1845_Willkomm_143_275.txt

zu bestrafen. Sie haben ihm Rache geschworen, müssen aber die Zeit abwarten, wie Sie sagen, um sie auch üben zu können. Ich bin glücklicher, denn meine Rache hat bereits begonnen! Ich lud Sie ein, mich in dieser Nacht zu besuchen, und schleuderte Ihnen zu diesem Behufe den Hausschlüssel nebst Angabe der Stunde zu, wo dieser Besuch am leichtesten zu bewerkstelligen wäre. Ihr wiederholtes gellendes Pfeifen sagte mir, dass Sie meines Winkes gewärtig seien. Die Stunde ist gekommen. Haben Sie Mut, Zeuge der Rache eines Mädchens zu sein, an dessen Familie sich dieser schleichende Satan freventlich vergangen hat?"

"An seinen Qualen werde' ich mich weiden. Ich lechze nach seinem Blut, nach seiner Seele, obwohl er mein Bruder ist! Denn, sehen Sie, schönes fräulein, mein liebster Junge ist von seinen Maschinen zerrissen worden und hat elendiglich umkommen müssen, weil ihn der Chirurg auf seinen Befehl schlecht curirte. Er starb am Brande. dafür leide der Elende im ewigen Feuer der Hölle!"

"Verhalten Sie sich ganz ruhig und Sie sollen mit Zittern schauen, dass Adrian leidet!"

Bianca schloss die Laterne und Beide umfloss dichte Finsterniss.

"Halten Sie sich nur fest an meine Hand! Im Zimmer waltet spärliche Dämmerung."

Geführt von dem rachedurstigen Mädchen trat Martell in das Schlafgemach seines gräflichen Bruders. Die nur halb geschlossenen Jalousien liessen gerade so viel Licht eindringen, dass man nach einiger Zeit alle Gegenstände des mittelgrossen Zimmers wie von leichtem Nebel verschleiert erkennen konnte. Auf breitem, mit seidenen Decken und schwellenden Kissen reich erfüllten Bett lag Adrian in tiefem Schlummer. Er ruhte auf dem rücken, die linke Hand war überrücks geworfen und schmiegte sich fest geballt an seinen mit dünnem Haar bedecken Scheitel. Das feine weisse Hemd entblösste zur Hälfte den Arm und war auch auf der stark behaarten Brust weit gelüftet. Vor dem Bett breitete sich ein pupurroter Teppich aus. Zu Füssen des Lagers stand ein sehr bequemer Polsterstuhl. Auf diesen deutete Bianca, indem sie Martell zuflüsterte:

"Setzen Sie sich und geben Sie Acht, ohne einen laut hören zu lassen!"

Nun stellte sich das schöne Mädchen dicht neben Martell, legte ihre hände gefaltet über den Busen und richtete ihre beiden dunkeln Augen unverwandt auf den schlummernden schwer atmenden Grafen.

Es ist bekannt, dass der blick des Menschen, fest auf einen Schlummernden geheftet, eine geheimnissvolle magnetische Kraft ausübt. Diese Kraft steigert sich bis zum Wunderbaren, wenn dem Magnetiseur ein starker Wille zu Gebote steht. Noch gewaltiger und überraschender ist die wirkung, wenn zwischen zwei auf solche Weise mit einander in Rapport tretende Personen Bande der Verwandtschaft oder leidenschaftliche Zuneigung obwalten.

Bianca kannte Adrians leidenschaftliche Liebe zu ihr, sie wusste, dass er Tag und Nacht nur an sie dachte, von ihr träumte, und sie hatte das grausame Experiment, das sie mit kaltblütiger überlegung jetzt zu Martells Genugtuung wiederholen wollte, schon mehrmals mit gutem Erfolge versucht. Bianca wollte Adrian nicht aus seinem unruhigen Schlummer wekken, sie wollte ihn durch ihre starren Blicke und die starke Kraft ihres Willens nur im Schlafe magnetisiren und ihr Bild in seiner geängstigten Seele aufsteigen lassen, um diesem sodann ein anderes, entsetzlicheres unterzuschieben.

Dieses grausame Experiment gelang ihr bewunderungswürdig. Schon nach wenigen Minuten hob sich die Brust des Schlummernden unter schmerzlichem Stöhnen. Er bewegte das bleiche, schweisstriefende Haupt und die Lippen öffneten sich zu flüsterndem Gespräch.

"Grausame!" stöhnte Adrian. "Warum diese Dolchspitzen in Deinen Blicken? ... Sie verwunden ... mein Herz ... sie schneiden tief ... tief in das Mark ... meiner Gebeine!.. Sieh ... Du kannst lächeln ... o wie süss lächeln! ... Nun kommst Du ... näher ... nun fühle ich ... Deinen warmen ... Atem ... Dein Busen ... klopft an meiner Brust ... o welche Wonne! ... Ha, Gespenst ... Fort, fort! ..."

Adrian wand sich convulsivisch auf seinem Lager, während Bianca lautlos, kalt, mit entsetzlicher Entschlossenheit und verstärktem Willen tiefer und immer tiefer, gleich einer grauen Riesenschlange, sich über das Bett des Unglücklichen beugte, ihre langen aufgelösten feuchten Haare darüber breitend, bis sie die Brust des Träumenden berührten. Ihr Hauch traf seine Lippen, seine Augen, und unbewegt fuhr Bianca fort, ihre schrecklichen Blicke auf den Gefolterten zu heften.

"Terese," wimmerte der Träumende, "noch immer verfolgst Du mich? ... Willst Du mir ... denn nie ... vergeben? ... O diese brennenden Locken! ... Wie sie glühen! ... Wie sie mich umlohen ... wie Flammen ... der Hölle! ... Nein, ich will nicht ... diese triefende Hand! ... Diese blauen, schaudernden Lippen sollen ... mich nicht berühren ... Bianca! O rettender, heiliger, geliebter, süsser Engel ... verscheuche ... erwürge ... dies Gespenst! ..."

Bianca warf ihre Haare zurück und erhob sich etwas, doch ohne ihre Augen von dem Röchelnden zu verwenden. Mit der Hand winkte sie Martell, dass er sich langsam bis an die Tür zurückziehen solle.

Adrian's Gesichtszüge trugen die Spuren der furchtbarsten Seelenschmerzen, aber gebannt von