Adrian aufzublikken und ihre schönen Zähne aus dem feuchten Purpur ihrer vollen Lippen hervorglänzen zu lassen. Jetzt schob sie ihren Sessel um einen Schritt näher an den Lehnstuhl Adrians, und indem sie ihren blossen vollen Arm auf die purpursammetne Lehne desselben legte und ihre zarten Finger mit dem Rosabande spielen liess, das ihre Taille umschlang, sagte sie naiv:
"Wie muss nur das sein, gnädiger Herr, wenn man von leidenschaft hingerissen wird?"
Ihre schwarzen Augen ruhten bei dieser verführerischen Frage mit so innigem warmen Ausdruck auf Adrian, dass diesem fast die Sinne vergingen. Er suchte sich indess zu mässigen und fragte das verführerische Mädchen seinerseits:
"Hat Ihnen denn noch kein Mann eine Neigung abgewinnen können?"
"Ich bin allen hübschen und artigen Männern immer gut gewesen, wie Brüdern, aber Liebe oder gar leidenschaft habe ich nie für einen empfinden können. Es muss das bei mir ein Fehler des Herzens sein, da ich lebensgern einmal wissen möchte, wie man empfindet, wenn man liebt!"
"Wahrhaftig, Bianca?"
"Ganz im Ernst, Herr am Stein! Ein Mädchen, das so allein, so ganz einsam in der Welt dasteht, wie ich, hat wahrhaftig kein beneidenswertes los gezogen! Man täuscht, man betrügt uns und macht uns zuletzt unglücklich!"
Ein paar Tränen stürzten in Bianca's Augen. Sie zupfte zerstreut an ihrem Kleide und wusste dadurch geschickt ihren wunderhübschen Fuss zu entüllen, den ein feiner durchbrochener Strumpf kaum bedeckte. Diesen reizenden Fuss stellte sie jetzt absichtlich auf ein niedriges Tabourett, das Adrian immer neben sich stehen hatte, um ebenfalls bisweilen seine Füsse, in denen er oft Anfälle podagrischer Schmerzen fühlte, darauf ruhen zu lassen. Sie bewegte das zierlich gebildete Füsschen so kokett in dem schmalen Atlasschuh, dass Adrians Herz heftiger zu schlagen begann. Die unmittelbare Nähe des schönen, von dem feinsten Spitzengewebe umflatterten Armes wirkte so verführerisch auf ihn, dass er ihn bebend mit brennenden Lippen küsste.
"O bitte, gnädigster Herr!" sagte Bianca, den Arm zurückziehend. "Eine solche Huldigung könnte mich ja eitel machen! Man küsst, so viel ich aus Büchern und Erzählungen weiss, nur vornehmen Damen, Gräfinnen und Prinzessinnen die schönen hände. arme Mädchen, wie ich, müssen sich solche Aufmerksamkeiten verbitten."
"Von der Hand zum mund ist nicht aus der Welt, Sie lieber Schalk!" erwiderte Herr am Stein. "Und da Sie nach Ihrem eigenen geständnis noch gar nicht wissen, wie man liebt, so will ich Ihnen für Ihre kleine Bosheit die Ahnung dieser Empfindung beibringen!"
Und mit gewandtem Arm unrschlang Adrian Bianca's vollen Körper, zog sie an sich und drückte heisse, flammende Küsse auf ihren Mund.
Zitternd und errötend entwand sich das reizende Mädchen der heftigen Umarmung des Grafen, indem sie ihn zürnend anblickte.
"Gnädigster Herr," sagte sie, die klare Stirn kraus zusammenziehend, "wäre ich Ihnen nicht Dank schuldig, so würde ich Ihnen ernstaft zürnen. Es ist nicht recht von Ihnen, meine Unerfahrenheit so arglistig zu benutzen!"
Sie stand auf und schenkte in einer wo möglich noch koketteren Stellung abermals Tee ein. Dabei kehrte sie dem Grafen halb den rücken zu, so dass die Flamme der Astrallampe ihren vollen Schein über sie ausgoss und die anmutigen Rundungen ihrer classischen Formen durch die leichte Gewandung deutlich erkennen liess.
"Aber Bianca!" rief Adrian aufgeregt.
"Sie befehlen, Herr Graf?" sagte die Schöne und wendete, schon wieder schelmisch lächelnd, ihr volles Gesicht mit den tanzenden schwarzen Locken gegen ihn.
"Schelten Sie mich, lachen Sie mich aus, nennen Sie mich einen Toren, ja misshandeln Sie mich, wenn Sie wollen, nur dulden Sie es, dass ich Sie lieben darf, Bianca!" rief Adrian leidenschaftlich, indem er den Sessel, welchen Bianca inne hatte, näher an seinen Sitz zog. Diese sah ihn mit grossen Augen verwundert an, nur auf ihren Lippen spielte ein schalkhaftes Lächeln. Sie reichte ihm die gefüllte Tasse, stäubte mit ihren gestickten Taschentuche einige Krumen feinen Weissbrodes aus den Falten des Kleides, und setzte sich zutrauensvoll wieder neben den leidenschaftlich aufgeregten Grafen.
"Wenn ich nun törigt genug wäre, Ihre in einem Moment der Aufregung gesprochenen Worte für wahr zu halten," sagte Bianca, indem sie ihren Kopf so gegen den Grafen beugte, dass eine ihrer glänzenden Locken fast dessen Lippen berührte, "wenn ich solch eine Törin wäre, dann würde ich mich wahrscheinlich in Ihre arme werfen und, wenn ich im Herzen auch nichts für Sie fühlte, Ihnen eine glühende leidenschaft heucheln. Ich bin aber weder so albern noch so eingebildet, und deshalb erlaube ich mir denn, Ihnen auf das Freundschaftlichste für die mir zugedachte Ehre zu danken und sich vor der Hand noch mit meiner vollkommensten achtung und innigsten Freundschaft zu begnügen! Sind der gnädigste Herr damit zufrieden?"
Wieder ruhten Biancas Augen mit unbeschreiblichem Liebeszauber auf Adrian, während jeder Zug ihres lieblichen Gesichtes nur dankbare Ergebenheit ausdrückte. Der wunderbaren Macht dieses Blickes erlag der Graf. Die lange schwarze Locke erfassend rief er mit gepresster stimme:
"Bianca! Geliebte Bianca, habe Mitleid mit einem Unglücklichen!"
Bianca lächelte noch reizender und beugte sich, da sie das tändelnde Zupfen Adrians an ihrer Locke schmerzlich empfand, so über ihn, dass der Graf ihren nur halb bedeckten wallenden Busen erblicken musste.
"Haben Sie lieber Mitleid mit nur, Sie raufen mich