, fasste er sie unterm Arm und geleitete die zum Leben Erwachende mit Vollbrechts Hilfe aus dem Kerker.

"Schliessen Sie den Wüterich fest ein," befahl er, "und lassen Sie ein paar sichere Leute vor die äussere Tür stellen, denn dieses Scheusal soll der Strafe nicht entgehen!"

Mit grösster Schonung führten die beiden Männer die noch halb bewusslose Herta zurück in Vollbrechts wohnung, wo Elwire in Biancas Gesellschaft die Grossmutter mit Unruhe erwartete. Zärtlich, liebreich und voll kindlicher Sanftmut schloss die jugendliche Braut die Zitternde in ihre arme, benetzte ihr Stirn und Lippen mit stärkenden Essenzen und suchte sie durch freundlichen Zuspruch zu trösten. Herta beobachtete ein tiefes Schweigen über das, was sie gesehen hatte, und so hielt es auch Aurel für besser, vor der Hand der Tochter das schreckliche Ende ihres unglücklichen Vaters noch zu verschweigen.

Blutrüssel aber erhob grinsend seinen Kopf bei den letzten Worten des Kapitäns und sah mit gleichgiltigem Lächeln die Tür verschliessen.

"Nicht entgehen soll ich der Strafe?" wiederholte er. "Meinst Du, weil Du Graf bist, werde das Gericht Dir schneller zu Handen sein? Dummkopf, das weiss ich besser! –"

Hastig schritt er einigemal im Gewölbe auf und nieder Das brausende Stöhnen der Maschine hinter der tönenden Wand und die verworrenen Stimmen mehrerer Menschen, die in der Maschinenkammer laut mit einander sprachen, machte ihn aufmerksam. Er blieb stehen und horchte.

"Wachen wollen Sie mir vor die Tür stellen? Ha, ha, ha, als ob es möglich wäre diese Schlösser und Riegel zu sprengen mit den blossen Händen! – Wacht immerhin, meine abschreckende Physiognomie soll Euch nicht in die Flucht schlagen! – Aber meinen Kopf sollt Ihr doch nicht in Eurer Schlinge fangen! –"

Auf den Zehen, als fürchte er gehört zu werden, schlich jetzt der blutige Mörder nach der Wand, hinter welcher die Maschine stampfte und fauste. Geraume Zeit legte er sein Ohr an das Gestein, um zu horchen. Dann richtete er sich wieder auf und fletschte die hässlichen Zähne, wie zum Hohn.

"Sie sind fort," sprach er nachdenkend "aber es waren Menschen da, was ein Beweis ist, dass hinter dieser Wand ein Raum sich befindet, den man betreten kann."

Seine vorstehenden Augen liefen forschend über das graue Gestein und mit gekrümmten Fingern pochte er mehrmals daran.

"Kein Zweifel," fuhr er fort, "es ist eine Wand aus Ziegelsteinen. – Sie kann nicht dick sein, sonst könnte ich die Stimmen der Sprechenden nicht so deutlich gehört haben. – Das Rauschen und Lärmen der Maschinen ist sehr vorteilhaftes überschallt vorsichtig geführte Schlägees unterstützt mein Vorhaben. Eine Feuerzange ist zwar ein sehr unvollkommenes Brecheisen, indessin der Hand eines klugen Mannes kann sie eine Spitzhaue ersetzen. – Wir wollen es versuchen, sobald es Nacht geworden, und Satan müsste seine besten Gesellen auf Urlaub schicken, wenn ich den Narren nicht vor Tagesanbruch entschlüpfen könnte. Der Teufel soll mir den Kopf abbeissen, wo ich mich nicht befreie!"

Diesen Plan in seinem verbrecherischen Gehirn ausbildend, setzte sich Blutrüssel ruhig wieder auf seinen Schemel und vertrieb sich die Zeit, so gut als es gehen wollte, durch Absingung unsittlicher Lieder.

Fünftes Kapitel.

Die verhängnissvolle Nacht.

Um die Mittagsstunde trat Aurel in die Hütte Martells, die schon seit einiger Zeit häufig der Versammlungsort derjenigen gewesen war, die sich als Verbündete die Hand gereicht hatten. Der Kapitän war bei seiner Ankunft am Morgen nur auf Augenblicke bei seinem Halbbruder eingekehrt, um ihm die Veranlassung seines Besuches auf Boberstein zu melden. Später hatte er wiederzukommen versprochen, um noch manches Wichtige mit dem ehemaligen Fabrikarbeiter zu besprechen.

Er traf die Familie nebst Gilbert bereits beim Mittagsmahle, das noch immer so einfach wie früher, nur etwas reichlicher war, da Aurel dem halsstarrigen Halbbruder fast mit Gewalt Geld zu Bestreitung der nötigen Ausgaben aufgedrungen hatte. Man hätte glauben sollen, ein so plötzlicher und erfreulicher Glückswechsel müsse die ganze Familie in einen jubel des Entzückens versetzen, denn sie ging ja mit vollkommener Gewissheit einer schöneren Zukunft und einem Leben entgegen, das ihren Augen als ein wahres Paradies erscheinen musste. Dem war jedoch nicht so. Martell war nichts weniger als heiter, eher zeigte er sich jetzt noch mürrischer und verschlossener, als früher, und die übrigen Glieder der Familie litten mehr oder weniger an den Folgen zu grosser Anstrengung und lange stillschweigend ertragenen Mangels. Traugott war sogar krank geworden, mehr vielleicht aus freudigem Schreck als weil seine Lebenskraft wirklich zur Neige ging. Er lag hinter dem Ofen auf derselben Bank, wo Hans unter namenlosen Schmerzen seinen Geist im Arm der jammernden Mutter aufgegeben hatte. Die vielgelesene Bibel vor sich auf dem abgetragenen Pelze, der ihm zur Bettdekke diente, und