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will nicht anheben von dem Beginn unserer Verbindung und von den Ungerechtigkeiten, die ich während derselben von Anfang an erduldet habe. Es sind deren so viele, dass ich mich ihrer nicht mehr erinnern kann. Deshalb vergesse ich sie geflissentlich und nehme an, sie hätten mich nie oder doch nur als ein unabwendbares Schicksal getroffen!"

"Ihr würdet sehr gut tun, wenn Ihr Euer ganzes Leben als von so unabwendbarem Schicksal gleitet betrachten wolltet."

"Ich weiss zu unterscheiden, Herr am Stein, zwischen Zufall, der vom Himmel kommt, und zwischen Qualen, welche die Willkür unbarmherziger, selbstsüchtiger Menschen über uns verhängt. So viele deren von Ihnen ausgingen, über diese sollen Sie mir jetzt, nun mich der Spruch gerechter Richter Ihnen gleichgestellt hat, rede' und Antwort geben."

Adrian zuckte vornehm die Achseln und zog die Stirn in noch krausere Falten.

"Durch Ihre Schuld ist der Tod in meine Hütte gebrochen," rief Martell, "und hat mir den einzigen Sohn unter grausamen Martern geraubt. dafür fordere ich jetzt Genugtuung!"

Adrian verharrte, ohne aufzublicken, in seinem vornehmen Schweigen.

"Mein armes geliebtes Weib liegt in Folge der verlängerten Arbeitszeit auf dem Siechbette und wird langsam eines elenden Todes sterben. Auch dafür fordere ich Genugtuung!"

Abermals tiefes und unverbrüchliches Schweigen von Seiten Adrians.

"Ihr teuflisches System, durch vermehrte Arbeit der Unbemittelten Ihr eigenes Vermögen ins Ungeheure zu vergrössern, hat mich selbst der Liebe entfremdet, hat mich beinahe zum Gotteslästerer gemacht und mir den Frieden meiner Seele geraubt, der mich sonst in aller Not und Drangsal erquickte!"

"dafür werdet Ihr jetzt auch die Früchte meiner schweren Mühen mit geniessen," fiel Adrian ironisch dem Spinner in's Wort.

"zuvor fordere ich für diesen Diebstahl, den Sie rechtlos an meinem besseren Selbst begangen haben, Genugtuung!"

Der Graf lächelte und fing an mit der Spitze seines Fusses auf der parkettirten Diele zu trommeln.

"Nummer drei," sagte Adrian spöttisch. "Ich muss die einzelnen Punkte in meinem Gedächtnisse numeriren, damit ich nicht in die Irre gerate. Viertens? Bitte, mein sehr unterhaltender Herr Bruder, fahren Sie fort. Es fängt an dunkel zu werden und ich würde in der Tat Etwas entbehren, könnte ich Ihr interessantes Mienenspiel bei diesen Mitteilungen nicht mehr beobachten. – Also Viertens, HerrMartell?"

"Sie haben mich geistig beinahe getödtet," sagte tief erschüttert der ehemalige Fabrikarbeiter, "und körperlich mich zum Krüppel gemacht! – Aus elendem, niedrigen Geiz, aus schmuziger Hab- und Gewinnsucht, aus gemeinem Hass gegen Alles, was nicht Ihrer Ansicht war, nicht hochadliger Abkunft sich rühmen konnte, dungen SieMeuchelmörder, liessen mir vergiftete Getränke reichen und untergruben meine so starke, nie von einer Krankheit angefochtene Gesundheit! – Es stünde mir frei, Sie deshalb bei dem weltlichen Gericht zu denunciren, allein ich kann und will das nicht! Ein Etwas, das ich nicht näher bezeichnen kann, ein unklares Gefühl hält mich davon zurück. Es dünkt mir unsittlich, wenn ein Bruder den Bruderhabe er es auch hundertmal verdientangibt! Und sodann wäre mir auch damit nicht gedient, wäre mein Groll, mein Durst nach Rache nicht gelöscht, wenn auch das Gericht den Mann, der mich mit teuflischer List elend machte auf Erden, zum entehrenden tod verdammte! – Eben darum komme ich vor dieser Zeit undfordere Genugtuung!"

"Ist Herr Martell zu Ende?"

"Sogleich. Ich habe bloss noch zu fragen, ob Herr am Stein mir diese Genugtuung geben will?"

"Man muss Euch etwas zu Gute halten, Herr Martell," erwiderte Adrian. "In Eurer bisherigen Lage und Stellung zur Welt konntet Ihr Euch wenig gediegene Bildung aneignen; es darf mich deshalb auch nicht wundern, dass Ihr Euch klar auszudrücken nicht gelernt habt."

"Wollte ich mich verständlicher ausdrücken, so müsste ich Ihnen den schurkischen Hals umdrehen," rief Martell, dessen erkünstelte Ruhe der angeborenen Lebhaftigkeit des Temperamentes zu weichen drohte.

"Das ist schon deutlicher," erwiderte Adrian. "Ich fange an, den Sinn Ihrer Worte ahnungsweise zu begreifen. Aber was wollen Sie, Herr Martell, dass ich tun soll?"

"Herr, mir Genugtuung geben! Ist das deutlich?"

"Ihre stimme ist laut, ich habe die Worte vollkommen verstanden. Doch lassen Sie hören! Auf welche Weise verlangen Sie von mir Genugtuung?"

"Ich wünsche Sie dieselben Qualen empfinden zu lassen, die mir seit Jahren das Herz zerrissen haben," raunte Martell seinem kalt lächelnden Halbbruder zu, indem er dicht an seine Seite trat. "Ja," fuhr er fort, "ich habe unter tausend Seufzern diese Stunde herangefleht vom ewigen Richter der Welt, und ich beklage nur, dass es nicht in meiner Macht steht, Auge um Auge, Zahn um Zahn mit Ihnen abzurechnen! Es peinigt mich, dass Sie keine Kinder haben. Ich würde mich ihrer bemächtigen und mit ihnen verfahren, wie Sie mit meinem armen Haus. Ich würde Ihre Gemahlin peinigen, erschrecken, durch Truggebilde in wahnsinnige Seelenangst hineinhetzen, bis sie zum Schatten hinschwände und unter Seufzen und Schauern eingebildeter Schrecknisse verschied! Das wäre Abrechnung, wie ich sie will, das wäre Rache, wie sie ein Mann nehmen darf und soll, der so gelitten hat, wie ich! – Nun ich hoffe, wir verstehen uns