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schweifen, heftete sie dann fest auf Herta's unglücklichen Sohn und sagte mit mürrischem Humor:

"Guten Morgen, Hans. Wie hast Du auf Deiner Stammburg geschlafen?"

Klütken-Hannes antwortete nicht. Er wendete dem Sprecher den rücken zu und seufzte.

"Hm," fuhr der Mörder fort, "der hat noch Lust zu träumen von den Herrlichkeiten, die seiner warten."

"Dass Du ersticktest!" murmelte Elwirens Vater.

"Bruder, sei kein Narr," erwiderte Blutrüssel, "lass uns lieber vernünftig mit einander reden. Wir sitzen Beide in einer verdammt ärgerlichen Patsche, aber der Teufel müsste über Nacht all' seinen Witz verloren haben, wenn wir nicht mit heiler Haut davon kämen. Lass uns einig sein und wir sind geborgen!"

"Hätte ich Dich nie gesehen, nie auf Dein Wort gehört! Du hast mich verführt, mich unglücklich gemacht hier und ewiglich!"

"Bleib mir vom leib mit solchen Redensarter, alter Junge! – Unglücklich gemachtwas will das sagen! – Und hier und ewiglich! Da ist kein Menschenverstand drin!"

"Ich ... ein Brudermörder! ... O Fluch, Fluch, tausendmal Fluch über Dich seelenverderbendes Scheusal!"

"Recht so, Hans, tobe Dich aus! Das klärt die Seele auf und stärkt den Körper. – Sobald Du Dich satt geschimpft hast, wollen wir zusammen reden wie Brüder. – Ich weiss, dass Du mir ruhig zuhören wirst, denn halb und halb bin ich Dein Stiefvater undkann das von Dir verlangen."

"Mörder, ich werde mich rächen!" drohte KlütkenHannes, erhob drohend seine Faust gegen Blutrüssel und schüttelte wild das struppige graue Haar.

"Ja doch," sagte sein Verführer, immer räche Dich, das ist in der Ordnung. Wenn heute zu Tage ein ehrlicher Kerl eine Ohrfeige kriegt, so hat er keine ruhige Minute, bis er zwei Ohrfeigen zurückgegeben hat. Das nennt man sich rächen oder bezahlt machen, und Alles ist wieder in's alte Gleis gebracht. Ich sehe also gar nicht ein, weshalb Hans Klütken, von Geschlecht der Sohn einer Gräfin, eine andere Metode befolgen sollte.

"Du bist ein Teufel ... mit Deinem Hohn! – O meine Mutter, meine Mutter!"

"Deine Mutter, die alte Frau, ist in guten Händen. Nach einigen Jahren schlechten Lebens geht es ihr vortrefflich, fast so vortrefflich, als es eine Gräfin verlangen kann."

"Sie wird sterben um mich, um ihren verworfenen Sohn! ... Sie wird sich die weissen Haare ausraufen um den elenden Verbrecher ... den Brudermörder! ... Und mein Kindmeine Tochter!"

"Wärst Du meinen Rate gefolgt, so brauchtest Du jetzt nicht diese lamentable Höllenlitanei statt des Morgensegens zu beten. Dein blankes, glattes Mädel gehörte dahin, wohin ich sie Dir zu verhandeln riet, als es mit dem Trödel nicht mehr vorwärts gehen wollte. Dort wäre sie gut aufgehoben gewesen und Dein Lebetage hättest Du nichts von den Dummheiten erfahren, die im vergangenen Jahrhundert Deine hochgeborene Sippschaft beging. – Aber Du wolltest flugs mit Gewalt reich werden, liessest Dich mit dem flinken Gelbschnabel ein, der zum Unglück Dein Bruder sein musste, und so kamst Du in diesen zähen Morast, in dem wir jetzt Beide bis an den Hals stecken."

"Gottes Finger! Gottes Finger!" rief Klütken-Hannes, beide hände über sein Gesicht schlagend. "Ich fühle, wie er meinen Scheitel berührtwie er im sündhaften Sohne die Verbrechen des sündhaften Vaters strafen und sühnen will!"

"Das muss ein sehr widerliches Gefühl sein, mit Verlaub," erwiderte Blutrüssel höhnisch, "ungefähr so widerlich, als ein nüchterner Magen, der sich nach einem derben Stück Fleisch und einem kräftigen Glas Porter sehnt. – Teufel noch' mal, ich glaube, die Bestien wollen uns Hungers sterben lassen!"

Er sprang von seinem Lager auf und suchte Klütken-Hannes, der schon früher aufgestanden war und ruhelos im Kerker auf- und niederging, den Weg zu vertreten. Dieser wich ihm aber geflissentlich aus, um alle Reibung zu verhindern und durch die frechen und höhnischen Bemerkungen des gänzlich demoralisirten Mörders gereizt, nicht zu Tätlichkeiten veranlasst zu werden.

Klütken-Hannes, im tiefsten Innersten erschüttert durch die furchtbaren Aufschlüsse über seine Abstammung und sein verhältnis zu der Familie der Grafen Boberstein, bereute jetzt wirklich sein unseliges Leben, seinen sträflichen Leichtsinn, seine habgierige Verblendung! Ihm graute vor sich selbst, wenn er seine jüngste Vergangenheit überblickte; denn wohin er sein zitterndes Auge wandte, überall begegnete er einer rohen Gewalttatt oder einem heimlichen Frevel! Verkäufer seines eigenen Kindeswüster Säuferfrecher Gotteslästerergewissenloser Heuchlerund endlich gedungener Mörder! – Alle Sünden und Laster der weiten Welt fühlte er bei dieser Rundschau auf sich lasten, ja Satan selbst schien ihm nicht entsetzlicher, nicht fluch- und verabscheuungswürdiger zu sein, als er, der verachtete Trödler, der Sohn einer frommen, rechtschaffenen, liebenswürdigen Mutter aus altem Geschlecht.

"Und sie lebt noch!" rief er wie wahnsinnig. "Sie muss leben, um den grauenvollen Untergang ihres heissbeweinten Sohnes zu sehen! – O dass ein Blitz mich tödtete und meinen Leib in Asche verwandelte, damit die Winde jedes Stäubchen von mir spurlos in alle Lüfte zerstreuten!"

drei Tage lang wiederholten sich diese Klagen