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dies ertragen, ich werde die Zusammenkunft mit meinem Sohne, der ... ein Mörder ... geworden ist, .. still überleben."

Tränen erstickten ihre stimme. Sie verbarg ihr Gesicht in den Locken der schmerzlich bewegten Enkelin.

"Nehmen Sie mich mit, Grossmutter," sagte Elwire nach einiger Zeit und sah bittend mit ihren grossen von Tränen verschleierten Augen zu Herta auf, vor der sie kniete.

"Aber mein Kind!"

"Bitte, nehmen Sie mich mit!" flehte das schöne Mädchen dringender. "Ich sterbe vor innerer Angst, wenn ich allein zurückbleiben soll!"

"Liebe Elwire," sagte Aurel, indem er die Weinende sanft aufhob und sie nötigte, an Hertas Seite niederzusitzen, "es würde Dich zu heftig erschüttern! Du bist ja nicht allein, die treue, erprobte Dienerin der Tante, die sorgende Emma bleibt bei Dir."

"Nein, nein, Aurel, ich verlasse die Grossmutter nicht!" rief Elwire mit leidenschaftlicher Heftigkeit.

"Bedenke, welch ein Wiedersehen! Welch Zusammentreffen!"

Elwire trocknete ihre Tränen und schlug die Augen zu dem Geliebten auf.

"Wiedersehen!" sagte sie dann düster und ein Frostschauer überrieselte ihren zarten Körper. "Nein, Aurel, ich will ihn nicht wiedersehen, aber ich will um Euch, ich will in Eurer Nähe sein."

Der Kapitän küsste sie auf die Stirne und drückte zärtlich ihre Hand.

"Unter dieser Bedingung nehme ich Deine Begleitung an," erwiderte er, "nur versprich mir auch, nicht wankend zu werden in Deinem Entschlusse."

"Bin ich nicht Deine Braut?" sagte Elwire durch Tränen lächelnd. "Du darfst meinem Wort vertrauen, wie meinem Blicke! –"

Nach diesem Entschlusse machte sich eine grössere Ruhe bei den Bewohnern des Zeiselhofes geltend. Die Frauen trafen die nötigsten Vorkehrungen zu der bevorstehenden kleinen Reise, Aurel schrieb eine Menge Briefe an ferne und nahe Freunde. Ausführlich berichtete er das Vorgefallene sowie den Ausgang des Prozesses an Madame Oehler in Hamburg und sprach die Hoffnung aus, sie recht bald wiederzusehen.

Der Maulwurffänger war in seinen Wohnort zurückgekehrt, um Gregor und Schlenker die frohe Kunde von dem Ausgange des Prozesses mitzuteilen. Er hatte versprochen, in einigen Tagen wieder nach Boberstein zu gehen, da seine Anwesenheit dort nötig sein konnte, um Martell teils zu beaufsichtigen, teils zu beruhigen. Man durfte also hoffen, den treuen Bundesgenossen dort anzutreffen, wenn etwa mehrere Tage vergehen sollten, ehe an Rückkehr gedacht werden konnte. Einstweilen war bloss Gilbert im Arbeiterdorfe geblieben, um über Alles, was sich daselbst begeben konnte, sogleich Bericht an den Kapitän zu erstatten. –

Es war am Tage nach der merkwürdigen Unterredung zwischen Adrian und Martell, als Kapitän Aurel mit Herta, Elwire und Sloboda, der nunmehr für immer seine wohnung auf dem Zeiselhofe aufgeschlagen hatte, nach Boberstein fuhr, um die Gefangenen zu sehen und zu sprechen. Wir eilen den trauernden Reisenden voraus, um uns nach den Verbrechern zu erkundigen, die wir am Morgen des wichtigen Tages verliessen, welcher den drei gräflichen Brüdern drei Halbgeschwister unter so erschütternden Umständen zuführte.

Vollbrecht hatte die Verbrecher in einen sichern Ort geführt, aus dem kein Entkommen möglich war. Dieser lag unter den Fabrikgebäuden und bestand aus einem kellerartigen Gewölbe, das für gewöhnlich zu Aufbewahrung von Waarenballen benutzt ward. Feste Türen und Riegel, ein hohes vergittertes Fenster mit altgotischem steinernen Fensterkreuz und mehrere Ellen starke Mauern liessen auf den ersten blick erkennen, dass dieses Gewölbe noch ein Ueberbleibsel der alten Burg Boberstein sei.

Unmittelbar neben diesem Kellergewölbe befand sich eine der Maschinenkammern, wesshalb die Gefangenen das dumpfe, monotone Stampfen und Rauschen der arbeitenden Maschine Tag und Nacht vernahmen. Auf dieser Seite war auch die Mauer des Gewölbes neueren Ursprungs und, wie ein leises klopfen daran deutlich verriet, bei weitem nicht so stark. Der Keller mochte beim Brande der Burg zum teil eingestürzt, später aber die schadhaften Stellen mittelst Mauerwerk aus Backsteinen wieder aufgeführt worden sein.

Dies Gewahrsam war für ein gefängnis ein ganz erträglicher Aufentaltsort. Vollbrecht liess einen Tisch nebst ein paar Stühlen hereinschaffen, ein eiserner Ofen half die etwas dunstige und feuchte Luft erwärmen, Matratzen wurden auf den gedielten Fussboden gebreitet und ausserdem für Lebensmittel die nötige sorge getragen. Nicht einmal Fesseln legte man den Verbrechern an, da Vollbrecht keinen Auftrag dazu erhalten hatte, vielmehr löste er sogleich mitleidig und menschenfreundlich die Stricke, womit den Unglücklichen die hände auf den rücken gebunden waren.

So konnten denn die beiden Verbrecher nach Belieben in ihrem gemeinsamen Kerker umhergehen, sich nach Herzenslust unterhalten und treiben, was ihnen gefiel. Täglich drei Mal brachte ein Bedienter des Grafen den Gefangenen Speise und Trank in Fülle und weit besser zubereitet, als sie es erwarten durften. Selbst auf ihre schlechten Gewohnheiten nahm Vollbrecht Rücksicht, indem er den Elenden täglich eine halbe Kanne Branntwein verabreichen liess.

Anfangs beobachteten Beide ein finsteres Stillschweigen. Jeder schien über die missliche Lage nachzudenken, in welche sie rohe Gewinnsucht und unüberlegtes Handeln gebracht hatte. Keiner sprach mit dem Andern. Wie grimmige Bestien gingen sie mürrisch, bisweilen wütende Blicke sich zuwerfend, an einander vorüber.

Dies Schweigen dauerte den ganzen ersten Tag ihrer Gefangenschaft. Am nächsten Morgen aber fühlte sich Blutrüssel doch gar zu sehr gelangweilt und so hielt er es für klüger, seinen Unglücksgenossen anzureden. Sich mit halbem Körper von seiner Matratze erhebend liess er unter hässlichem Rollen seiner vorspringenden, immer entzündeten Augen die Blicke durch die dämmrige Helle des Gewölbes