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Neigung versichern, bevor ich sie mit neuen Liebesanträgen bestürme! ... Könnte ich nur auch der leidenschaft gebieten, sich in keinem blick, in keiner Bewegung zu verraten!"

Ein zweites Pfeifen, diesmal um Vieles näher, machte die Fensterscheiben schrillen. Adrian schien auch dieses nicht zu hören, denn er zündete mit zitternder Hand ein Licht an und schritt nach der Tür.

"Wenn ich mich schon jetzt als ein Reuiger bei ihr melde," sprach er, "dann wird sie mir um so lieber vergeben, weil ihr dies ein Beweis von meiner Gutmütigkeit und Nachgiebigkeit sein muss! Schmollt sie aber dennoch, dann werde ich sie morgen durch ein kostbares Geschenk zur Vergebung zwingen. Reichen Gaben hat noch kein Mädchen widerstanden. Gutes Glück, das Du mir so lange treu geblieben bist, verlasse mich auch ferner nicht!"

So sprechend verliess Adrian sein Wohnzimmer und ging mit unhörbaren Schritten bis zu Bianca's Tür.

Er horchte eine Zeit lang, ob er Geräusch in dem Zimmer vernehme, da sich aber kein laut hören liess, klopfte er leise an die Tür. Nichts regte sich, selbst nach mehrmaligem klopfen blieb Alles still. Nun wagte Adrian, Bianca's Namen zu flüstern und um Einlass zu bitten. Allein auch darauf erhielt er keine Antwort und seufzend sah er sich genötigt, den Rückzug auzutreten.

"Sie muss schon zur Ruhe gegangen sein," sagte er sich selbst beruhigend. "Ich werde ihrem Beispiele folgen und von ihrem entzückenden Engelslächeln träumen."

Bianca schlief aber nicht. Sie hatte die schlürfenden Schritte des herzlosen Mannes wohl vernommen und mit Entzücken sein Bitten und Seufzen gehört. Die Uhr schlug elf, kurz nachdem Adrian ihre Tür wieder verlassen hatte. Sie bereitete sich nunmehr auf das nächtliche Rachewerk vor, das sie sich ersonnen. Den reizenden Schmuck der Abendtoilette abwerfend, legte sie ein verschossenes leichtes Kattunkleid an, das sie zum Andenken an ihre unglückliche Schwester aus deren Nachlass behalten hatte. Dann löste sie ihr reiches langes Haar, feuchtete es ein wenig mit wasser an und wirrte es durch einander, dass es verworren und ungleich ihre ganze Gestalt bis weit über die Hüften herab umfloss. Das todtenbleiche Mädchen sah in diesem verwilderten Anzuge eben so schön als furchtbar aus. Ihr dunkles Auge blitzte vor Lust nach Rache, die stolzen Lippen öffneten sich und liessen beide Reihen ihrer tadellosen Zähne sehen.

über eine halbe Stunde ging Bianca unruhig, aber so behutsam, dass Niemand ihre Schritte hören konnte, im Zimmer auf und nieder. Manchmal blieb sie auch stehen und warf einen blick in den Spiegel, worauf sie wild die feuchten Locken schüttelte und ihre Wanderung durch's Zimmer fortsetzte. Nun sah sie nach der Uhr, und da sich kein laut im ganzen haus regte, eilte sie ohne Licht durch die ihr bekannte Reihe der Gemächer bis an Adrian's Zimmer. Sie öffnete es behutsam und fand es leer, ohne Licht. Die Tür zum Schlafzimmer war nur angelehnt. Dahin schlich sie, lauschte, lauschte lange und hörte, dass Adrian in unruhigem Schlafe röchelte. Wie ein erzürnter Geist flog sie auf schwebenden Sohlen zurück, zündete eine Blendlaterne an und löschte die Wachslichter. Dann stiess sie nochmals das Fenster auf und hustete. Es ward ihr in gleichem Tone geantwortet und aus dem Schatten der Nacht kam mit langen Schritten eine hohe Gestalt auf das Haus zu. Bianca wartete die Annäherung des unheimlichen Gastes nicht ab, sondern ergriff die Blendlaterne, hüpfte damit die breite Treppe hinunter, die mit weichen Teppichen belegt war, und empfing an der Haustür den bereits eingetretenen nächtlichen Besuch.

"Haben Sie die Tür wieder verschlossen?" fragte das wild blickende Mädchen.

"fest und sicher."

"So kommen Sie, doch ziehen Sie zuvor Ihre harten Schuhe aus!"

Hand in Hand mit dem Fremden erstieg sie die Treppe und geleitete ihn bis vor Adrians Zimmertür. Hier erst öffnete Bianca die Laterne und liess ihr volles Licht auf den Fremden fallen. Es war Martell, der Spinner.

Dieser arme zeigte jetzt hohle, tief eingefallene Wangen, sein finster blickendes Auge brannte wie in Fieber, und ein leichtes Zittern war an seinen Händen zu bemerken.

"Sind die Köhler heute wieder bei Ihnen gewesen?" fragte Bianca.

"Nein," versetzte Martell düster und verstimmt, "ich habe mich allein behelfen müssen, aber es ist nicht das! Man wird nur mürrisch davon."

"Ich sage Ihnen, Martell, sein Sie auf Ihrer Hut! Man will nicht Ihr Bestes, man beabsichtigt, Sie zu grund zu richten!"

"Das ist nicht mehr nötig," erwiderte der Spinner. "Ich bin schon so sehr zu grund gerichtet, dass es ganz gleichgiltig ist, ob es einen Tag früher oder später zu Ende geht. Und überdies zerstreuen mich die beiden lustigen Schälke und machen mir zum ersten Male, seit ich denken kann, das Leben leicht. dafür bin ich ihnen dankbar und deshalb trinke ich mit ihnen, so lange die Haut über diesen Knochen zusammenhängt. – Aber Sie, Bianca, was haben Sie vor? Welch Schauspiel wollen Sie mir bereiten?"

"Leise, Martell, damit wir nicht gestört werden!" – Bianca hob sich auf ihre Zehen und flüsterte dem gebeugt neben ihr stehenden Spinner zu:

"Vor einiger Zeit habe ich Ihnen feierlich das Versprechen gegeben, den Entsetzlichen, den ein grausames Geschick zu Ihrem Bruder und Zwingherrn gemacht hat, nach Kräften