die Schemel an den grossen Tisch gerückt, auf dem schon Kuchen, Bier und Tabak in Menge stand, und Mädchen und Jünglinge nahmen in weitem Halbkreise nach Belieben Platz. Nur für Wirt und Wirtin liess man einen freien gang, um sie im Zutragen neuer Lebensmittel nicht zu stören. Clemens erklärte die Spinte nochmals für tot und forderte die Gesellschaft auf, dies wichtige fest so heiter und lustig wie möglich zu begehen.
Die Wenden teilen mit ihren übrigen slavischen Brüdern nur das heitere sinnliche Temperament, das gern in laute Lustbarkeit ausbricht, dagegen ist ihnen der Hang zu ritterlichen Taten, zu Kampf und Krieg, dem sich die grosse Masse aller slavischen Völkerschaften so gern hingibt, nicht eigen. Sie lieben den Frieden, die stille Häuslichkeit, die Freuden geselligen Zusammenlebens und harmloser Vergnügungen über Alles und vermeiden jeglichen Streit, wenn es irgend möglich ist. Beschäftigungen des Friedens, die nichts mit Waffenprunk zu tun haben, sind ihnen die liebsten. Darum blühten stets und blühen noch heute unter diesem singenden Volk der Haide Ackerbau, Fischerei und Bienenzucht mehr, wie anderwärts, und der Soldatenrock wird von ihnen, selbst in Friedenszeiten, mit furchtsamem Auge betrachtet. Werden sie aber zum Kriegshandwerk gezwungen, so wissen sie sich mit slavischer Gewandteit in das Unvermeidliche zu fügen und selbst eine Tapferkeit anzueignen, die der angebornen wenig nachgibt.
Das Festmahl, welches die Spinngesellschaft in Ehrholds haus der erstochenen Spinte zu Ehren hielt, war so heiter, wie man es nur wünschen konnte. Einer von des Wirtes Knechten spielte das Brummeisen mit bewundernswürdiger Gewandteit und entlockte der zitternden, feinen Stahlzunge mit Meisterschaft alle Melodien der vielen Lieder, die nur dem volk bekannt sind und sich unter diesem von Generation zu Generation fortpflanzen. So oft der geschickte Spieler eine neue Melodie auf das Brummeisen hauchte, brach die Gesellschaft, die schmausend und lachend um den grossen Tisch sass, das Gespräch ab, um in Menge oder von einem Vorsänger geleitet, je nachdem die Melodie es mit sich brachte, ihre geliebten Gesänge anzustimmen. Man setzte dies eine geraume Zeit fort, bis einer der Burschen sich Röschens gegebenen Versprechens erinnerte und jetzt, mit geballter Faust auf den Tisch schlagend und seine kurze dampfende Holzpfeife aus dem vergnügt lächelnden mund nehmend, ausrief: "Gottes Segen auf uns! Haideröschen muss erzählen!"
Von allen Seiten stimmte die Versammlung dieser Aufforderung bei und Röschen war ein viel zu natürliches und unverdorbenes Kind des Waldes, als dass sie sich, wie dies unsere fein gebildeten und wohlerzogenen Mädchen mit so wirksamer Koketterie zu tun wissen, mit scheinbarer Schüchternheit lange gesträubt hätte. Sie nickte vielmehr beistimmend ganz vergnügt, mit ihren grossen kornblumenblauen Augen die Gesellschaft überblickend, legte beide arme, die von dem blendend weissen "Kittelchen" leicht verhüllt und am Handgelenk mit Knöpfchen von Glasperlen zugeheftet waren, so auf den Tisch, dass die vollen runden Ellbogen die Höhlung ihrer kleinen Händchen füllten, und wartete nur auf völlige Ruhe und auf das tüchtige Qualmen aller in Tätigkeit gesetzten Tabakspfeifen.
Röschen zählte siebzehn Jahre und war so schlank und ebenmässig schön gewachsen, wie die jungen Tannen der Haide, aus der sie stammte. Fast alle Wenden, am meisten aber die Mädchen, zeichnen sich durch hohen Wuchs, durch schöne Körperform und durch einen wunderbar reinen Teint aus. Das Wort: "Ein Mädchen wie Milch und Blut" lässt sich vorzugsweise auf Mädchen wendischen Stammes anwenden. Auch sind sie ihrer starken Gesundheit wegen im ganzen land berühmt und bei den Vornehmen bis auf den heutigen Tag als Ammen überaus gesucht.
Ein solches Mädchen nun von Milch und Blut war Röschen. Krankheit kannte Sie nur vom Hörensagen, denn ihr hatte buchstäblich noch kein Finger weh getan sie müsste sich denn beim Abraffen des Getraides zur Aerndtezeit in eine Distel gestochen haben. Röschen hatte seidenweiches goldgelbes Haar, das sie nach der Sitte ihres Volkes in Flechten geschlungen und in ein hohes Kränzchen auf der Mitte des Kopfes zusammengebunden trug und hier mittelst einer messingenen "Senkenadel" befestigte. Diese Fülle reichen Haares, das jede Dame von Welt als verführerisches Netz ausgeworfen haben würde, um schmachtende Anbeter darin zu fangen, verhüllte Röschen im Haus und bei der Arbeit mit einem rot und blau gewürfelten Tuche von Kattun, das sie in ein Dreieck zusammengeschlagen über den Kopf legte, zwei Zipfel in den Nacken herabfallen liess und die andern beiden unter dem feinen Kinn lose zusammenschürzte. Diese ungekünstelte, einfache Kopfbedeckung, die nirgends für einen Kopfputz angesehen wird, kleidet doch alle jungen und hübschen Landmädchen äusserst vorteilhaft, da sie das reine Oval der heitern, rosigen Gesichter in flatternden Purpur fasst, der wie das Blatt irgend einer mährchenhaften Pflanze oder wie ein luftiges Gewölk Haar und Wangen der ländlichen Schönen umgibt. Der allgemeine Reiz dieser Tracht ward bei Röschen noch erhöht durch die vielen zarten und dicht gekräuselten kleinen Löckchen, die rund um ihre Stirn wie goldene Rosenknospen blühten und, wenn sie den schönen Kopf bewegte, sich häufig auf die klare Stirn herabbeugten, als wollten sie diesen Tempel ächter Jungfräulichkeit ehrfurchtsvoll küssen.
"Wenn Ihr fein ruhig seid und mich nicht auslacht," sagte jetzt dies anmutige geschöpf voll gesunden Mutterwitzes, "so will ich Euch zur Belohnung für Eure schönen Lieder das Mährchen von den andächtigen Sängern erzählen. Habt Ihr die geschichte schon einmal gehört?"
"So wie Du's erzählen wirst mit Deinen Marienlippen," sagte Clemens, "so haben wir's sicher noch nicht gehört."
"Wir kennen's auch nicht!" beteuerten ein paar andere junge Bursche