1845_Willkomm_143_284.txt

geblieben ist; auch macht es mir Spass, von einem Fremden mein eigenes Leben so hübsch erzählen zu hören."

"Du schlichst Dich mit Deinem saubern Genossen als Köhler in die Gesellschaft der armen Fabrikarbeiter drüben im Dorf am See, die mit ihrem Herrn unzufrieden bei ihren Zusamrmenkünften häufig heftige Reden führten und demselben seiner Härte und Grausamkeit wegen alles Böse wünschten. Dabei fandest Du gelegenheit, die Armen zutraulich zu machen und namentlich Martell an Dich zu fesseln durch Deine Freigebigkeit. Man versprach Dir goldene Berge, wenn Du seinen Tod bald herbeiführtest, doch so, dass es den Anschein habe, als sei er in Folge ausschweifender Trunksucht gestorben."

"Sehr verbunden, Herr Kapitän. Es freut mich zu hören, dass Sie von Ihrem eigenen Auftrage kein Wort vergessen haben. Die Komödie fängt nunmehr an mich zu belustigen."

"Diese Lust wird sich bald in Entsetzen verwandeln, Unglücklicher!" rief Aurel, indem er dem Gefesselten näher trat. "Betrachte mich genau und erinnere Dich, dass ich mich Dir als Kapitän am Stein zu erkennen gab!"

"Kapitän am Stein, ganz recht. Das passt zusammen, wie Ober- und Untertasse."

"Mit meinem wahren Namen, Aurel Graf von Boberstein."

"Von Boberstein?" schrie Blurüssel auf und strich sich die borstigen grauen Haare aus der Stirn. "Ha, dann bricht die Hölle über uns herein!"

Und heulend schlug sich der Mörder mit den eigenen Fäusten Brust und Stirn.

"Sieh, selbst dieser verwilderte Elende erschrickt vor meinem blossen Namen! Glaubst Du jetzt an namenlosen Jammer, an unaussprechliche Vergehungen, die Du zum teil begangen hast, zum teil begehen wolltest?"

Klütken-Hannes hatte sich aufgerichtet und schloss die gebundenen hände unwillkürlich wie zum Gebet. Sein entsetztes Auge hing fragend an den Lippen des Kapitäns.

"Es gibt der Grafen von Boberstein drei, alle Söhne eines Vaters, der zu den unglücklichsten Menschen gehörte," fuhr der Kapitän fort. Er war leichtsinnig und beging in sträflichem Leichtsinn schwer zu sühnende Uebeltaten. Eine der entsetzlichsten bestand darin, dass er schöne Mädchen mit Gewalt sich dienstbar machte und die unglücklichen Geschöpfe späterhin verstiess. Die Kinder so sträflichen Umgangs gab er dem Elende preis; sie irrten ungekannt in der Welt umher. Erst nach langen, langen Jahren leitete ein Zufall ihr Wiederfinden ein. Man traf einen Sprössling des Grafen Magnus von Boberstein unter den darbenden Arbeitern in der Fabrik des Grafen Adrian von Boberstein, genannt Herr am Stein. Der Bruder war ohne Wissen und Willen fast leibeigner Knecht, elender Sclave des eigenen leiblichen Bruders geworden! Dieser Bruder nannte sich Martell!

"O Gott erbarme sich!" stammelte Klütken-Hannes. "Ein Bruder wollte den Bruder ermorden!"

"Wir sind noch nicht zu Ende, Unseliger! Nicht genug, dass der Bruder aus Geiz und Habsucht Mörder gegen den Bruder dang, er suchte sich zu diesem gedungenen Mörder auch einendritten Bruder aus inDir!"

"Erbarmen!" winselte Klütken-Hannes.

"Ja, Beklagenswerter! Du, ein verlorenes Kind, als Knabe von diesem Scheusal, das sich jetzt winselnd zu Deinen Füssen krümmt, auf Befehl Deines Vaters in die Welt hinausgestossen, Du bist der Sohn Herta's, der Cousine des Grafen Magnus, die jetzt eine Greisin, wieder im Schosse ihrer Familie lebt. Du bist der Bruder dieses Mannes, dem Du täglich Gift zu trinken gabst, Du bist auch mein, mein Bruder!"

Aurel vermochte nicht mehr zu sprechen. Tränen des Jammers erstickten seine stimme. Er setzte sich auf einen der Schemel, legte beide arme gekreuzt auf den Tisch, senkte den Kopf und schluchzte laut.

Stumm und ernst umstanden der Maulwurffänger, Gilbert und Paul die Opfer dieser schauerlichen gesellschaftlichen Verbrechen, unter deren qualvollen Last die Beteiligten jammernd zusammenbrachen. Nach einiger Zeit ermannte sich Aurel wieder und fuhr fort:

"Die unerforschliche Vorsehung hat mir das Amt vorbehalten, als Ankläger und Richter gegen meine eigenen Brüder auftreten zu müssen. So schwer dieses Amt ist, so halte ich es doch für meine Pflicht, es zu übernehmen. – Johannes Klütken, Du bleibst mein Gefangener. Ich verhafte Dich, als Mörder, als Brudermrörder! – Und Du, Blutrüssel, oder wie Du sonst heissen magst, Dich verhafte ich als Mörder desjenigen Mannes, der ehedem unter dem Namen 'Fürst der Haide' in diesen Wäldern berühmt und gefürchtet war; denn Niemand als Du erschlug den Vater Herta's im wald, Niemand als Du entführte den Knaben Johannes und bereitete seinen moralischen Untergang vor!"

Zerknirscht und überwältigt von der so unerwartet hereingebrochenen Nemesis, wagte der freche Mörder nicht zu läugnen. Die Angst des Entsetzens schüttelte ihn wie Fieberfrost, presste ihm Töne aus, die dem fernen Geheul hungernder Wölfe glichen.

"Bis zum Anbruch des neuen Tages bleibt Ihr in dieser Hütte, von meinen Begleitern bewacht. Morgen werde ich Euch dem strafenden Arm der Gerechtigkeit überliefern. Zeigt Ihr Euch reuig, so kann ich vielleicht zu Milderung der über Euch zu verhängenden Strafe in Betracht der eigentümlichen Verhältnisse ein fürsprechendes Wort einlegen, seid Ihr aber halsstarrig, verstockt und in Sünden verhärtet, dann treffe Euch die ganze Strenge des Gesetzes! –"

Aurel wandte sich nun zu Martell, der dem Bisherigen mit demselben ernsten Schweigen beigewohnt hatte, das alle Uebrigen beherrschte. Gerürt reichte er dem schwer geprüften Halbbruder die Hand und sprach:

"Mut, Martell