ist nicht bange vor diesen Sprösslingen
unseres alten Geschlechtes! Halb illegitim sind und
gefallen hat, sie unter der niedrigsten Hefe des Vol
kes aufwachsen, die Gewohnheiten und Allüren
derselben annehmen zu lassen; so hoffe ich, sie
werden allesammt Plebejer bleiben bis an ihren
Tod!"
"Meine Frau, deren Ansichten fast immer mit
den meinigen zusammen treffen, billigt vollkom
men, dass wir uns stolz zurückziehen und mit vor
nehmer Gelassenheit den Bettlern das begehrte Al
mosen auszahlen. Man kann ja nicht wissen, ob sie
es lange geniessen werden! – Ereilt sie der Tod
bald, was ich erwarte, da unsere gemeinschaftliche
Handlungsweise Verlängerung ihres Lebens weder
beabsichtigen noch hervorrufen konnte, so ist es ja
immer noch möglich, dass wir sie später wieder be
erben. Es käme nur darauf an, ihre Nachkommen
schaft, die nicht unbedeutend sein soll, unschädlich
zu machen. Beschlüsse darüber fassen wir bei un
serer nächsten Zusammenkunft, die ich hier in mei
nem romantischen Asyl zu halten vorschlage. Der
Stammsitz unserer Väter ist mir verhasst, ich werde
ihn sobald nicht wieder betreten. Die Gemeinheit
hat ihn mehrfach entweiht. Wir tun deshalb besser
und handeln im geist unserer grossen Ahnen,
wenn wir uns einen andern unbefleckten Sitz für
uns und unsere Kinder aussuchen.
Teile mir Deine Ansichten recht bald darüber
mit, füge Dich, wie ich es tue, mit stoischer Ruhe
in das Unvermeidliche und eile in die arme Deines
Bruders
Adalbert."
Die notwendigkeit solchen Entschlusses sah Adrian ein, an schleuniger Ausführung desselben hinderte ihn aber Verschiedenes. Adalbert wusste nicht, dass Klütken-Hannes des beabsichtigten Mordes überführt, auf Boberstein gefangen sass. Er ahnte nicht, dass sein unglücklicher Bruder als Anstifter dieses Mordes bereits bekannt war, dass Aurel um die ganze empörende Schandtat wusste und mit einem einzigen Worte den eigenen Bruder verderben konnte!
Ungeachtet seiner schrecklichen Lage verzweifelte Adrian nicht. Er hielt es sogar für möglich noch zu siegen und selbst den Schein der Mitwissenschaft von sich abzuwenden, wenn er Zeit gewinnen konnte. War dies geschehen, dann stand einer Zusammenkunft mit seinem Bruder nichts mehr im Wege.
Es gab zwei Mittel, dies Ziel zu erreichen, Flucht oder Tod der beiden Gefangenen. Die Pflicht der Selbsterhaltung, die Notwehr gebot ihm, zu dem zu greifen, das ihm das sicherste dünkte. Dies konnte nur ein Mord sein, ein heimlicher Mord, der unentdeckt blieb.
Adrian schauderte vor solcher Tat nicht mehr zuum sicher zu gehen, und als er mit sich darüber einig war, fühlte er eine Anwandlung von Freude.
Ein Umstand trug bei, die Ausführung ihm leicht zu machen. Niemand kannte die Fremden. Sie lebten als Herumstreicher in der endlosen Haide und wurden schwerlich vermisst, wenn sie gänzlich verschwanden und man das Gerücht von ihrer Flucht verbreitete. An ihrer Habhaftwerdung konnte ohnehin Niemand ein Interesse haben, als Aurel und Martell. Diesen fürchtete Adrian nicht, da er seine Auflösung nahe glaubte, und von Jenem nahm er an, er werde Edelmut und Grosssinnigkeit genug besitzen, um seinen eigenen Bruder nicht des Mordes anzuklagen.
Unglücklicherweise bedurfte er noch einer Mittelsperson, da er einen nicht zu überwindenden Abscheu vor persönlicher Ausübung des Verbrechens empfand. Die Anordnungen dazu zu treffen, den Plan zu entwerfen, selbst die Mittel herbeizuschaffen, schien ihm weniger entsetzlich und strafbar, als die Vollbringung der Tat. Sophistik half ihm über alle Skrupel hinweg und beruhigte ihn vollkommen.
"Ich bin ja kein Mörder," rief er sich ermutigend zu, "wenn ich nicht selbst Hand anlege! Ich gebe bloss Ratschläge und überlasse die Ausführung, die Anwendung derselben andern Händen."
Auch diese hände glaubte er schnell zu finden. Die zarte Aufmerksamkeit Bianca's, ihr weniger freundlich-kaltes Benehmen seit jenem entscheidenden Morgen, ihre aufmunternden Blicke und Worte liessen Adrian glauben, sie erwiedere seine Neigung. Die leidenschaft machte ihn blind, er sah die Liebliche sich schon verbunden und in dieser unbegreiflichen Verblendung zauderte er nicht, sein Wohl und Wehe diesem verführerischen Mädchen anzuvertrauen. –
Es war gegen Abend. Blitzende Goldfäden spannen sich durch die dunkelgrünen Nadelbehänge der Haide und warfen ein zitterndes Strahlennetz über den leis wallenden See. Adrian sass auf kostbarem Rollstuhle am Fenster und warf von Zeit zu Zeit einen zerstreuten blick auf den prachtvoll glühenden Abendhimmel. Seine Gedanken schienen aber mit ganz anderen Dingen beschäftigt zu sein, denn das erhebende Schauspiel des Sonnenunterganges erheiterte nicht seine düstern, unheimlichen Mienen. Er war so tief in sich versunken, dass er nicht einmal das Kommen und den schwebenden Schritt Biancas hörte, die, wie immer reizend angekleidet, für den Grafen einige Erfrischungen auftragen wollte. Erst als sie hustete, sah er auf und reichte ihr die Hand.
"Immer aufmerksam, immer liebenswürdig und gut," sagte er mit einem Anflug von Schwermut.
"Meine Schuldigkeit, gnädigster Herr."
"Werden Sie mir nicht auch den rücken kehren nach diesem Unglück?"
"Warum sollte ich? Sie sind ja gütig gegen mich, wie früher."
"Ich werde aber sehr mürrisch, zänkisch, herrisch, vielleicht gar tyrannisch werden, denn ich hasse die Menschen, weil sie mich hassen und betrogen haben."
"Nicht doch, Herr am Stein! Nun und wenn auch bisweilen wirklich die böse Stunde Sie überfällt, so werde ich armes Kind durch meine Possen den garstigen Feind aus dem feld zu schlagen bemüht sein, und geben Sie Acht, er weicht! Meine Blicke kann er nicht ertragen. Was meinen Sie?