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Männern gegenüber zu betragen.

Gilbert gab es daher auch auf, das Herz der Schönen zu bestürmen, obwohl er nicht immer genug Herr über sich war, der lächelnden Spötterin dies nicht merken zu lassen. Unwillkürlich fiel er bisweilen aus der Rolle eines Freundes in die eines feurigen Verehrers, und Bianca hatte dann die angenehme Pflicht, mit der liebreizendsten Grazie ihn darauf aufmerksam zu machen.

In seinen Gesprächen mit diesem Mädchen gedachte er auch Martells und seines unregelmässigen Lebens. Wider Erwarten fand er in ihr eine ganz entschiedene Bundesgenossin, die kein Mittel für unerlaubt hielt, wenn es nur zur Rettung des Unglücklichen dienen konnte. Ohne langes Bitten erfuhr er von Bianca, wohin Martell und seine bedenklichen Freunde sich gewendet hatten und schon in der nächsten Nacht sehen wir Gilbert, mit seinem Dolche bewaffnet, das Niederholz durchstreifen und einem trüben Lichtschimmer zueilen, der aus einer Vertiefung heraufglänzte, die rundum von dichtem Gehölz umgeben war.

Diese wichtige Entdeckung machte unser junger Freund Anfang März. Das Versteck lag eine halbe Stunde von Boberstein in einer nicht mehr benutzten Torfgräberei und bestand aus einer blossen Bretterhütte, wie sie zum Obdach für die Waldwächter häufig in den grossen Waldungen angetroffen werden. Zu ungestörter Zwiesprach eignete sich die Oertlichkeit vortrefflich; denn es führten nicht allein bloss schmale, wenig betretene und sich noch dazu mehrmals kreuzende Fusssteige nach dem Versteck, die alte Torfgrube war ausserdem auch noch durch steile Wände von dem übrigen Haidelande abgeschnitten, so dass es einem Unbekannten schwer ward, in die Tiefe hinabzusteigen und die Hütte zu erreichen.

Lauschend blieb Gilbert am rand der Torfgrube stehen. Aus der schlechten Hütte, die graues Nebeldüster kaum erkennen liess, drangen Töne verworrener Stimmen, heiseren Lachens und das matte Klingen voller Gläser zu ihm herüber. Rundum war Alles todtenstill bis auf das melancholisch-eintönige Rauschen der Haide.

Furcht kannte Gilbert nicht, dennoch schlich er zaudernd an dem rand der finstern Grube fort, da er keine Spur von Weg entdecken konnte und auf Geratewohl in die Tiefe hinabzuspringen doch keine Lust hatte. Es verging eine geraume Zeit, ehe er eine Stelle fand, die man im Notfalle für einen Weg halten konnte. Der Boden war nass und glatt, so dass es kaum möglich war, Fuss darauf zu fassen. Indessen, an halsbrecherische Pfade gewöhnt und im kühnen Klettern geübt, wagte der junge Matrose, diesen kaum erkennbaren Weg zu betreten, der ihn auch sehr schnell auf den Grund der Grube beförderte, obwohl in einer Weise, die er nicht beabsichtigt hatte. Unten angekommen fand er sich in einem Tümpel zähen Schlamms bis an die Knöchel stehen, den er unter kräftigem Fluche durchwatete. Zum Glück hielt die Lache nur wenige Schritte im Durchmesser; Gilbert erreichte bald das Trockene, eine etwas höher gelegene Schicht lettigen Erdreichs, das dammartig die Grube durchschnitt und in gerader Richtung auf die Hütte zuführte. über diesen Damm lief auch der eigentliche Fusspfad nach dem Haidelande, wie der Matrose jetzt zu spät bemerkte.

Eiligen Schrittes näherte sich nun der jugendliche Späher der Torfhütte, deren Tür von innen fest verriegelt war, wie ein behutsamer Druck auf die Klinke ihm sagte. Auch das einzige kleine Fenster schützte ein Bretterladen gegen Wind, Wetter und Blicke Zudringlicher. Gilbert fand auch diesen so stark befestigt, dass er ihn nicht bewegen konnte. An den Seiten schimmerte zwar der Lichtschein durch, allein Raum für einen blick in's Innere gewährten die feinen, kaum sichtbaren Spalten nicht.

Wie ein Luchs umschlich Gilbert die Hütte, um irgend eine Oeffnung zu entdecken. Lange blieb sein Suchen fruchtlos llnd die Geduld des heftigen jungen Menschen begann zu wanken. Am liebsten hätte er mit beiden Fäusten gegen die dünnen Bretter gedonnert und die lustigen Kumpane dadurch zu einem Ausfalle gezwungen; allein er besann sich, welche Folgen so übereiltes Tun haben könne und begann von Neuem die Hütte zu umschleichen. Endlich entdeckte er einen Ast, der sich in der etwas erweiterten Oeffnung hin und wiederschieben liess. Es wäre ein Leichtes gewesen, diesen nach Innen zu stossen, da er aber nicht wissen konnte, ob die Hütte gedielt sei, und der Fall des Astes unfehlbar Geräusch verursacht haben würde, so bemeisterte Gilbert seine Unruhe, ergriff seinen Dolch und zog den Ast mit grosser Behutsamkeit aus dem Brett. Ein voller Strahl des Lichtes belohnte seine Bemühungen und als er das Auge an die Oeffnung legte, konnte er den engen Raum der Hütte vollkommen übersehen. Doch kaum hatte Gilbert einen blick in das Innere getan, als er erschrokken und zitternd wieder zurücktaumelte.

"Gott erbarme sich!" rief er flüsternd aus. "Das ist Elwirens Vater und der scheussliche Musiker aus der Mohrentaverne! – Und zwischen Beiden mitten inne der unglückliche Martell! ... Bei meiner Mutter Haupt, sie trinken brennenden Punsch oder Grog ... und der Spinner, des Kapitäns Halbbruder, er ist wahrhaftig betrunken wie ein Neger! ... Aber was lärmen und lachen diese Elenden denn über den armen Fabrikarbeiter? Lasst doch hören!"

Und statt des Auges legte jetzt Gilbert sein Ohr an das Astloch und vernahm schaudernd folgendes Gespräch:

"Heda, Schwarzkopf, aufgeschaut!" sagte KlütkenHannes, indem er Martell, der auf seinem Sessel hin und her wankte, derb anstiess. "Was meinst Du zu einer neuen Gesundheit auf Ihn? Das Glas ist voll und singt schon von selber vor Freude über den Toast, den es sich mit anhören soll. Bei allen blaubrennenden Branntweinteufeln, Kerl, lass das Kopfwackeln sein und stoss'