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Bianca, bitte –"

"Still, still! – Sie machen mich eitel! – Oder meinen Sie, ein armes Mädchen bleibe gleichgiltig, wenn es von so liebem mund immer mit so grossen Lobsprüchen überschüttet wird?"

"Ich bin Ihnen also doch lieb, Bianca?"

"Recht sehr! Warum auch nicht? – Aber da landet ja die Fähre."

"Vom lieb sein bis zum lieben ist nur ein Schritt. Versuchen Sie doch, mit Ihrem zierlichen fuss diesen Schritt zu tun, der einen unglücklichen Mann auf einmal unaussprechlich glücklich machen würde!"

"Ich bin nicht liebenswürdig, gnädigster Herr, ich scheine es bloss zu sein. Sie würden erschrecken, wenn ich Törin genug wäre und mich von Ihrem Zureden bestimmen liesse, Ihren Wünschen Gehör zu geben!"

Diese Worte sprach Bianca mit so meisterhafter Kunst, dass Adrian nie ein hinreissenderes Weib gesehen und gehört zu haben glaubte. Er wollte darauf antworten, als die rätselhafte Trompete dicht unter den Fenstern erklang.

"Soll ich mich nach der Neuigkeit erkundigen, die der Mann unstreitig zu verkündigen hat?" sagte Bianca. "Vermutlich eine wichtige Bekanntmachung."

"Gehen wir zusammen," erwiderte Adrian. "Ich vermute, es wird abermals etwas sein, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt."

"Hoch lebe Graf Martell, unser gnädiger Herr!" riefen jetzt hundert und mehr Stimmen in jubelndem Chor.

"Mein Bruder!" sagte Adrian, der Aurel unter dem hervordrängenden Menschenhaufen gewahrt hatte. "Was kann der Kapitän auf Boberstein wollen?"

"Mein grossmütiger Beschützer? Dann hoffe ich, ist die Zeit der Versöhnung gekommen. Gehen wir dem wackern mann entgegen!"

Bianca hing sich schmeichelnd an Adrians Arm. Einer solchen Berührung konnte dieser nicht widerstehen. Vor Seligkeit bebend schritt er mit dem heiter plaudernden Mädchen die Treppe hinunter nach dem freien platz vor dem haus.

Dieser war von einer Menge sehr aufgeregter Menschen umstellt, in deren Mitte Martell an Aurels arme, der Trompeter zu Ross und der greise Maulwurffänger dem Grafen sogleich in's Auge fielen. Als die Menge den Herrn der Fabrik ansichtig ward, erhob sich verworrenes Geschrei und die heftigsten Verwünschungen wurden gegen ihn ausgestossen. Nur die schöne Mädchengestalt an seinem arme hielt die Heftigsten ab, Hand an ihn zu legen. Dennoch blieb Adrian ruhig, trat entschlossen näher, gebot Schweigen und fragte:

"Was hat dieser Auflauf zu bedeuten? Wünscht Herr Kapitän Aurel am Stein mir eine Mitteilung zu machen, so folge er mir in meine Zimmer. Ich liebe nicht, im Beisein tumultuirenden Pöbels Privatangelegenheiten zu verhandeln."

Sogleich trat die Menge zurück und machte dem Kapitän Platz. Aurel, immer den Spinner festaltend, trat vor und näherte sich seinem Bruder. Hinter ihm schloss sich abermals der Haufe.

"Es ist eine öffentliche, keine Privatangelegenheit, die mich heute nach Boberstein führt," sagte der Kapitän. "Unser Streit ist zu Ende, wir können, wenn die Parteien sich einigen, uns binnen wenigen Minuten versöhnen. Das Gericht hat in unserer Rechtssache entschieden."

"So schnell?" stotterte Adrian.

"Wo es an Beweisen nicht mangelt, kann ein Urteil rasch gesprochen werden, mein Bruder! Der Prozess ist in meinem und meiner Freunde Sinne gewonnen, mitin für Dich verloren."

"So bin ich ein Bettler!" rief Adrian erbleichend.

"Keineswegs," versetzte Aurel. "Das Gericht ist nicht ungerecht verfahren. Es spricht Jedem das Seinige zu und so bleibt denn dem Herrn am Stein ausser dieser Fabrik noch hinlänglicher Besitz, um als freier, unabhängiger und wohlhabender Mann leben und Gutes wirken zu können."

Adrian atmete wieder auf. Er bat den Bruder durch einen Wink, fortzufahren.

"In den nächsten Tagen werden uns die Details des Urteilsspruches zugefertigt und dieser selbst späterhin im Namen des Gerichts vollzogen werden. Gegenwärtig habe ich nur um die Vergünstigung zu bitten, Du wollest diesen meinen Halbbruder vor der hier versammelten Menge laut und öffentlich ebenfalls als Bruder anerkennen und versöhnend umarmen."

Ein spöttisches Lächeln kräuselte Adrians Lippe. Tückisch ruhte sein blick einige Secunden auf dem zerlumpten, in Folge des genossenen Giftes gleich einem altersschwachen Greise zitternden Martell.

"Ich weiss nicht," versetzte er mit schneidender Höflichkeit, "ob mein Herr Bruder vielleicht vorher die Güte haben wird, dem neuen Verwandten, dessen Anerkennung das Gericht uns aufzwingen will, zu bedeuten, dass er Schmutz und Kleid der Gemeinheit erst ablege, ehe er Ansprüche macht, in die Gesellschaft anständiger und vornehmer Menschen aufgenommen zu werden. Was mich betrifft, so muss ich entschieden alle Gemeinschaft mit Leuten abläugnen, die, so lange ich denken kann, in meinem Lohn standen und deren Existenz nur von meiner Grossmut abhing. Kann mich das Gericht zwingen, solch einen Menschen Bruder zu nennen, so mag es den Versuch machen; laut aber muss ich hiermit erlkären, dass ich nur der Gewalt weichen werde!"

Aurel antwortete bloss durch eine stumme Verbeugung. Dann kehrte er sich um und winkte den Umstehenden, dass sie zurücktreten möchten. Dies geschah so schnell, als sei Jedermann darauf vorbereitet. Zugleich wurden die beiden Gefangenen, von Gilbert, Paul und dem Maulwurffänger bewacht, sichtbar. Adrian trat einen Schritt zurück und erbleichte, als hätte er Geister gesehen. Der Kapitän fixirte ihn unverwandt und erkannte schaudernd die Schuld auf den fahlen Zügen des Bruders.

"Was ist das für Gesindel?" rief