Adrian heftig und befehlshaberisch. "Ich will, dass man alle Landstreicher, die auf meinen Besitzungen eingefangen werden, nicht zu mir bringe, sondern an die betreffenden Gerichte abliefere."
"Tretet vor!" befahl Aurel.
Die Gefesselten gehorchten und näherten sich bis auf wenige Schritte dem bestürzten Grafen. Der Kapitän flüsterte Klütken-Hannes in's Ohr:
"Ist dieser Mann derselbe, von dem Du in Sold genommen und mit jenem verbrecherischen Befehle beauftragt wurdest?"
"Er ist es!" sagte kalt und fest der Gefangene.
"Mein Herr Bruder wird erlauben," wandte sich darauf Aurel zu Adrian, "dass man diesen beiden Uebeltätern ein festes gefängnis einräume. Man hat sie ergriffen in dem Augenblicke, wo sie einen Schuldlosen vergiften wollten. Das Corpus delicti ist in unsern Händen. Sie waren frech genug, sich nur für Werkzeuge eines höher Gestellten auszugeben und wagten sogar den Namen eines Mannes zu nennen, den wir einer solchen Freveltat nicht für fähig halten können. Schon aus diesem grund muss es wünschenswert sein, die Verbrecher in festes Gewahrsam zu bringen. Die spätere Untersuchung wird das Uebrige entüllen. Dürfen wir also hoffen –?"
Aurel stand jetzt an Adrians Seite. Hinter ihm lehnte der Maulwurffänger auf seinem Stabe. Seine kleinen grauen Augen magnetisirten den entlarvten Verbrecher, der nur mit Mühe seine Ruhe zu behaupten wusste. Mit lallender, matter stimme antwortete er:
"Man schaffe sie fort –! Vollbrecht wird einen passenden Raum für sie wissen."
Aurel winkte, dass die Gefangenen abgeführt würden. Es geschah unter staunendem Gaffen des Volkes. Als sie hinter dem haus verschwanden, beugte sich Aurel zu dem gebückt dastehenden Bruder und sagte, nur ihm vernehmbar:
"Der Mann, welcher den Namen Klütken-Hannes führt und dem armen Martell den Gifttrank mischte, gehört auch mit zu den Erben der Boberstein'schen Güter. Es ist der verlorene Sohn Herta's!"
Adrian erstarrte bei dieser Kunde. Sein Auge ruhte gläsern auf dem zürnenden Antlitz des Kapitäns. Dennoch fasste er sich; nur an dem röchelnden Atemholen und den zuckenden Bewegungen seiner hände, die nach einem Halt an seiner Kleidung suchten, konnte man die grosse Erschütterung erkennen, der er fast erlag.
Da berührte die Hand des Maulwurffängers den Unglücklichen.
"Herr am Stein," sagte der Greis, "ich habe Wort gehalten. Die Geister der toten habe ich aus ihren Gräbern hervorgerufen zu Ihrer Züchtigung. Wehe Ihnen, wenn Sie jetzt nicht in sich gehen und bereuen!"
"Hurrah! Hoch lebe Martell, unser neuer Graf und Gebieter!" jubelte die Menge, indem sie sich, den riesigen Spinner in ihrer Mitte, zerstreute, um auf die Fabrik an ihr Tagewerk zu gehen.
Auch Aurel und der Maulwurffänger zogen sich zurück.
Bianca, die während dieser Scene entschlüpft war, um die Blicke der Menge nicht auf sich zu ziehen, trat jetzt wieder vor und schob ihre Hand unter Adrian's Arm. Freundlich lächelnd blickte sie ihn an, indem sie mit hinreissender Zärtlichkeit sagte:
"Sie werden sich erkälten, Herr Graf! Bitte, folgen Sie Ihrer gehorsamen Dienerin in's warme, trauliche Zimmer!"
Diese stimme rief Adrian wieder in's Leben. Er drückte den weichen, vollen Arm der Schönen und liess sich von ihr in's Haus geleiten.
Zehntes Buch
Erstes Kapitel.
Weibliche Rache.
Graf Adrian hatte drei entsetzliche Tage verlebt. Er schloss sich in sein Zimmer ein und liess Niemand zu sich, als Bianca. Ihr Kommen und Gehen, ihr immer gleich anmutiges, zartes und teilnehmendes Betragen war in dieser schweren Zeit seine einzige Zerstreuung. Unschlüssig, ob er sich dem Ausspruche des Gerichtes fügen oder dagegen appelliren sollte, ging er mit grosser Genauigkeit alle Schriften und Documente durch, die ihm inzwischen von seinem Anwalt zugeschickt worden waren. Aus diesen konnte er leider keine Hoffnung schöpfen! Martell, Maja Simson und Klütken-Hannes waren unläugbar Kinder seines Vaters, blieben trotz seines Sträubens und seines inneren Entsetzens, das sich bei dieser Gewissheit seiner bemächtigte, seine eigenen beklagenswerten Halbgeschwister! Maja Simson's Ansprüche auf den fünften teil der Güter des Boberstein'schen Hauses, die ihr die freiwillige Schenkung des Grafen Magnus gesichert hatte, war als giltig anerkannt worden und sollte der rechtmässigen Erbin in einigen Wochen rechtskräftig zugeschrieben werden.
Ein Brief Adalberts, dem es zu gemein erschien, persönlich sich in diese Angelegenheit zu mischen, und der sich deshalb nur durch Mittelspersonen darum bekümmert hatte, richtete den niedergeschlagenen Herrn am Stein einigermassen auf. Adalbert schrieb:
"Mein teurer Bruder,
Es ist mir von Seiten des Gerichtes die Mittei
lung gemacht worden, dass wir unsern Prozess gegen
Jan Sloboda und Consorten verloren haben. Ob
wohl ich auf diesen Ausgang gefasst war, hat er
mich doch überrascht. Die Justiz ist überaus eilig
gewesen und hat sich der Sache mit einem Eifer an
genommen, den wir für gewöhnlich nicht an ihr
rühmen können. Unstreitig sind Dir wie mir die nö
tigen Mitteilungen zugekommen. Bei Durchsicht
derselben leuchtet mir ein, dass für uns nichts als
Kosten in Aussicht stehen, wenn wir den Instan
zenzug verfolgen wollen. Wir müssen unter obwal
tenden Umständen von jedem Gericht verurteilt
werden. Es scheint mir daher politischer zu sein,
uns schweigend in die bittere notwendigkeit zu
fügen, einen teil unserer Güter abzutreten, die
Kosten gemeinschaftlich zu tragen und uns übri
gens von der neuen Verwandtschaft stolz zurückzu
ziehen. Mir