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dem dämonischen Auge des schönen Mädchens konnte er die qualvollen Bande des Schlafes nicht abschütteln, den Geisterarmen des Traumes, unter dessen Umarmungen er litt, nicht sich entwinden.

"Tödte mich!" flehte er wimmernd, "nur diese Blicke ... bohre nicht in meine jammernde Seele! ... Ich war nicht Schuld ... an Deinem tod ..."

"Elender! Selbst im Traume noch lügt er!" flüsterte Bianca verächtlich und wich, Martell folgend, Schritt vor Schritt nach der Tür zurück.

"Ha ... Gott Lob ... Gott Lob ... das Gespenst ... zerrinnt! ... Ich lebe ... wieder ... Ich fühle meine Pulse wieder schlagen! ... O des Jammers!"

Mit einem stöhnenden Schrei fuhr Adrian wild auf vom Lager. Seine Augen waren noch auf Bianca gerichtet, die in diesem Augenblick an der Tür verschwand. Ihren Schatten erhaschte der erwachende Graf, und beide hände heulend über sein Gesicht drückend, warf er sich zurück in die Kissen und wimmerte:

"Barmherziger Himmel, es ist wirklich ihr Geist, der mich peinigt! der mich noch wahnsinnig machen wird ..."

Geräuschlos und schweigend, wie Bianca den Spinner die Treppe heraufgeleitet hatte, führte sie ihn wieder hinunter. Auf der Flur öffnete sie abermals ihre Blendlaterne. Alle Fibern ihres schönen Gesichtes zitterten, aber sie lächelte.

"Nun, Martell, gefällt Ihnen diese Art Rache?" fragte sie mit einem zug teuflischer Schalkheit um den jetzt bleich gewordenen Mund.

"Sie ist eines Weibes würdig," erwiderte Martell.

"Dünkt Ihnen diese Art, sich an seinem Todfeinde zu rächen, allzu grausam?"

"Nein, schönes fräulein! Sie gefällt mir bloss nicht."

"Warum, mein Freund?"

"Weil der Bestrafte bewusstlos leidet."

"Haben Sie sein Stöhnen gehört, seine Worte vernommen, sein krampfhaftes Beben gesehen? Und nennen Sie das bewusstlos leiden?"

"Sobald er erwacht, glaubt er, ein böser Traum hat ihn gequält, oder hält es für Alpdrücken! Es bleibt immer nur ein vorübergehender Spuk."

"Aber ein Spuk, der sich allnächtlich wiederholt! Der Tag beginnt ihm nur zu scheinen, damit er sich während seiner Dauer vor den höllischen Schrecknissen der Nacht fürchtet! Wäre dies aber auch nicht der Fall, so peinigte ihn doch seine Liebe zu mir."

"ErAdrian liebt Sie?"

"Ja, mein Freund," lächelte Bianca und strich sich die wilden Locken aus der Stirn, "er liebt mich bis zur Tollheit und ich bin so freundlich, ihn immer noch verliebter in mich zu machen. Das gibt mir grössere Gewalt über ihn, und dass ich diese auf die denkbarste Weise zu benutzen verstehe, haben Sie gesehen! Sie könnten künftighin teil nehmen an meiner Rache!"

"Nein, fräulein! Ich will lieber warten, bis ich ihn wachend quälen kann, das ist männlicher; gegen wache Qual kann er sich, wenn er Kraft und Mut besitzt, verteidigen."

"Wie Sie wünschen, mein Freund! Aber nicht wahr, Martell, mein Wort hab' ich gehalten und die Schwester, die seinetwegen frewillig aus dem Leben ging und mich um Tugend und Ehre brachte, gerächt, wie nur ein Weib es kann?"

"Ich muss Sie bewundern, ohne Sie loben zu können."

"Gute Nacht denn, mein Freund! Sinnen Sie alsbald nach, wie Sie den Wachenden züchtigen wollen, ich will indess fortfahren, den Schlafenden auf die Qualen der Hölle vorzubereiten, die er tausendfach verdient hat. Nochmals gute Nacht!"

Bianca sprach dieses zweite "gute Nacht" wieder mit jenem verführerischen Sirenentone, dass es Martell heiss über den ganzen Körper lief. Er floh mit raschen Schritten dem See zu, indem er ausrief:

"Steh' Gott jedem mann bei, der in die Schlingen dieser furchtbaren Schönheit fällt!"

Langsamer ging die verkörperte Nemesis nach ihrem Zimmer, wo sie sich ruhig entkleidete und mit vergnügtem Lächeln auf den sich wieder rötenden Lippen ihr weiches Lager bestieg und schnell sanft und ruhig entschlummerte.

Fünftes Kapitel.

Die Torfhütte.

Mit den nötigen Instructionen versehen kam inzwischen Gilbert nach Boberstein. Zu Erreichung seines Zweckes würde es nicht ratsam gewesen sein, wenn er sich wie ein Schatten an Martells Fersen geheftet hätte. Er zog es daher vor, dem Spinner nur besuchsweise zu begegnen, sein Quartier aber auf der Insel selbst aufzuschlagen. Dies liess sich leicht und ohne aufsehen bewerkstelligen, da Vollbrecht bereitwillig die Hand zu jedem Schritte bot, der seinem verhassten Gebieter verderblich werden konnte und sollte.

Gilbert entusiasmirte sich sogleich für das Fabrikwesen, weniger aus wirklichem Interesse an der Sache, als weil seine lebhafte natur das Bedürfniss nach Beschäftigung fühlte und diese in Betrachtung der kunstreichen Maschinerie fand, die für den wissbegierigen Matrosen gleicherweise ein Rätsel und ein Gegenstand der höchsten Bewunderung war. über dem gewaltigen Mechanismus dieser tausend und abertausend Räder vergass er anfangs den Zweck seiner Sendung vollkommen. Nur die Maschilrenkammer mit ihren ächzenden Hebeln und Walzen oder die vom Rollen der Spindeln ewig erbebenden Säle der Spinner fesselten ihn. Hier konnte man den jungen Matrosen von früh bis in die Nacht umherwandern und mit glänzenden Augen das geheimnissvolle Schaffen der kunstreich ineinandergreifenden Stahlzähne anstaunen sehen. Selbst seine angebliche leidenschaft für Bianca trat eine Zeitlang vor dem neuen gegenstand seiner Bewunderung in den Hintergrund.

Vollbrecht benutzte