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den Ofen und daraus erwuchs eine Eiche bis in den Himmel. Darauf sagte der Vater, dass er daran hinaufsteigen wolle. Die Mutter sagte: Meinetwegen steige hinauf! Er kam hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Geh', sieh, wer dort klopft. Er ging und sagte: Wer ist da? Der arme Mann sagte: Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. sankt Petrus sagte: der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Im Kämmerlein sind zwei Laib Brod, gib sie ihm. Der arme Mann stieg fröhlich herab und rief: Frau, mach' auf, ich habe es gut getroffen, ich bringe zwei Laib Brod. Sie verzehrten das Brod und er sagte: Frau, ich möchte dort wieder hinaufsteigen. Sie sagte: Meinetwegen steige hinauf. Er kam dort wieder hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Geh', sieh, wer dort wieder klopft. Er ging und sagte: Wer ist da? Der arme Mann antwortete: Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. St. Petrus sagte: Der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Im Kämmerlein steht ein Korb mit Semmeln, gib sie ihm. Der arme Mann der stieg wieder fröhlich herab und rief: Frau, mach' auf, ich habe es wieder gut getroffen, ich bringe einen Korb mit Semmeln. Sie verzehrten die Semmeln und er sagte: Frau, ich möchte dort wieder hinaufsteigen. Sie sagte: Meinetwegen steige hinauf. Er kam dort hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Geh, sieh, wer dort schon wieder an die Tür donnert. Er ging und sagte: Wer ist da? Der arme Mann antwortete: Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. St. Petrus sagte: Der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Hinter der Tür steht ein grosser Stock, nimm den und haue ihn doch so durch, dass er von einem Aste auf den andern fliegt. St. Petrus ging hin und hieb ihn durch. Der arme Mann stieg eilig herab und rief: Frau, mach' auf, mach' auf, ich bin dort sehr übel angekommen, ich bringe sehr grosse Prügel mit –"

Während die jungen Mädchen noch über die humoristische Bestrafung des Unersättlichen lachten und die Burschen sich nicht genug in Lobeserhebungen über das prächtige Erzählertalent Röschens erschöpfen konnten, klopfte es einigemal an den halbgeschlossenen Fensterladen, erst leise, dann laut und immer lauter. Ehrhold bemerkte es zuerst und gebot der summenden Spinngesellschaft Ruhe. Sogleich erscholl das klopfen von neuem und diesmal so stark, dass die hölzerne Balkenwand schütterte.

"Nun, nun, reisst mir nur nichts Haus ein!" sagte der Wirt aufstehend und so laut, dass der aussen so heftig Anklopfende seine Worte vernehmen konnte. "Ihr hört ja doch, dass die Spinte beisammen ist und unter Scherz und Lust begraben wird, werdet's also erwarten! Was soll's denn?"

"Das Krummholz ist da," erwiderte von draussen die Ehrhold wohlbekannte stimme des Nachbars.

"Schon wieder? Was hat denn der Richter zu melden?" versetzte Ehrhold, den Schieber am Fenster öffnend und den hölzernen Laden vollends aufstossend. Ein Mann in Pelzmütze und weissgrauem Schaafpelz reichte ihm ein krummes, fast wie ein Hammer gestaltetes Holz, an das ein Papier genagelt war, welches eine Einladung oder einen Befehl der Obrigkeit entielt, der auf diese Weise den einzelnen Hauswirten zugeschickt und mitgerheilt ward.

"Es ist von wegen der Hofemädchen," sagte der Nachbar. "Der Herr will sie über acht Tage beschauen und sich die kräftigsten und die ihm am meisten gefallen aussuchen. Ihr sollt deshalb, wie alle Andern, übermorgen in der Dämmerung in die Schenke kommen und da Meldung tun, welche und wie viele Mädchen Ihr zu stellen habt. Weiter steht nichts auf dem Papiere, und wollt Ihr Eure Gäste nicht gern verlassen, so mach' ich mir schon den Spaziergang bis zum nächsten Nachbar."

"Vielen Dank, Nachbar, und es wird mir lieb sein," erwiderte Ehrhold. "Was aber für dieses Jahr den Mägdedienst bei hof anbelangt, so habe ich Niemand zu stellen. Ihr wisst's ja."

"Ihr kommt aber doch in die Schenke, Nachbar?"

"Ich werde' schon da sein und meinen Krug Bier trinken."

"Gute Nacht denn und fröhliche Spinte! Ich denke, es wird diese Nacht noch ein Schneegestöber geben. Ihr könnt immer vor Schlafengehen die Bodenfenster schliessen, dass Euch der schöne Winterwaizen nicht verweht wird."

"Gute Nacht!" sagte Ehrhold, schloss Laden und Fenster und setzte sich wieder zu seinen Gästen.

"Vater Ehrhold," nahm Clemens das Wort, ohne Zweifel durch Röschen dazu veranlasst, die ihn während des Wirtes Gespräch mit dem Nachbar zu sich gerufen und heimlich mit ihm geflüstert hatte, "wir hätten Lust, wie wir da beisammen sitzen, künftigen Sonntag über drei Wochen nach Königshain zu gehen. Ihr seid doch mit dabei?"

"Was habt Ihr dort vor?"

"Ach, da ist das Todaustreiben, Vetter," fiel Röschen ein