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meinem Gedächtniss zu tief eingeprägt. Kein Anderer, als jener scheussliche Musikant, von dem Sie Kunde erhielten, dass Ihre gnädige Tante noch am Leben sei, war gestern Nacht des Trödlers Gefährte!"

"Weisst Du seinen Aufentalt? Wir müssen ihn unschädlich machen."

"Nein, Kapitän! Gedulden Sie sich aber bis morgen Nacht, so können wir die beiden Unholde gefangen nehmen."

"Weshalb so lange zögern?"

"Weil sie heute in Geschäften, wie ich aus ihrem eigenen mund gehört habe, in der Haide herumlaufen."

"Sind sie bewaffnet?"

"Mit langen Messern."

"Dann müssen wir die Torfhütte umstellen, sie einschliessen und überrumpeln!"

"Damit die beiden Teufel dem armen Martell die Kehle abschneiden?" warf der Maulwurffänger ein. "Wenn Sie erlauben, mein Herr Kapitän, so möchte ich mich diesem Feldzugsplane widersetzen. Ich habe einen andern Gedanken."

"Lasst hören, braver Alter!" sagte Aurel.

"Aus der Beschreibung des flinken Matrosen kann ich mir abnehmen," erwiderte der Maulwurffänger, "dass die verruchten Satanskinder Ihren Herrn Halbbruder nach jener Torfgrube gelockt haben, die in der Haide unter dem Namen des Binsenloches bekannt ist. Ich kenne die alte Wächterhütte ganz gut, denn sie hat mir manche Nacht zum Obdach gedient. Gross ist das Bretterhäusel freilich nicht, aber um sich drin zu verstecken, hat es doch Raum genug. Es besteht aus zwei ungleichen Hälften und einem Verschlage, um Lebensmittel drin zu verschliessen." Die Gauner sind im eigentlichen Wohnzimmer gewesen, hör' ich, die kammer daneben, scheint mir, hat Keiner von ihnen betreten. Wer weiss, ob sie sie gar kennen! Wie dem aber auch sei, es tut nichts zur Sache! "Wer vorkommt, mäht vor," ist ein altes gutes Sprichwort, auf das sich alle Deutschen verlassen können bis zum jüngsten Tage! Aus diesem grund mein' ich, meine Herren, wir schlichen uns alle vier mit Stricken wohl versehen bei zeiten nach dem Binsenloche und verkröchen uns schönstens in der kammer des Wächterhauses. Kommen dann später die Mordkerle mit ihrem vergifteten Gesöff, um unserm unglücklichen Freunde vollends das Garaus zu machen, so packen wir die Sackermenter risch1 bei der Kehle und binden sie, dass sie die Engel im Himmel singen hören, als stünden sie wie die Ostersänger dicht vor der Hütte! Was hernach weiter geschehen soll, das mag der Herr Kapitän und das Gericht bestimmen.

Aurel fand diesen Vorschlag so annehmbar, dass er sich dankend dafür entschied und den Maulwurffänger beauftragte, für alles Nötige zu sorgen.

Am frühen Morgen des nächsten Tages ging Aurel sehr zeitig mit Gilbert aus, um die Torfgrube zu besichtigen und sich mit den Oertlichkeiten bekannt zu machen. Sie fanden die Tür der Hütte unverschlossen, in dem Verschlag einen grossen Vorrat von Branntwein und Rum, ein Kohlenbecken nebst Feuerzeug und mehrere Gläser und Kannen. Die kammer war bis auf einige von Ratten und Mäusen zernagte Strohsäcke ganz leer. Sie eignete sich vortrefflich zu einem Versteck, da an der Tür ein schmales Schiebefenster angebracht war, das man nach Belieben öffnen und schliessen konnte. Um unbemerkt zu bleiben, ordnete Aurel die Schemel in der stube so um den Tisch, dass die nächtlichen Zecher der Tür den rücken zukehren mussten.

Den Rest des Tages verbrachte der Kapitän mit Gilbert auf der Jagd, da Vollbrecht aus Adrians Gewehrzimmer unbemerkt ein paar vortreffliche Doppelflinten hatte entnehmen können. Mit der Abenddämmerung kehrten sie zurück und eilten sogleich in ihr Versteck, wo bald darauf auch der Maulwurffänger und Paul ankamen.

Lange mussten sie vergeblich warten, erst in der neunten Stunde hörten sie, dass sich schlürfende Schritte der Hütte näherten und drei Männer schweigend in die stube traten. Einer von ihnen schlug Feuer an, entzündete ein Talglicht und stellte es auf den Tisch. Aurels Späherauge erkannte in ihm KlütkenHannes. Inzwischen beschäftigte sich Blutrüssel mit Entflammen der Kohlenpfanne, um das scharfe Getränk zu erhitzen, Martell aber, welcher diesen Vorbereitungen schweigend zusah, stützte beide arme auf die Lehne seines Schemels und schien kaum den Augenblick erwarten zu können, wo das erste Glas des vernichtenden Getränkes seine fieberhaft brennende Lippe benetzen werde.

"Beim ewigen Gott, sie sind es!" flüsterte Aurel dem Maulwurffänger zu. "Und solchen Menschen soll ich Bruder nennen! – O fast möchte ich wünschen, nie das Licht dieser entsetzlichen Welt erblickt zu haben!"

"Still!" sagte der Maulwurffänger. "Der Kerl, der mir damals den Span hielt, als ich Herta's Vater gegen ihren Cousin zu Hilfe rief im Namen der armen Wenden, er fletscht seine Zähne gegen Martell und wird vermutlich einen gottlosen Witz reissen wollen. hören wir zu!"

"Mordelement," kreischte Blutrüssel, ein Glas füllend, und die heisse Flüssigkeit anzündend, "brennt das nicht wie ein Todtenlicht? Und wie lebendig machts einen resoluten Kerl, der solche Flammen dutzendweise einschlürft! Wer will?"

Mit krampfhaft zitternder Hand griff Martell nach dem Glase, weidete ein paar Secunden lang seine Blicke an der zuckend spielenden Flamme, in deren blauer Lohe sein Gesicht einer Todtenmaske ähnlich ward, blies sie dann aus und leerte das Glas auf einen Zug. Als er es auf den Tisch niedersetzte, benutzte Klütken-Hannes den günstigen Moment und schüttete weisses Pulver in das Gefäss, während Blutrüssel es sogleich wieder füllte. Martell hatte nichts bemerkt.

"Heiliger Gott, er vergiftet ihn!" stammelte Aurel