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ziemlich heftig ihre fragen wiederholte und dabei aus versehen den Faden am Rocken zerriss, sah die alte Frau erzürnt auf. Ein paar Sekunden schien es, als wolle sie eine Flut von Schimpfreden über das Mädchen ausgiessen, plötzlich aber ward ihr Gesicht wieder ernst, ein wehmütiges Lächeln spielte um den reizlosen faltigen Mund, und den Faden wieder anknüpfend und mit grösserer Emsigkeit die Spindel drehend, summte sie erst leise, dann immer lauter eine jener melancholischen Liederweisen vor sich hin, die noch heute bei den Wenden der Lausitzen in Gebrauch sind. Nachdem sie mehrere Verse unverständlich geflüstert hatte, erhob sie plötzlich ihre stimme ganz laut und der fremde Greis verstand die Worte:

"Hinaus sie ihn trugen,

Viel Volk hinterher,

Jüdevoi!

Vor allen sein Liebchen

Ging zwischen zwei Andern,

Jüdevoi!

Das Mägdelein weinte

Und brach ihre hände,

Jüdevoi!"1

Hier liess sie die stimme sinken, so dass die näch

sten Verse den Zuhörern unverständlich blieben, dann aber, die Spindel heftig an sich reissend, an ihren Brustlatz stemmend und den Faden aufwickelnd, fiel sie wieder laut ein:

"Für mich starb der Liebste,

Für ihn will ich sterben,

Jüdevoi!

Hier hab' ich zwei Messer,

Die hat er gekauft mir,

Jüdevoi!

Eins senkte sie in sich,

Warf's and'r hint'r ihm her,

Jüdevoi!.

Begrabt nun uns Beide

Dort unter die Linde!

Jüdevoi!"

Abermals liess sie die stimme sinken und erhob sie erst beim letzten Verse wieder zu verständlichem Gesange, indem sie äusserst langsam in zitternden Tönen und Tränen vergiessend mehr rief als sang:

"Sie liebten sich Beide

In Eines verflochten,

Jüdevoi!

In Eines verflochten."

Mit steigender Aufmerksamkeit hatte der junge Begleiter des Greises den Gesang verfolgt. Als nun die spinnende Alte am Schlusse des Liedes die Spindel auf ihren Schooss sinken liess und schluchzend das Gesicht in die magern hände drückte, sagte Paul, zu dem Greise gewandt: "Grossvater, war das nicht meiner verstorbenen Mutter Lieblingslied?"

"Es war das Lied, das sie nimmer vergessen konnte, die arme Seele!" erwiderte die alte Wende. "Man kennt und singt es, so wenn die wendische Sprache reicht, zumal, wenn man ein selbst erlebtes Unglück zu beweinen hat. Aber wie, Herr Wirt, wie kommt die alte Mutter zu dem lied?"

Der Wirt zuckte die Achseln. "David wäre viel zu erzählen," versetzte er, "wenn ich Euch mit den Einbildungen einer schwachsinngen alten Frau unterhalten wollte. Wir sind darauf gewöhnt und lassen uns nicht mehr durch ihre Gesänge stören. Wohl zehnund mehrmal täglich pflegt sie das alte Lied abzuleiern, so oft sie ein junges Mädchengesicht erblickt. Es scheint, sie bildet sich dann ein, ihre Tochter stände vor ihr, die ein schlechtes Ende nahm in Folge einer leichtsinnigen Liebelei. Eine alte Klage aller älteren, die nie ganz aufhören wird, so lange es noch junge heissblütige Burschen gibt."

Das Mädchen hatte unterdessen ein Linnentuch über den Tisch gebreitet, eine Schüssel kaltes Rauchfleisch und gewärmtes Sauerkraut aufgesetzt, und auch ein paar Gläser Bier eingeschenkt. Dann legte sie neue Kienspäne auf die Kaminplatte und fachte die Flamme mit ihrem Atem an, bis sie knisternd hoch aufflackerte und die geräumige stube leidlich erhellte. Lichter wurden nicht angezündet, das Kaminfeuer musste, so gut es gehen wollte, deren Stelle ersetzen.

"Nun langt zu, alter Vater, und Du, blonder Junge, sieh munter in die Welt!" ermahnte der Wirt seine Gäste, selbst zulangend und ein tüchtiges Rippenstück auf seinem hölzernen Teller, deren einen jeder Gast erhalten hatte, emsig zerlegend. "Wart Ihr lange in Polen?" fragte er den Greis. "Vordem ging viel volkes dahin, auch hier aus der Gegend. Man erzählte sich Wunderdinge von dem billigen Leben in den polnischen Wäldern und von dem leichten Verdienst, den Einwanderer haben sollten, wenn sie die Feld- und Landwirtschaft verständen. Es muss aber doch nicht so gar herrlich gewesen sein, sonst hätten sie wohl schwerlich die martialische Revolution gemacht, die nun ein so klägliches Ende genommen hat! Habt Ihr auch darunter gelitten, alter Vater?"

"Persönlich bin ich verschont geblieben," versetzte der Wende, "aber zwei meiner Enkel mussten den Aufstand mit ihrem Leben büssen. Doch lasst uns davon schweigen! Es ist nicht gut von Dingen reden, die nicht zu ändern sind."

"Gedenkt Ihr Euch wieder ganz in Deutschland niederzulassen?" nahm der Wirt das Gespräch abermals auf, da es ihm nicht gemütlich war, sein Mahl stillschweigend zu verzehren.

"Das hängt von Umständen ab," erwiderte der Greis, "und vielleicht könnt Ihr mir selbst über Einiges, das für mich bestimmend sein dürfte, Aufschluss geben."

"Von Herzen gern, Landsmann. Nur zugefragt und Ihr sollt Antwort haben, bis meine Zunge sich nicht mehr rühren kann."

"Ihr seid doch hier einheimisch?"

"Hier und aller Orten in der Haide bis hinauf an die Berge in den böhmischen Grenzen."

"Da werdet Ihr vermutlich in früherer Zeit von einem vielbekannten und in seiner Art berühmten mann gehört haben, den man zu meiner Zeit nur den Maulwurfsfänger nannte von dem Gewerbe, das er trieb. Wisst Ihr wohl, wo und wann der Mann gestorben ist und ob seine Verwandten noch leben? Denn Kinder hat er meines Wissens nicht. Wenigstens war er niemals