1845_Willkomm_143_301.txt

seine Hand, sah die Blutlache, die ihn umgab und wie ein dunkelroter Saum die tiefe Wandseite umfing; er entdeckte die zahllosen Wundenmale, die blutigen, tiefen, schrecklichen Augenhöhlen des grausam Gemordeten.

"O Gott!" rief er aus, mit schnellem Griff eine der Matratzen erfassend und sie mitleidig über den Verstümmelten werfend. "Seine Leiden sind vorüber, man hat ihn getödtet!"

Obwohl Aurel nur leise sprach, konnte Herta doch den Sinn seiner Worte erfassen, und mit dem jammernden Weheruf "getödtet?" stand sie an Aurels Seite neben dem entseelten Schlachtopfer der Mordlust Blutrüssels.

"Lassen Sie uns gehen, teuerste Tante!" bat der Kapitän, indem er die unglückliche, vor Entsetzen bebende Mutter sanft umfasste. "Dieser Anblick ist nicht für Frauen, denn hier hat die Hölle selbst eine ihrer grässlichsten Taten vollbracht."

Allein Herta liess sich nicht zurückhalten. Ohne auf die Bitten Aurels zu hören, sank sie in die Knie, streckte ihre magern weissen hände nach der Matratze aus, hob sie langsam empor und heftete ihre in Tränen schwimmenden Augen auf das blutbedeckte, von Mörderhand zersetzte, Antlitz des Mannes, in dem sie ihren Sohn wieder erkennen wollte. Lange betrachtete sie den verstümmelten, in schmutzige Kleider gehüllten Leichnam; die Tränen versiegten, ihre Augen brannten. – Dann faltete sie die hände, als wolle sie beten, ihre Lippen bewegten sich, und indem sie ihr Gesicht tief herabbeugte über den noch rauchenden blutigen Leichnam des Erschlagenen, schlug sie ein Kreuz über seine Stirn und sagte:

"So ruhe wohl, Kind der Schmach und des Unglücks! Möge der Segen Deiner armen Mutter, von deren Herzen Dich unbarmherzige Räuberhände rissen, die Pforten des himmels Dir erschliessen und Dir Vergebung Deiner Frevel bei dem Allbarmherzigen erwirken!"

Kaum hatte die erschütterte Dame diese Worte geflüstert, so verliessen sie die Kräfte. Sie brach zusammen, sank vorwärts auf die Leiche des Sohnes und tauchte ihre weichen erbleichenden Locken in das warme Blut des eigenen Kindes. –

Aurel hob die Ohnmächtige schnell auf und legte sie in die arme Vollbrechts, der vor dieser unerhörten Freveltat verstummt war.

"Schützen Sie die arme," sagte er, "ich muss noch, ehe wir diese Blutöhle verlassen, ein Wort mit diesem Bösewicht sprechen."

Blutrüssel sass noch immer regungslos auf dem Tische, die schrecklich rollenden Augen scheu zu Boden schlagend. Seine blutigen hände hatte er in die Seitentasche der Jacke gesteckt, die ebenfals mit Blut besudelt war.

"Aus welchem grund hast Du Deinen Genossen getödtet?" fragte der Kapitan streng und kalt. "Hattet Ihr Streit mit einander?"

"Es mochte so 'was sein, denn er spie mir ins Gesicht."

"Du bekennst Dich also zu seinem Mörder?"

"Was hilft's Läugnen, wenn es unmöglich ist?" grinste der Entsetzliche.

"Unglücklicher!" sagte Aurel. "Zwei-, ja dreifacher Mörder! Erhebe Deine rollenden Augen und sieh hin auf dies trauernde, dem grab zuwankende Weib! Kennst Du die arme?"

"Es mag wohl die gefallene Gräfin sein," versetzte der Mörder mit kalter Gleichgiltigkeit. "Ich erkenne sie an der Art, die Haare zu tragen. Als sie jung war, hätte ich 'was drum gegeben, wenn es mir erlaubt gewesen wäre, ihr eine Locke zu rauben. Aber das eitle Ding fand mich zu hässlich und dafür schwur ich ihr Rache."

"Du hast Deinen Schwur gehalten, Entsetzlicher! Denn nicht allein ihren Vater erschlugst Du meuchelmörderisch, Du raubtest ihr auch ihren Sohn, verführtest ihn zu grauenhaftem Lasterleben und, als Du ihn herabgezogen hattest in Deine Lebenskreise, als Du ihn zum Morden verleitet, erschlugst Du auch ihn! – Elender, hörst Du nicht den Rachegesang der Furien, die in engerem und immer engerem Kreise Dich umschleichen?"

Zwar hatte den mordgewöhnten Bösewicht die grässliche Bluttat selbst überrascht und ihn, wie wir gesehen haben, in eine geistige Dumpfheit hinabgedrückt, die ihn vielleicht die strafende stimme des Gewissens auf einige Augenblicke vernehmen liess. Allein Blutrüssel war zu sehr an alle Arten von Verbrechen gewöhnt, er hatte von Jugend auf im Schlamm der tiefsten Lasterhaftigkeit gelebt, die raffinirtesten Sünden hatten ihn ergetzt; es war ihm Genuss, Zerstreuung gewesen, bald hier bald dort eine neue Uebeltat zu begehen oder ihr wenigstens Vorschub zu leisten, dass ein Aufzählen seiner Schandtaten den Verstockten jetzt unmöglich einschüchtern und bis zu wahrhafter Reue zerknirschen konnte. Deshalb schleuderte er auch dem Kapitän nach diesen vermahnenden Worten einen blick der tiefsten Verachtung aus seinen hässlichen Augen zu, zuckte kaltblütig mit den Achseln und erwiderte:

"Auf dieser curiosen Welt hat Jeglicher sein Geschäft. Wer das gut besorgt und zu einigem Aufschwung bringt, der wird belobt. Wozu also Ihr jammervoller Lärm? Raub und Mord war mein Geschäft, der Herr Vater dieser Dame, den ich zuletzt nach Verdienst das Lebenslicht ausblies, hat mich darin unterrichtet und war immer zufrieden mit der Ausführung seiner Aufträge. Ich finde es daher ganz ordnungsmässig, dass ich auch den Enkel abtue, wenn er mir nicht mehr gefällt. Immer besser, von der Hand eines geübten Mörders zu sterben, als von einem Stümper geschlachtet zu werden! Ich hab's getan, und ich meine, das Werk soll den Meister loben. Basta!"

Blutrüssel hatte seine ganze Frechheit während dieser Gegenrede wieder erlangt. Er fühlte sich sicher, ja in gewissem Sinne gross und stolz, und