Nacht, und dem Unglücklichen war es nicht einmal vergönnt, die Locken seiner süssen Peinigerin zu küssen, wie viel weniger, sie an sein stürmisch klopfendes Herz zu reissen und an ihrem Busen, in ihren Küssen die Glut zu kühlen, die ihn verzehrte! Kühl und ernstaft wie am Tage enlschlüpfte sie ihm auch im Traume, um sogleich wieder ihr gaukelndes Liebesspiel anzufangen und mit immer schrecklicheren Zaubern den Gefangenen auf ewig zu binden.
Diese göttlichen Träume voll süsser Höllenqualen wechselten ab mit jenen düstern Erscheinungen, die Adrian seit seiner Krankheit häufig im Schlafe verfolgten, wie wir wissen. Auf diese Weise glich sein Leben seit Bianca zu ihm gezogen war, einer nie endenden Folter. Er musste sich dies selbst gestehen, aber schon hatte ihn die grausame Schöne so ganz mit ihren diabolischen Zauberfäden umsponnen, dass er lieber diese Qual fort erdulden und sie immer um sich wissen, als ohne sie in vielleicht ähnlicher Pein fortleben wollte.
Der schlauen, ihren Plan mit wahrhaft entsetzlicher Consequenz verfolgenden Bianca blieb diese Verwandlung ihr Gebieters kein geheimnis. Nur Adrian gegenüber tat sie, als sähe und ahne sie nichts. Als sie bemerkte, dass der Graf nach Tische auf seinem Zimmer kurze Zeit zu schlummern versuchte, schlich sie auf den Zehen bis an die Tür, legte ihr Ohr an das Schlüsselloch und horchte gespannt, ob er vielleicht im Schlafe spreche. Sie hatte sich nicht getäuscht. Sobald der Schlaf Adrians Augenlider schloss, öffneten sich vor den Blicken seiner Seele die Pforten der Pein und nach wenigen Tagen wusste Bianca, dass unter allen Gestalten, die um den Schläfer schwebten, sie selbst und ihre verstorbene Schwester am häufigsten wiederkehrten.
Da flog ein glänzendes Lächeln rachsüchtiger Freude über die schönen Züge des Mädchens, und die kleine Hand ballend, schwor sie, dem Verhassten noch schrecklichere Qualen zu bereiten.
Die Folter des Unglücklichen sollte in dieser Nacht beginnen!
Um ihren Zweck zu erreichen, hatte sich Bianca mehr wie je mit allem Liebreiz geschmückt und keine der vielen kleinen Toilettenkünste verschmäht, die liebenden Männern so gefährlich werden. Als sie nun die Rückkunft des Grafen hörte und die Klingel desselben vernahm, begab sie sich, wie wir wissen, nach seinem Zimmer.
Adrian hatte, ermüdet von der beschwerlichen nächtlichen Fahrt durch den morastigen Wald, bereits sein Hauslkeid angelegt und es sich in dem behaglichen Zimmer bequem gemacht. Auf Bianca's Befehl war der runde Tisch schon gedeckt und mit Allem versehen, was zu einem reichlichen Abendimbiss erforderlich war. Sie selbst hatte nur für Bereitung des Tees sorge zu tragen, und den Grafen, wie er es seit Kurzem gewohnt war, in ihrer anmutigen und graziösen Weise zu bedienen.
Heiter lächelnd trat die Sirene Adrian entgegen, grüsste ihn mit zierlicher Verbeugung, wusste aber auch sogleich ihren so eben noch überaus muntern Zügen einen Ausdruck der Bestürzung und sorge zu verleihen, welcher den Grafen vollkommen täuschte.
"Mein Gott!" rief sie mit geheucheltem Schrecken aus, ihr Arbeitskörbchen neben die singende Teemaschine setzend und lebhaft auf den Gebieter zuschreitend. "Wie blass, wie angegriffen sehen Sie aus, Herr am Stein! Gewiss, Ihnen ist nicht wohl! Sie müssen sich bei dem unfreundlichen Wetter in der wüsten ungastlichen Haide erkältet haben! Ihre Stirn ist wahrhaftig ganz kalt und doch fühle ich das heftige klopfen ihrer Pulse! Wie geht es Ihnen, armer Mann?"
Und Bianca legte sanft schmeichelnd ihre weiche warme Hand auf die Stirn des Grafen, der unter dieser magnetischen Berührung in süssen Schauern erbebte.
"Sehe ich denn wirklich so angegriffen aus, gutes Kind?" erwiderte er lächelnd. "Nun, wenn dies der Fall ist, so mag die Ursache davon wohl anderswo zu suchen sein, als in meiner heutigen, allerdings angreifenden Waldreise. Wäre ich aber auch zum tod krank, von solchen Engelslippen bedauert, von so teilnehmendem Auge angeblickt, würde ich alsbald genesen! Teure Bianca, eine Berührnng Ihrer Hand hat tausendmal mehr Wunderkraft, als alle Arzneien der Welt! Wissen Sie, schönes Kind, dass Sie heute entzückend sind?"
"Gefalle ich Ihnen?" fragte die Verführerin zurück, indem sie die vergoldete Tasse des Grafen mit der aromatischen Flüssigkeit füllte und dabei einen halb verschleierten blick auf ihn warf. "Meine Gespielinnen behaupteten immer, weiss kleide mich nicht vorteilhaft. Es soll mir einen zu farblosen Teint geben."
"Offenbarer Neid gefallsüchtiger Mädchen! Ich finde, dass keine Farbe besser zu dem glänzenden Schwarz Ihrer Haare passt, als dieses durchsichtige silberweisse Gewebe! Und welche Einfachheit! Welcher Geschmack! Man sollte glauben, Sie hätten Jahre lang die Kunst der Toilette auf der Bühne studirt, so meisterhaft finde ich Ihren Anzug den Regeln des guten Geschmackes angepasst!"
"Da machen Sie mir ein sehr zweideutiges Compliment, gnädigster Herr," versetzte Bianca schelmisch. "Wir armen Mädchen halten uns immer für geborene Genies, was Geschmack anbelangt, und da uns die natur so stiefmütterlich ausgestattet hat den Männern gegenüber, so sind wir ja schon gezwungen, unsern Geschmack zu bilden, um mittelst einiger Bänder, Spitzen und Haarwickel die Mängel vergessen zu machen, die uns in so abhängiger Stellung erhalten."
"Ich kann Ihnen die Versicherung geben, schöne Mutwillige, dass wir Männer nicht so scharfsichtig sind, die gerügten Mängel bei Ihrem Geschlecht zu entdecken! Wir finden im Gegenteil nur Vollkommenheiten, von denen wir gefesselt, entzückt, zur leidenschaft hingerissen werden!"
Bianca nippte mit grosser Zierrlichkeit ihren Tee, wobei sie nicht unterliess, häufig zu