1845_Willkomm_143_298.txt

des bedauernswerten Mannes. In dieser ganzen Zeit vermied er jede Gemeinschaft mit seinem verbrecherischen Genossen, obwohl er gezwungen war, stets um ihn zu sein. Blutrüssel ward dadurch sehr erbittert, doch liess er sich nichts merken, da er sehr richtig voraussah, dass Klütken-Hannes neuen Verkehr mit ihm anknüpfen werde, sobald er die ersten tobenden Stürme der Verzweiflung überstanden haben würde.

Der abgefeimte Bösewicht hatte sich nicht getäuscht. Schon am Abend des dritten Tages gab Herta's Sohn auf seine fragen zusammenhängendere Antworten, was der ergraute Sünder für ein günstiges Zeichen hielt. Er hatte neue Pläne entworfen und wollte diese nunmehr seinem Genossen mitteilen, doch verschob er dies bis auf den künftigen Tag, um recht sicher zu gehen.

Klütken-Hannes war am nächsten Morgen, demselben, wo Herta in Begleitung ihrer geliebten Verwandten nach Boberstein abreiste, um den verlorenen Sohn nochmals zu sehen, niedergeschlagen und schweigsam. Dennoch trank er unaufgefordert von dem Branntwein, den sie zum Frühstück erhalten hatten. Blutrüssel merkte, dass sein Vertrauter und ehemaliger Freund lebhafter ward, und glaubte diesen Moment benutzen zu müssen. So freundlich lachend, als es ihm bei seiner abschreckenden Gesichtsbildung möglich war, sagte er:

"Wenn wir klug sind und uns Einer auf den Andern verlassen, so können wir in ein paar Tagen wieder unsere eigenen Herren sein."

"Daran liegt mir nichts," erwiderte Klütken-Hannes. "Habe ich gefrevelt, so will ich auch jetzt Strafe dafür leiden."

"Und Dich aufknüpfen oder, was noch wahrscheinlicher ist, von unten auf rädern lassen? Denn das ist jetzt Sitte in manchen civilisirten Staaten. Ich sage Dir, Du hast einen schlechten Geschmack. Aus dass Du bessere Einfälle bekommst, – stoss' an!"

"Mit Dir? – Nun und nimmermehr, und sollte es mir die Seligkeit losten!"

Blutrüssel setzte sein Glas vor sich hin und warf dem Reuigen wilde Blicke zu.

"Weshalb nicht?" sagte er barsch. "Bin ich Dir nicht gut genug?"

Klütken-Hannes sass mit untergestemmtem Arm am Tische, runzelte die blatternarbige Stirn und trank häufig kurze Züge aus seinem vollen Glase.

"Antwort verlange ich!" rief der Bösewicht heiser kreischend und stiess sein Gegenüber unsanft an. "Ob ich Dir nicht mehr gut genug bin, HerrBettelgraf, frag ich?"

"Du bist mein böser Geist," versetzte dumpf und ernst Herta's Sohn.

"Ha, ha, ha!" lachte Blutrüssel. "Weil der Narr jetzt weiss, dass er aus anderm Teig geknetet ward, als ich und Hunderttausend meines Gleichen, und weil ich so gescheidt war, einen talentvollen Jungen bei zeiten ins harte Leben hineinzustossen, damit er auch Einer der Unsrigen, ein armer Teufel werde, der von seinem Erwerb sich das Leben fristen muss, deshalb bin ich jetzt sein böser Geist. – Hans, alter Hans, ich, siehst Du, ich finde das lächerlich."

"Ich aber fürchterlich, unaussprechlich grauenvoll!" sagte Klütken-Hannes mit demselben ernsten und dumpfen Tone, in dem er das Gespräch begonnen hatte, während er immerfort von dem Glase nippte.

"Vergiss, was vorüber ist, und schau vorwärts! Ein rechter Kerl kümmert sich den Henker um die Vergangenheit!"

"Auch nicht um seinen Vater, seine Mutter?"

"Um diese schon gar nicht, denn sie gehen ihn nichts an, wenn er sich so lange wie Du allein und ohne Hilfe in der Welt hat fortelfen müssen."

"Ohne Dich wäre ich glücklich, wäre ich ein guter Mensch, ein dankbarer Sohn geworden!"

"Oho!" rief Blutrüssel. "Am Ende soll ich gar daran Schuld sein, dass Du Dein liebes Brüderchen, den Mohrenkopf, mit Gift vergeben wolltest!"

"Bei der ewigen Pein, das bist Du!"

"Kellerhaus!" drohte Blutrüssel und ballte die Hand gegen ihn. "Trödelbube, mach mich nicht mürrisch!"

"Ja," fuhr Klütken-Hannes fort, mit der Faust auf den Tisch schlagend, "Du bist es, der mich um Zeit und Ewigkeit gebracht hat, Du! ... Von Dir fordere ich mein verlorenes Leben! Dich werde ich dereinst vor dem ewigen Richter verklagen!"

"Der kennt mich nicht, so gut ich ihn nicht kenne," höhnte der Mörder, "und überdies, da ich nicht zu seiner Gerichtsbarkeit gehöre, lache ich Deiner Klage."

"Gotteslästerer!" murmelte Klütken-Hannes. "Seine Hand wird Dich ereilen, ehe Du es vermutest!"

"Ach das ist gut," erwiderte der Bösewicht, "Du fängst schon an zu predigenund wirst mich mitin belehren, wenn wir uns noch einige Wochen Gesellschaft leisten sollten."

"Dann erwürge ich Dich!"

"Im Schlafe, nicht wahr? Denn wachend fürchte meine Kralle!"

"Mörder meines Grossvaters!" sagte Klütken-Hannes dumpf vor sich hin und schauderte unwillkürlich zusammen. "Und mit ihm muss ich den Kerker teilen!"

"Ein witziger Einfall, fürwahr! Aber warum war auch Dein Grosspapa so albern und lief mir in den Weg, da ich eben beschäftigt war, mir ein paar Honigwaben zu holen? Du wirst zugeben, dass dies höchst unklug war von dem Fürsten der Haide. Uebrigens aber meine Hand darauf, ich tat damals nichts mehr, nur mit