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und wollte die Tür aufreissen.

"Geduld, Herr Kapitän!" ermahnte der Maulwurffänger. "Wir können immer noch eine Weile zusehen. Unser Geschäft hat Zeit, bis Martell wirklich trinkt."

"Und wenn er stirbt? Bedenkt, wie furchtbar angegriffen er ist!"

"Von dem halben Kaffeelöffel Giftpulver stirbt er nicht," versetzte der Maullwurffänger mit grosser Ruhe. "Der Magen eines Armen verträgt 'was. Er wird hart und schwielig, wie die Hand, die ihn erhalten muss."

"Jetzt lass mal hören, armer Teufel," sagte KlütkenHannes, "was das für eine geschichte ist mit dem Prozesse, von dem wir gestern sprechen hörten? Du sollst ja auch mit dabei sein. Aber um was, in's Teufels Namen, prozessirst denn Du? Bist ja ärmer wie eine Kirchenmaus!"

"Ich prozessire nicht, ich lasse es nur geschehen," erwiderte Martell mit finsterer Miene, "und weil ich gar nichts davon wissen mag, darum sitze ich hier und trinke mit Euchauf Eure Kosten. Euer Geldsack soll leben!"

"Hurrah! Und sich immer von Neuem füllen!"

"Sauf!" schrie Blutrüssel und stiess mit Martell an. Der Spinner trank, spie aber schon nach dem ersten Schluck den Branntwein wieder aus. Sein Geschmack war noch nicht verdorben, er selbst noch zu nüchtern.

"Nun, was hast Du?" fragte Klütken-Hannes. "Was ist das für Manier, uns für unsern guten Willen nicht Bescheid zu tun?"

"Das Gesöff schmeckt nicht. Es ist verdorben."

"Albernheiten! Es schmeckt ja uns!"

"Koste! – Aber wie zum Henker sieht das Zeug denn aus! Ganz trüb und wolkig! Puh, und wie riecht das! Wie Knoblauch!"

"Ich rieche nichts," sagte Blutrüssel. "Trinke nur und ich wette, es schmeckt Dir wie kein anderes."

Martell setzte das Glas abermals an die Lippen und versuchte zu trinken. Aber nur wenige Tropfen vermochte er zu verschlucken. Schaudernd setzte er es nieder und warf einen furchtbar ernsten blick auf die beiden Schurken, die unvorsichtig verräterische Blikke unter einander gewechselt hatten.

"Ich glaube," sagte er mit schauerlicher Ruhe, "Ihr seid alle Beide ein paar elende Hunde! Eure Satansaugen haben Euch mir verraten! Ihr wollt mich vergiften; denn Gift und nichts weiter als Gift ist in diesem Glase! Was hab' ich Euch getan?"

"Er ist betrunken!" lachte Blutrüssel.

"Sei kein Narr; giesse das Glas aus und lass Dir's mit frischem Branntwein füllen. Wer weiss, was zufällig mit hineingekommen ist."

"Halt!" donnerte Martell, als Klütken-Hannes das vergiftete Getränk auf die Diele giessen wollte. Kein Tropfen soll davon verloren gehen, bevor es ein Apoteker untersucht hat. Seit vorgestern will mir ein entsetzliches Licht über Euch aufgehen! Mein armes Weib, das mich weinend umfing, als ich zitternd und taumelnd in die elende kammer trat, mein Weib hat mich zuerst darauf aufmerksam gemacht. Der grimmige Schmerz in meinen Eingeweiden, der während der Nacht wiederkehrte und sich erst verlor, als ich mich erbrechen musste, dieser Schmerz, behaupt' ich, rührte von einem Giftstoffe her, den Ihr mir unvermerkt, wenn ich halb trunken war, in's Glas geschüttet habt! Seit einiger Zeit fühle ich ein merkliches Abnehmen meiner Kräfte, eine Schwäche meines Gedächtnisses. Ich werde elend, ich zittere, wie Espenlaub, meine Farbe hat sich verwandelt. So wirkt der Genuss rein geistiger Getränke nicht; es sind dies die Folgen der schädlichen Beimischungen, mit denen Ihr mich elend machen wollt! – Ich behaupte dies jetzt und werde es so lange behaupten, bis das Gegenteil bewiesen ist. Ihr aber sollt nicht von der Stelle, bis Ihr mir sagt, was Euch zu solcher Schändlichkeit bewogen hat!

Martell ergriff seinen Schemel, schob ihn vor die Tür der Hütte und stellte sich in seiner ganzen riesigen Grösse hinter denselben.

"Gebt Antwort, oder ihr sollt empfinden, dass Ihr es mit einem Verzweifelten zu tun habt, der trotz Eurer verfluchten Tränke doch noch im stand ist, ein paar Hallunken zu züchtigen!"

"Genug des Spectakels jetzt!" entgegnete Blutrüssel, dem an Aufrechtaltung des Friedens am meisten gelegen war. "Deine alberne Gans von Frau hat Dir die Narrheit in den Kopf gesetzt, und weil Du angegriffen warst vom arbeiten und Trinken, so hast Du das dumme Zeug geglaubt. Was sollten wir denn profitiren, wenn wir Dir das Lebenslicht ausbliesen? He?"

"Ja, das sag' uns, Grobian, was sollten wir profitiren?" wiederholte Klütken-Hannes.

"Man hat Euch bestochen, erkauft! Pfui über Euch Wichte!" schrie Martell und spuckte vor ihnen aus, "aber ich will es Euch eintränken, so wahr ich ein geborener Graf bin!"

"Du ein Graf! Ein Graf in zerrissener Leinwandhose!" höhnte Blutrüssel. "Wie teuer schlägst Du Deine Garderobe wohl los? etwa für ein halbes Spitzglas?"

"dafür, Du Hund!" schrie Martell, indem er dem Mörder mit geballter Faust ins Gesicht schlug, dass er krachend mit sammt dem Schemel zu Boden stürzte.

Dieser Faustschlag war das Signal zu einem allgemeinen fürchterlichen Kampfe, der sich jetzt zwischen den beiden Verworfenen und dem gereizten Martell entspann.