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still. Das gewöhnliche Brausen der Haide erstarb in einem kaum bemerkbaren Säuseln und Flüstern. Als der letzte Glockenschlag verhallte, stiess die Fähre vom land und durchschnitt langsam die trägen schwarzen Gewässer des See's, der grosse schwere Eisschollen in Menge trieb.

Auf dieser Fähre kehrte Adrian von seinem heimlichen Besuche im Raubhause zurück. Es war derselbe Abend, an dem wir die blinde Marie auf dem Zeiselhofe begrüsst haben, beinah dieselbe Stunde, in welcher Aurel Elwiren seine Liebe gestand.

Adrian holte tief und seufzend Atem, als er den Lichtschein am Ufer der Insel durch die Jalousien schimmern und im wasser des Sees sich wiederspiegeln sah. Auf diesen kleinen flimmernden Lichtpunkt heftete er sein Auge, als liege in dem schwankenden Flämmchen ein unwiderstehlicher Zauber. Die blendenden Reihen der erleuchteten Fenster der Fabrik zogen ihn heute nicht an.

Wie kam es, dass Adrian sein hohles Auge unter Herzklopfen an jenen irrlicht trüben Lichtschimmer heftete, der spielend auf dem Gewässer gaukelte? Um diesen geheimnissvollen Zauber zu begreifen, müssen wir die prächtige wohnung des Fabrikherrn betreten und uns in dieser etwas genauer umsehen. –

Hier kommen wir in ein kleines behagliches Zimmer, dessen Wände mit blauen Tapeten ausgeschlagen sind. Ein reiches Möblement gibt diesem wohnlichen Zimmer jenen fesselnden Reiz, den wahrer Comfort immer mit sich führt. Vor einem hohen und breiten, in kostbaren Goldrahmen gefassten Spiegel brennen auf zwei dreiarmigen Leuchtern starke Wachskerzen und giessen ihr volles stilles Licht über eine weibliche Gestalt aus, die auf gesticktem Sessel in einem blendend weissen Kleide kniet und eben damit beschäftigt ist, in ihr prächtiges schwarzes Haar eine purpurrote Camelie zu befestigen. Die schönen glänzenden Flechten sind am Hinterhaupt in einen einfachen geschmackvollen griechischen Knoten verschlungen, und nur um die Schläfe und die feinen Ohren ringeln sich einige lange Locken.

Dieses Mädchen ist Bianca, die ihre Abendtoilette macht. Die zarten Hüllen des weissen Kleides mit den kurzen Aermeln, die ein breiter Spitzenbesatz umflattert, zeigen ihren schlanken und doch edlen Wuchs auf das Vorteilhafteste und erhöhen die natürliche Anmut des schönen Geschöpfes noch durch ihre ausgesuchte Einfachheit, in welcher ein Kenner die raffinirteste Koketterie erblicken würde.

Bianca betrachtet sich lange im Spiegel, lässt die starken schwarzen Locken so lange durch ihre Finger laufen, bis sie die marmorweissen vollen Schultern berühren, welche das weit ausgeschnittene Kleid nicht verhüllt. Um den schlanken Hals trägt sie ein Collier von ächten Perlen, deren reines wasser gegen den zarten Glanz der sammetnen Haut nicht aufkommen kann. Es ist ein Geschenk Adrians, Bianca aber findet heute Abend, dass Nacken, Hals und Brust ohne diesen kostbaren Schmuck verführerischer sind, und so legt sie es denn mit kaltem Lächeln wieder in die Sammetkapsel, der sie es entnommen hat. Nun verlässt sie den Sessel, ergreift einen der Leuchter, erhebt ihn bis zur Höhe ihrer Achseln, und den blick immer fest auf den Spiegel richtend, dreht sie sich langsam im Kreise um sich selbst. Bei diesem koketten Spiel stahl sich der Strahl des Lichtes durch die halbgeöffnete Jalousie und hüpfte verlockend, gleich einer dämonischen Flamme vor der rauschenden Fähre her, welche den Herrn am Stein nach der Insel trug.

Bianca machte ihrem Spiegelbilde mit reizendem Lächeln eine graziöse Verbeugung, setzte den Leuchter wieder fort und schlang ein rosaseidnes Band gürtelartig um ihre schlanke Taille. Erst nachdem dies geschehen war, erklärte sie mit stolzem Kopfnicken ihre Toilette für beendigt, schritt bedächtig durch mehrere Gemächer, bis sie Adrians Wohnzimmer erreichte, wo sie Alles zum Abendtisch ordnete. Dann zog sie sich zurück und ging, die hände über dem klopfenden Busen gefaltet, sinnend im Zimmer auf und nieder.

Bald darauf hörte sie die befehlshaberische stimme Adrians. Sie erbebte leis und ein fulckelnder Blitz schoss aus ihren grossen schwarzen Augen. Ihre schwellenden Lippen zuckten und ein Zug bitteren Hohnes, ja tiefer Verachtung verunstaltete auf einige Secunden ihr tadellos schönes Gesicht. Lauschend blieb sie an der Tür stehen, die Stirn in ihre linke Hand stützend, an deren kleinem Finger ein Brillantring blitzte. Als sie sich überzeugt hatte, dass ihr Gebieter nach seinem Zimmer gegangen sei, zog sie ein zusammengefalteles Blatt aus dem Busen, schlang schnell eine bereit liegende Schnur darum, an welcher ein Schlüssel hing, öffnete eben so rasch Fenster und Jalousie und warf Beides unter dreimaligem Husten hinaus. Bald darauf schlüpfte hinter der Scheuer, auf deren Tenne Adrian die verhungerten Kinder ausgestellt hatte, eine dunkle hohe Gestalt hervor, schlich behutsam nach dem haus und ergriff das weisse Papier, das Bianca absichtlich ruckweise am Boden flattern liess. Als sie es in den rechten Händen wusste, liess sie die Schnur fallen, der nächtliche Gast verschwand wieder hinter der Scheuer und Bianca schloss behutsam ihr Fenster.

Wieder trat sie vor den Spiegel, um sich von ihrem Liebreiz zu überzeugen. Sie sah jetzt weit bleicher aus, als zuvor, allein diese Blässe tat ihren Reizen keinen Abbruch, sondern machte sie eher noch verführerischer. Selbst ihr Lächeln, das nichts weiblich Sanftes an sich hatte, und nur wie eine Maske über die ursprünglich reinen Züge geworfen war, konnte durch die Eigentümlichkeit des spöttischen Ausdrukkes bezaubern, in dem sich Schallhaftigkeit und Laune höchst anmutig umarmten.

Fast erschöpft lehnte sich Bianca jetzt an den Divan und wartete ruhig, bis sie Adrians Schritte vernahm. Vor diesem Tone schauderte sie zusammen, ob vor Wonne oder Entsetzen würde schwer zu entscheiden gewesen sein, denn ihr blick blieb kalt, ihre Miene ruhig.

Sie ergriff abermals einen der Armleuchter, und indem sie das Zimmer verliess, sprach sie flüsternd zu sich selbst