1845_Willkomm_143_268.txt

aus den gemalten Herzen auf Kartenblättern die Geheimnisse in den Herzen der Menschen zu erraten."

"Sie spotten, Elwire! Ist es möglich, dass Sie mich so gar nicht verstehen, dass ich Ihnen ein Fremder geblieben bin?"

Auf diese mit sichtbarer innerer Bewegung gesprochenen Worte senkte Elwire den Kopf und seufzte. "Bitte, sprechen Sie!" sagte sie kaum hörbar, aber unendlich sanft und zärtlich.

"Ja, das sind Sie, das ist wieder die schüchterne Taube, die sich duckend an meine schützende Brust flüchtete und an dieser wieder zum Leben erwachte! – Wozu viele Worte machen, teure Elwire, wozu in langen nichtssagenden Tiraden die heiligsten Empfindungen des Herzens profanisiren, wenn es doch so einfach, so natürlich ist, durch einen einzigen blick, einen herzlichen Händedruck sich zu verständigen! Sie kennen mich zur Genüge, meine schöne Cousine, um längst zu wissen, dass ich ein Feind aller Umschweife bin. Ich liebe ein gerades, offenes Wesen, ein klares bestimmtes Wort. Ein solches Wort will ich jetzt an Sie richten, indem ich die Bitte hinzufüge, mir durch ein eben so gerades Wort zu antworten. Wollen Sie?"

Elwire liess ihre Hand, welche Aurel ergriffen hatte, in der seinigen und schlug ihre grossen sanften Augen zu ihm auf. Sie sprach nicht, aber ihr blick sagte dem Kapitän, dass sie seinen Wunsch erfüllen werde.

"Wir dürfen hoffen," suhr Aurel fort, "dass binnen wenigen Monden dieser anscheinend so verwickelte Proze?, der uns hier zusammengeführt hat, sein Ende erreicht. Ich bin keineswegs in sorge oder nur zweifelhaft über seinen Ausgang, denn Alles, was zur Bildung eines gerechten Urteils, selbst im Sinne unserer höchst unvollkommenen gesetz nötig war, ist beinahe im Uebermasse vorhanden. Alle aufgefundenen Documente sind als ächt von Zeugen beschworen worden und so hat denn unser altes sündhaftes Geschlecht eine Anzahl von Verwandten bekommen, die späterhin nach Massgabe des Richterspruches Anteil haben werden an unsern Gütern. Ich weiss aus den Berichten unseres Anwaltes, dass dieser Spruch sehr bald erfolgen wird und muss, und bin schon jetzt hoch erfreut darüber, da viele Menschen durch ihn glücklich, wohl nur ein Einziger unglücklich werden wird. Dass dieser einzige grade mein ältester Bruder ist, schmerzt mich tief, ich nehme es aber als eine gerechte Schickung der Vorsehung hin, die verjährte Frevel und Vergehungen so oft in eigentümlicher Weise bestraft. Wäre Adrian genügsam, hätte er sein Herz nicht verstockt, so würde er die Armen mit Brüderarmen umschlingen und sich mit uns freuen! Er will es nicht, darum walte das Schicksal! – Ich rufe Ihnen dies jetzt ins Gedächtniss zurück, weil ja auch Sie an dem gemeinsamen Glück Anteil haben werden. Wollen Sie diesen Anteil allein, für sich, getrennt von Andern geniessen?"

"So lange meine geliebte Tante lebt, werde ich mich nicht von ihr trennen!"

"Unter keiner Bedingung, Elwire? Wirklich unter keiner? – Sie seufzen! Ach geben Sie diesem Seufzer Worte! Lassen Sie Ihr Herz sprechen, wie das meinige zu Ihnen spricht! Knüpfen Sie Ihr Schicksal an das meinige!"

Aurel fühlte die Hand Elwirens in der seinigen zittern, aber sie schwieg, den blick zu Boden gesenkt. Mit gedämpfter stimme fuhr Aurel fort:

"Ein Wort, Elwire, ein einziges Wort genügt, um mich glücklich zu machen! Können Sie dieses Wort nicht aussprechen, so dürfen Sie versichert sein, dass Kapitän Aurel nicht eine zweite dringende Bitte an Sie richten wird! Nur jetzt, in diesem geheiligten Augenblick gestatten Sie, dass ich Ihnen einmal sagen darf: ich liebe Dich, teure Elwire!"

Aurel drückte heftig ihre Hand an seine Lippen und heftete wieder fragend sein brennendes Auge auf die liebliche zarte Gestalt.

"Elwire!" bat er. "Ist es denn so schwer, sich zu entscheiden? Lass mich in Dein Auge schauen! In ihm will ich lesen, ob über meinem zukünftigen Dasein der Azurbogen eines sonnigen himmels schweben soll!"

Da erhob Elwire zögernd ihr schönes Haupt, die Blicke begegneten sich und jauchzend sanken sie einander in die arme.

"Ewig Dein!" hauchte Elwire, als Aurel die bebende Braut wieder aufrichtete. "Möchte es mir nur auch vergönnt sein, Dir ein kleiner lichter Stern am Himmel Deines Lebens zu werden!"

Lächelnd schloss ihr Aurel den lieblichen Mund durch einen Kuss.

"Zu Herta!" sagte er. "Die Grossmutter muss ihre kleine verliebte Nichte doch ein wenig schelten, dass sie unter ihren Augen mit dem schelmischen Gott Amor geheime Zwiesprach gepflogen hat."

Elwire lächelte jetzt ebenfalls schelmisch, hüpfte leichten Fusses am arme Aurels in Herta's Zimmer und liess sich von dem Kapitän der liebreichen Tante als Braut vorstellen.

"Hat sie doch endlich geplaudert, der liebe Schalk?" sagte Herta, legte die hände der Liebenden in einander und gab ihnen ihren grossmütterlichen Segen.

Als gleich darauf Gilbert eintrat und die Verlobung erfuhr, schnitt er ein sehr verdriessliches Gesicht, das sich indess sehr bald wieder aufheiterte, da er den Auftrag erhielt, am nächsten Tage nach Boberstein abzureisen.

"Das ist höchst gescheidt von dem Kapitän," sagte er nach eingenommenem Tee. "Heiraten mag ich zwar nicht, aber lieben muss ich wieder. Und dazu ist Bianca die passendste person!"

Viertes Kapitel.

Das Erwachen der Nemesis.

Es schlug neun auf der Fabrikuhr. Die Nacht war finster, die Luft