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, und Selbstbeherrschung, und ich hoffe noch auf dieser düstern Stirn das Lächeln der Freude glänzen zu sehen! Dein unversöhnlicher Feind wird seine verbrecherischen Absichten nicht erreichen; Du wirst leben und glücklich sein."

Martell schüttelte das Haupt und schlug die krankhaft blitzenden Augen zu dem Kapitän auf.

"Wie kann ich glücklich werden, selbst wenn ich am Leben bleibe?" sagte er. "Mein Vertrauen zu den Menschen ist dahin, mein Glaube an das gerechte Walten eines höchsten Wesens hat den wildesten Zweifeln weichen müssen. Ich kann nicht mehr lieben, ich möchte nur hassen. Sündige ich, nun so möge Gott mir in Gnaden vergeben und diejenigen zur Verantwortung ziehen, die mich zu einem so unglücklichen Menschen gemacht haben!"

"Zeit und sanfte Umgebungen werden Dir andere Gefühle einflössen, armer Gedrückter. Komm jetzt, wenn Du Dich stark genug fühlst. Begleite mich auf einem Gange durch die Haide. Der Anblick dieser Unglücklichen taugt nicht für Dich. Sobald wir sie morgen der Gerechtigkeit überliefert haben, gehst Du mit mir auf den Zeiselhof, mit Weib und Kind!"

"Nicht um die Welt, Kapitän!" unterbrach ihn Martell heftig und ungestüm. "Ich mag meine baufällige Hütte nicht verlassen, ich will ein Bettler, ein verachteter Lohnarbeiter bleiben, bis die stimme des Gerichtes gesprochen hat. Ist dies geschehen, sowandere ich vielleicht aus, vielleicht lege ich mich hin und sterbe! Denn nütz bin ich auf dieser Welt doch einmal nichts mehr!"

Aurel wollte den Erbitterten, von dem genossenen Gift noch krankhaft Erregten durch Widerspruch nicht noch mehr reizen und liess deshalb die Zukunft des Spinners einstweilen auf sich beruhen. Ein bittender blick auf den Maulwurffänger genügte, diesen als Wächter in der Hütte zurückzuhalten. Ihm gesellten sich Gilbert und Paul zu, der Kapitän aber und Martell verliessen den Schauplatz eines mit so ausgesuchter Bosheit vorbereiteten Verbrechens.

"Gebt mir wasser!" kreischte Blutrüssel, als sich die beiden Halbbrüder entfernt hatten. "Meine Eingeweide brennen."

Pink-Heinrich öffnete den Verschlag, fand einen Krug Brunnenwasser darin und reichte ihn dem scheusslichen Mörder. Nachdem dieser getrunken hatte, sah ihn der Maulwurffänger mit seinen grauen durchdringenden Augen forschend an.

"Du kennst mich wohl nicht mehr, alter Knochen?" redete er den Gefesselten an. "Vor langen Jahren hielten wir einmal eine verwunderliche Zwiesprach mit einander, an einem Orte, der just auch nicht zu den apart schönen Palästen gehörte."

"Ich kenne Euch nicht," sagte Blutrüssel mürrisch.

"Das beweist mir, dass Du für Dein schlechtes Gewerbe nicht das tauglichste Subject bist. Hättest meiner Seele 'was Besseres werden können! Aber freilich der Wächterdienst im Raubhause –"

"Im Raubhause?"

"Ei ja doch! Dazumal warst Du zwar auch kein Ausbund von Schönheit, aber doch ein fixer Bursche, dem's Maul auf dem rechten Flecke stand. Zu dem Besuche beim 'Fürsten der Haide' zündetest Du mir die schlüpfrige Treppe voran."

"Hm! Ihr seid also der berühmte Maulwurffänger vom toten? Dachte, der Satan hätte Euch längst das Genick umgedreht." "Wäre ich so eng mit ihm befreundet, wie Du, dann hätte er mir diesen Liebesdienst wahrscheinlich erwiesen. So aber hielt ich es lieber mit seinem mächtigen Erbfeinde und der geleitete mich noch immer an seiner starken Hand durch alle Fährnisse dieses wechselvollen Lebens." Blutrüssel murmelte unverständliche Worte in den Bart. Der Maulwurffänger warf einen blick auf den verwahrlosten Sohn der engelguten Herta, und wiewohl es ihn drängte, einige Worte an den doppelt Unglücklichen zu richten, unterliess er es doch, um die Seelenleiden des Armen nicht zu vermehren. In sich versunken, regungslos, nur zuweilen mit den warzenbedeckten Händen krampfhaft in sein verworrenes Haar fahrend, schreiende Seufzer ausstossend und von Zeit zu Zeit die blutunterlaufenen Augen rollend, so sass Klütken-Hannes am Boden der Hütte. Eine endlose, für Alle gleich entsetzliche Nacht umfing Gefangene und Wachtaltende. Als es zu grauen begann, kamen Martell und Aurel von ihrem Nachtspatziergange wieder zurück. Man wartete nun vollends den Tag ab und brach dann die Verbrecher in der Mitte, nach Boberstein auf.

Siebentes Kapitel.

Der Urteilsspruch.

In derselben Nacht hatte Adrian einen sonderbaren Traum.

Er wandelte einsam durch die Säle seiner Fabrik. Die Maschinen standen still, kein Arbeiter war zu sehen, dennoch aber hörte er das Schwirren der Räder und Spindeln, und eine leichte Wolke feinen Wollstaubes umhüllte ihn. Er konnte nicht unterscheiden, ob es Tag oder Nacht war, denn obgleich die Lampen nicht brannten, glühten und leuchteten doch die gläsernen Kugeln, welche sie umgaben, und ein rötliches scharfes Licht strahlte von ihnen aus. Auch der Himmel war hell und durchsichtig blau wie am Tage, nur schien es, als sei statt der Sonne der Mond aufgegangen. Die goldglänzende Kugel wärmte nicht, ihr Licht war kalt und farblos. Wie bläuliches Feuer durchströmte es die umliegende Haide und spiegelte sich in den schimmernden Wellen des See's.

Die Glocke schlug die zwölfte Stunde, dann läutete es. Die Türen aller Säle, die Adrian auf einmal übersehen konnte, taten sich auf, und in langem zug erschienen die Spinner. Es waren aber keine Menschen von Fleisch und Bein, sondern graue durchsichtige Schatten mit kummervollen Mienen, tief eingefallenen, entsetzlich leuchtenden Augen, die sie alle unverwandt auf den erschrockenen Gebieter richteten. Jeder trat an seinen Ort und das ganze Heer dieser murmelnden Schatten