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uns waltet!"

"Finsterer Wahnsinn packt mich, wenn Du von mir gehst, wenn ich Dich nicht mehr um mich sehen kann!"

"Zur Steigerung Deiner Seelenqualen will ich nicht von Deiner Seite weichen."

"O diese Nächte! Diese endlosen, einsamen, grässlichen Nächte!" jammerte Adrian. Bianca sah dämonisch lächelnd auf ihn herab.

"Sie nennen ihre Nächte einsam?" sagte sie, aus dem zürnenden Tone plötzlich in einen scherzenden übergehend. "Sie sind sehr ungerecht, Herr Graf. Ich war immer bei Ihnen, oft Stundenlang. – An Ihrem Lager knieend bannte ich Ihre Seele in den Zirkel meiner Macht. Der scharfe blick meines liebeheuchelnden Auges zauberte sie in die wilde Jagd schrekkhafter Träume, und die seelenfolternde Gewalt, die Ihre blinde leidenschaft mir über Sie gegeben hatte, hob Gestalten und Bilder vor Ihr Auge, die alle Qualen der Hölle über Sie verhingen! Gewiss, Herr Graf, ich war Ihnen eine treue Haushälterin!" schloss sie lächelnd, indem sie abermals einen ihrer zärtlichen, zur Liebe reizenden Blicke auf den Unglücklichen warf. Adrian klammerte sich mit beiden Händen an ihre Kleider.

"Furie!" rief er, "göttliche Furie! Peinige mich im Leben und im tod, nur ein Mal schliesse mich in Deine arme!"

Lange blickte Bianca auf den zu ihren Füssen sich krümmenden Grafen. Dann schlug sie die Augen zum Himmel auf und sagte:

"Schwester Terese, wenn es Dir vergönnt ist, aus dem Jenseits herabzublicken auf diese verbrecherische Welt, dann öffne Dein Auge und sieh, wie ich Deinen Verführer gezüchtigt habe! Ich bin mit mir zufrieden."

In diesem Augenblicke pochte es.

"Man kommt!" sagte Bianca. "Bitte, Herr Graf, reichen Sie mir die Hand, damit ich Ihnen aus dieser unwürdigen Stellung aufhelfe."

Seufzend erhob sich Adrian. Das Pochen an der Tür wiederholte sich.

"Sie erlauben, Herr Graf?" sagte die schöne Furie und hüpfte graziös zur Tür, die sie öffnete und einige Worte mit dem Bedienten wechselte.

Inzwischen war die Sonne untergegangen. Nur blutiges Abendrot überflammte noch Himmel, Haide und See, und warf einen duftigen Widerschein in's Zimmer. Adrian stand wie in einer dunkeln Feuerwolke. Bianca trat wieder zu ihm.

"Ein Mann wünscht mit Ihnen zu sprechen, gnädigster Herr," sagte sie mit dem sanftesten und bescheidensten Tone von der Welt, indem sie die Falten ihrer kleinen Atlasschürze, welche Adrians Festalten in diese gedrückt hatte, mit der Hand sorgfältig ausglättete. "Befehlen Sie, dass ich ihn vorlassen soll?"

"Ich bin nicht in der Stimmung –"

"Um Fremde zu empfangen, wollen Sie sagen? Zu Ihrer Beruhigung, gnädiger Herr, kann ich Ihnen melden, dass es ein sehr naher Bekannter und noch dazu ein ganz schlichter Mann ist."

Adrian sah die boshaft Lächelnde mistrauisch an.

"Sein Name?"

"Ihr Bedienter meinte, eigentlich solle er den Mann als Graf Martell melden, indess –"

"Martell!" wiederholte Adrian und seine verstörten Züge nahmen den Ausdruck des wildesten Hasses an. Bianca aber winkte, hüpfte nach der Tür und warf dem auf der Schwelle ihr begegnenden Spinner mit verliebtem blick eine Kusshand zu.

Als sich Adrian umwandte, stand ihm Martell allein gegenüber.

Zweites Kapitel.

Adrian und Martell.

Die beiden Halbbrüder standen einander Minutenlang schweigend gegenüber und massen sich mit finstern feindlichen Blicken. So betrachten sich zwei Raubtiere, ehe sie zum tödtenden Sprunge sich erheben.

Martell trug noch seine gewöhnliche schlichte Arbeitstracht, grobe leinwandene Beinkleider und eine Zwillichjacke. Seine abgegriffene Pelzmütze hielt er in der Hand. Ein schwarzbaumwollenes Tuch, von dessen Schadhaftigkeit die vielen Fasern und Troddeln am verschlungenen Knoten zeugnis ablegten, war lose um den stämmigen Hals geschlungen. Ihm gegenüber stand Graf Adrian in einem kostbaren Pelz, im Uebrigen ungezwungen, aber doch vollkommen elegant gekleidet.

Der Spinner war sehr bleich, seine tiefliegenden schwarzen Augen brannten in den dunkeln Höhlen, sein dichtes schwarzlockiges Haar schien einen Todtenkopf zu bedecken.

"Was beliebt?" redete Adrian den unversöhnlich beleidigten, fast zum Lasttier herabgewürdigten Bruder an, seine heimliche Furcht in ein trotziges und hochfahrendes Wesen hüllend.

"Herr am Stein," erwiderte Martell, "oder wie ich eigentlich sagen sollte, Herr Bruder, ich komme, Ihnen anzuzeigen, dass ich nicht mehr Ihr untertäniger Knecht bin und von morgen an als Arbeiter Ihre Fabrik verlasse."

"Das hättet Ihr Euch ersparen können. Nach dem Vorgefallenen verstand sich dies von selbst. Guten Abend!"

"Sie erlauben, Herr am Stein! Ehe ich Sie von meiner, ich kann es mir wohl denken, verhassten Gegenwart befreie, habe ich noch einige Worte mit Ihnen zu sprechen."

"Jedenfalls muss ich auf die grösste Kürze dringen," fiel Adrian ein. Ohne auf diese Bemerkung Rücksicht zu nehmen, fuhr Martell fort:

"Da ich demzufolge für immer aus Ihren Diensten gehe, scheint es mir unerlässlich, dass wir zuvor Abrechung mit einander halten."

"Ist man Euch rückständigen Lohn schuldig, so wendet Euch an Vollbrecht."

"Von Geld ist hier nicht die Rede Herr am Stein, sondern von einer moralischen Abrechnung."

"Das verstehe ich nicht."

"Dann muss ich es Ihnen erklären," sagte Martell mit grollender stimme und trat dem grausamen Bruder, der an einem Spigeltische lehnte, um einige Schritte näher. "Ich