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"Nun so hört denn zu!" versetzte Röschen, ihr blühendes Gesicht gegen Clemens wendend, an den sie vorzugsweise ihre Mährchenworte zu richten schien.
"Noch einen Augenblick, Röschen!" fiel Ehrhold ein. "Das Heerdfeuer will verlöschen und das wäre ein schlimmes Zeichen. Des Wanderers Lampe muss hell brennen, wenn die Ohren der Bauern nicht Zeit haben, aufzupassen!" Damit warf er ein paar hände voll Kienspäne auf den Kamin, dass die glimmenden Kohlen schnell hoch aufloheten, und setzte sich wieder an den Tisch.
Haideröschen begann:
Das Mährchen von den andächtigen Sängern.1
"Es geschah aber, dass der Herr Christus und der heilige Petrus in der Welt herumwandelten. Und sie kamen in ein Dörflein, wo man in einem haus so schön sang. Und der Herr Christus blieb stehen, um zuzuhören, der heilige Petrus ging aber immer weiter. Und als er ein Stückchen weiter gekommen war, sah er sich um und der Herr Christus stand noch dort. Der heilige Petrus ging aber immer weiter. Und als er ein Stückchen weiter gekommen war, sah er sich wieder um und der Herr Christus stand noch immer da. Der heilige Petrus ging aber doch noch immer weiter. Und als er ein Stückchen weiter gekommen war, sah er sich noch einmal um und siehe – der Herr Christus stand immer noch da und hörte zu. Da kehrte der heilige Petrus auch um und kam wieder zu dem haus und dort sang man so schöne Volkslieder. Da sie nun eine Zeitlang zugehört hatten, gingen sie beide weiter und kamen an ein anderes Haus, dort sang man auch. Und der heilige Petrus blieb stehen, um zu horchen, der Herr Christus ging aber immer weiter. Da ging der heilige Petrus auch weiter und wunderte sich gewaltig. Da sprach der Herr Christus: Was wunderst Du Dich so gewaltig? Und der heilige Petrus sprach: Ich wundere mich darüber so gewaltig, dass Du dort stehen bliebst, wo sie Volkslieder sangen, und hier vorbeigehst, wo sie geistliche Lieder singen. Da sprach der Herr Christus: Mein lieber heiliger Petrus, dort singen sie Volkslieder, aber mit aller möglichen Andacht, hier singen sie geistliche Lieder, aber ohne die geringste Andacht."
Allgemeines Händeklatschen belohnte die glückliche Mährchenerzählerin, und als wollte man zum Dank für das rechtfertigende und kluge Wort Christi im Mährchen sich selbst eine Genugtuung zu teil werden lassen, stimmten sogleich ein paar von den Burschen das Lied von der Brautwahl an, in welchem das reiche Mädchen dem armen klagt, dass sie ein und denselben Schatz mit ihr liebe, und sie bittet, ihr den Burschen gegen ihren eigenen Bruder abzutreten. Das Mädchen dankt jedoch für diesen Tausch und ihr Bursche, der die Pferde hütend das Gespräch mit angehört hat und in dessen Herzen sich doch die Lust nach reichem Besitz bei den Worten des wohlhabenden Mädchens regt, wird durch die Entgegnung seiner armen Geliebten schnell wieder zu seiner Pflicht zurückgeführt und verschmäht die arbeitsscheue Reiche, um der Armen Herz und Hand zu reichen.
"Nun was Lustiges!" rief Clemens. "Das Lied war zwar hübsch und recht herzerquickend, wenn aber Haideröschen ihr Purpurglöckchen läutet, klingt's doch noch viel schöner. Was meint Ihr?"
"Ach ja, Röschen muss uns noch eins ihrer Mährchen erzählen!" riefen einige von den Mädchen.
"Aber was recht Lustiges, das bitte' ich mir aus!" sagte nochmals der lebhafte Clemens.
"Ich weiss aber nichts, das so lustig ist."
"Warum denn nicht? Besinne Dich nur!"
"Das hilft nicht. Wenn mir's nicht gleich einfällt, so kommt auch beim Nachdenken nichts heraus."
"Du weisst aber doch ein lustiges Mährchen," sagte ihre Nachbarin. "Gelt, Du hast's uns erzählt letztin zur Vesper beim Flachsbrechen! Nun?"
"Ich erinnere mich nicht."
"Es war eine geschichte von einem armen mann –"
"Mit den vielen Kindern, meinst Du?" fiel Röschen ein.
"Ganz recht. O bitte, erzähle sie uns!"
"Ja die geschichte ist recht lustig," sagte Röschen schelmisch lächelnd. "Es kommt mir nur vor, als wolle sie jetzt, wo ich ein so ernstaftes Mährchen vorgetragen habe, nicht recht passen."
"Sieh, Schelm!" rief Clemens, "bist Du nicht gerade wie der heilige Petrus? Wäre doch der Herr Christus gleich bei der Hand, er würde Dir Dein Flachsköpfchen schön waschen! Unser Herrgott hat uns das lachen in die Augen und in das ganze Gesicht gelegt, dass wir recht oft diesen fröhlichen Spiegel seinem Himmel zukehren sollen, damit er an ihm sehen kann, ob wir auch noch seinem Ebenbilde gleichen!"
"Immer frischweg erzählt," sagte Ehrhold ermunternd. "Es ist eben so wenig eine Sünde, als wenn Einer bei der Litanei niest und sein Nachbar ruft ihm Gott helf! zu."
Röschen, noch blühender aussehend, wie gewöhnlich, blinzelte mit ihren strahlenden Augen Clemens zu und begann abermals:
Die geschichte vom armen mann, der die vielen
Kinder hatte.
"Es war aber einmal ein Vater und eine Mutter, die hatten eine grosse Schaar Kinder. Da fuhr der Vater einmal in die Stadt und kaufte ein Viertel Eicheln. Als er nach haus kam, gab er jedem kind eine, und da blieb noch eine übrig, die warf er hinter