begann zu spinnen.
Kaum bewegten sich die Maschinen, als Adrian einen namenlosen Schmerz empfand. Er sah, wie seine Haare sich bäumten, wie die Finger der gespenstischen Spinner darnach griffen und sie an die Spindeln hefteten. Dabei hörte er das Höhnen und lachen von tausend Stimmen, die sich freuten über seine Qualen. Die verhungerten Kinder krochen hervor unter den rasselnden Walzen, umringten ihn und führten einen phantastischen Tanz auf, während er von den zahllosen Spindeln emporgehoben wurde und nach allen Seiten hin durch die Spinnsäle schwebte. Ihm war, als fühle er sich unter unsäglichen Qualen immer kleiner werden, zum Zwerg einschrumpfen und endlich fast ganz verschwinden. Was von ihm übrig blieb, war nicht grösser als ein gewöhnlicher Ball, deren sich die Kinder bei ihren Spielen bedienen. Diesen Ball, in dem Adrian sich fühlte und wusste und sah, ergriff zuerst der finstere Martell und schleuderte ihn Maja Simson zu, die ihn in grossen Bogen weiter warf. Ein Wesen, das er kannte, obwohl es mit den Arbeitern in keiner Verbindung stand, fing ihn auf, legte ihn behutsam auf die Erde und stampfte dann mit beiden Füssen darauf, dass er jeden Tritt schmerzhaft fühlte und unter den erbarmungslosen Stössen laut seufzte und stöhnte. Ein Fusstritt schnellte ihn wieder zurück in Martells hände, der das vorige Spiel von Neuem begann. Wohl zwölf Mal musste Adrian sein fühlendes Selbst in so schrecklicher Weise durch einen endlosen Raum fliegen sehen. Da fing ihn zuletzt Bianca auf, liebkoste ihn und legte ihn in ihren Schooss! Adrian war wieder er selbst. Er kniete vor der spröden Schönen und flehte um ihre Liebe. Die Grausame lächelte kalt und schüttelte ihre glänzenden Locken, indem sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand seitwärts deutete und Adrian zwang diesem Fingerzeige zu folgen.
Da sah er in ein dunkles, feuchtes Gewölbe. Einander gegenüber sassen zwei scheussliche Gestalten, die bald sich bald ihn verfluchten. Zwischen ihnen kniete eine greise Frau in schwarzen Gewändern. Er erkannte in ihr Herta, seine Tante. Sie betete und rief um Gnade für ihren Sohn, über den eine strafende stimme laut das Todesurteil aussprach, so laut, dass Adrian jedes Wort deutlich verstehen und an dem Tone die stimme seines Bruders Aurel erkennen konnte. Obwohl der Träumende diesen Sohn weder sah noch kannte, fühlte er doch die Nähe desselben und bei diesem Gefühl ward ihm so schwer und bang, dass er zu ersticken glaubte. Er wollte nach Hilfe rufen, konnte aber nicht, denn die nassen kalten und schönen Haare Teresens, die seinetwegen sich den Tod gegeben hatte, umschnürten seinen Hals!
Lange musste er röchelnd die erschütternde Gruppe in dem dunkeln Gewölbe betrachten, ohne eine Secunde lang sein Auge davon wegwenden zu dürfen, und als endlich das peinigende Bild verschwand, zogen in langer Reihe alle diejenigen wieder an ihm vorüber, denen er im Leben einmal Böses zugefügt hatte. Dieser Zug war von grauenvoller Ausdehnung und von schauerlicher Lebendigkeit. Jeder rief händeringend Wehe über ihn und kehrte sich, wenn er vorüber war, nochmals mit grimmiger Gebehrde gegen ihn, um einen zürnenden Fluch auf ihn zu schleudern.
Als endlich auch dieser gespenstische Zug in feurigem Dunst verschwand, hörte er von fern Trompetengeschmetter, das schnell näher kam. Adrian erbebte vor diesen rauschenden, schreienden Tönen, denn ihm kam es vor, als solle das Weltgericht beginnen und von allen Geschöpfen sei er allein der Verworfene, zu ewigen Qualen Verdammte! Nochmals erklang der Ruf der Trompete, das seinen Hals umschlingende Haar löste sich, er konnte atmen und erwachte!
Dieser wüste Traum, ein treues Abbild von Adrians Seelenzustande, schien mit der Wirklichkeit einigermassen im Zusammenhange zu stehen. Es war lichter Tag und Adrian hörte jetzt wirklich das laute Geschmetter einer Trompete, das der Wind vom dorf her über den See jagte. Auf sein heftiges Klingeln trat der stumme Jean ein und bedeutete dem bestürzten Grafen, dass etwas Ungewöhnliches im dorf vorgehen müsse.
Adrian stand nun auf und eilte an's Fenster. Mitten auf dem See schwamm die Fähre gegen die Insel. Sie war mit Menschen dicht besetzt, aus deren Mitte ein Reiter hervorragte, der von Zeit zu Zeit in eine Trompete stiess, worauf sowohl die Menschen auf der Fähre, als die Bewohner des Dorfes ein lang andauerndes Hurrah erschallen liessen. Der Name Martell ward häufig unter jauchzendem Zuruf genannt.
Irgend eine neue Demonstration vermutend, warf sich der Graf schnell in die Kleider und griff nach seinen stets geladenen Pistolen. In seinem Zimmer fand er bereits Bianca in einem wundervollen Negligé, beschäftigt, den Frühstückstisch zu ordnen. Mit dem anmutigsten Lächeln wünschte sie Adrian guten Morgen und liess es geschehen, dass er dankend ihr die Hand drücken durfte.
"hören Sie den Lärm?" fragte er mit verstellter Gleichgiltigkeit. "Was mag das dumme Volk wieder haben?"
"Ein klein wenig Geduld, gnädiger Herr, wird uns sogleich davon in Kenntniss setzen. Die Fähre nähert sich bereits dem Ufer. – Befehlen Sie Chokolade?"
"Wenn Sie mir Gesellschaft beim Frühstück leisten wollen, schönes Kind, wird mir Alles munden, was Sie mir reichen! – In dieser Nacht waren Sie mein Schutzengel."
"Danke sehr! – War ich hübsch?"
Bei dieser Frage neigte Bianca sich mit so verführerischem blick zu Adrian, dass es diesem grosse und schmerzliche Ueberwindung kostete, das Mädchen nicht an sich zu reissen und mit Küssen zu bedecken.
"Nicht hübsch, aber schön, entzückend schön, wie jetzt!