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dies hohe Interesse des Jünglings zur Förderung der Zwecke seiner Freunde. Er weihte ihn mehr und mehr in das Geheimleben des Geschäftes ein, nahm ihn, so oft er konnte, mit auf sein Comptoir, um ihm aus den Büchern darzutun, wie unendlich verwickelt das Geschäft sei, dem er vorstand, und welche grosse Summen es dem Besitzer eintrage, wenn es mit so ausgesuchter Speculation betrieben werde, wie Adrian seit Jahren es beliebte. Gilbert liess sich gern von dem freundlichen mann unterrichten, glaubte ihm auf's Wort, bat ihn aber recht dringend, ihn fernerhin mit Vorzeigung der Rechnungsbücher zu verschonen, da er von diesen Dingen durchaus nichts verstehe.

Bei diesen täglichen langen Besuchen in der Fabrik lernte Gilbert nicht allein die Wirksamkeit der Maschinen, ihre Sructur und wie man sie zu leiten habe, kennen, er tat auch einen tiefen blick in das Leben der Arbeiter, die in diesen öldunstigen, ungesunden Räumen mühselig ihr Brod verdienten. Sein leicht empfängliches Herz empörte sich beim Anblick dieser kümmerlichen Existenz so vieler Menschen und wenn je, so wünschte er jetzt dem, welcher dieselbe über sie verhing, alles nur erdenkliche Böse. Begreifen aber konnte er nicht, wie es Martell nach den gemachten Entdeckungen noch möglich war, mit dieser wahrhaft heroischen Ruhe täglich oder nächtlich, wie eben die Reihe ihn traf, fleissig und ohne Murren zu schaffen und für den zu arbeiten, der ihn nach menschlichem und göttlichem Recht mit Rührung an sein Herz hätte drücken, ihn Bruder nennen und gleiche Rechte ihm hätte zugestehen sollen! Diese Ruhe und Entschlossenheit des meistenteils finstern und verschlossenen Mannes nötigte dem Jünglinge eine Ehrfurcht ab, wie er sie vor Niemand noch empfunden hatte, und hinderte ihn länger als es ihm lieb war, den heimlichen Gängen Martells mit der Ausdauer nachzuspüren, die man von ihm heischte.

Das anfänglich absichtliche Zögern, das sich nach einigen Tagen von selbst unabsichtlich verlängerte, hätte beinahe seine ganze Sendung fruchtlos gemacht. Denn als der junge Matrose nach Verlauf von etwa acht bis zehn Tagen die Dorfschenke in später Abendstunde aufsuchte und Martell daselbst inmitten seiner freigebigen Freunde zu treffen glaubte, begegnete er nur fremden Gesichtern. Mehrere Tage hinter einander setzte er seine regelmässigen Besuche mit keinem bessern Erfolge fort. Martell war und blieb verschwunden und auf Befragen des Wirtes erfuhr Gilbert zu seinem grossen Leidwesen, dass ein Zwist den riesigen Spinner mit seinen Gästen vertrieben habe! –

Das war ein ärgerlicher Zufall und Gilbert machte sich ernstliche Vorwürfe, dass er über Gebühr gezögert und das Vertrauen seiner Freunde so wenig gerechtfertigt hatte. Von Martell selbst war nichts zu erfragen, obwohl Gilbert kein Mittel unversucht liess, um den Spinner geschickt auszuhorchen. Der finstere Mann schwieg hartnäckig auf alle fragen. Doch zeigten sich täglich immer unverkennbarer die Folgen seiner unregelmässigen, aufreibenden Lebensweise! Sein bisher bleiches eingefallenes Gesicht begann sich zu röten, die Haut erschien rissig und glänzend und das Zittern seiner hände war, namentlich am frühen Morgen, so heftig, dass die grosse Uebung Martells dazu gehörte, um diesen Uebelstand wieder auszugleichen. Jeder andere minder Geschickte würde alles in Grund und Boden verdorben, vielleicht gar die Maschine in momentanes Stocken gebracht und dadurch unübersehbares Unglück hervorgerufen haben.

Von Lore erfuhr Gilbert, dass Martell, wenn seine Arbeitszeit es gestattete, mit Anbruch der Nacht regelmässig das Haus verlasse und gewöhnlich erst spät zurückkomme. Weder ihre eigenen, noch ihres frommen Vaters Bitten vermochten den rabiaten Spinner von diesen nächtlichen Spaziergängen abzuhalten. Er hatte sogar wiederholt beteuert, sie würden zu seinem und der Seinigen Glück führen und hingen sehr genau zusammen mit den Bestrebungen der übrigen vornehmen Verwandtschaft.

Unserm jungen Freunde blieb nach diesen Erkundigungen weiter nichts übrig, als auf eigene Faust zu handeln und das Versäumte wo möglich nachzuholen. Dies erforderte aber grosse Vorsicht, da in Martell bereits Verdacht gegen den jungen Matrosen erwacht war und er sich möglichst fern von ihm zu halten suchte. Dennoch sollte Gilbert seinen Zweck noch früher erreichen, als er nach dem Vorhergegangenen selbst glaubte. Bianca bot ihm dazu freundlich die Hand.

Seit der im vorigen Kapitel geschilderten Nacht fühlte Martell bisweilen das schreckliche Bedürfniss, seinen Todfeind sich winden zu sehen unter den Qualen, die das dämonische Mädchen über ihn verhing. Er verständigte sich mit Bianca und diese liess den Spinner auf ein verabredetes Zeichen an Adrians Folterbett treten, wenn sie sich ihrer Gewalt über den Grafen gewiss war. Ob während dieses kurzen Zusammenseins eine heimliche Neigung des Spinners zu dem schönen grausamen Mädchen erwachte, wagen wir nicht zu entscheiden; vermuten aber lässt es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit, indem Martell Bianca unaufgefordert den vorgefallenen Zwist mitteilte und ihr sagte, wohin er seit dieser Zeit seinen sich immer gleich bleibenden grossmütigen Freunden gefolgt sei.

Die jetzige Haushälterin Adrians hatte Gilbert bei seiner Ankunft nach Boberstein weit freundlicher empfangen, als es der Jüngling vermuten und erwarten durfte. Diese Zuvorkommenheit veranlasste ihn zu häufigen Besuchen bei der Schönen und bald verging kein Tag mehr, wo nicht beide junge Leute ein Stündchen angenehm mit einander verplauderten. Bianca war die Anmut selbst, immer heiter, zuvorkommend, bis zu gewissem Grade dienstfertig, aber freilich an ein Kundgeben von Neigung war bei alledem nicht im Entferntesten zu denken. Es schien wirklich, als besitze dieses unerklärbare Wesen das Geheimmittel, gegen Jedermann die Liebe selbst zu sein, ohne doch die geringste Ahnung davon zu haben. Sie bezauberte und nahm doch immer den Schein an, als wisse sie nichts davon, als sei es Pflicht jedes weiblichen Wesens, in ihrer Stellung grade so und nicht anders sich