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Er ist zu leichtsinnig, zu verliebt!"

"Desto mehr wagt er, und einen Wagehals brauchen wir. Kann er auch zechen?"

"Wie ein Bacchus!"

"So ist er wie geschaffen zu dem Posten, den ich ihm zugedacht habe."

"Ihr wollt Martell einen gefährten geben, nicht wahr?"

"Einen gefährten und einen Spion zugleich! Ein Bursche, der es mit dem Spinner und seinen Freunden aufnimmt, kann auch erfahren, wer den fremden Köhlern immer von Neuem den Geldbeutel füllt!"

Dies leuchtete Aurel ein, und nach kurzem Bedenken gab er seine Zustimmung. Unterdessen war es auch den vereinten Bemühungen Hertas und Elwirens gelungen, die Blinde zu beruhigen, indem sie nicht allein ihr selbst, sondern eben so bestimmt auch Leberecht und Eduard Obdach und Unterhalt zusicherten. Marie presste Herta's hände wiederholt an ihre Lippen, ohne Worte des Dankes für so viel Liebe und Teilnahme zu finden. Es erschütterte die gealterte, von tausend Stürmen durch ein sorgenschweres Leben gepeitschte Frau tief, dass sie am Ende ihres Erdenwandels wieder durch die Not an dieselbe Bank gefesselt war, die sie vor mehr als vierzig Jahren ebenfalls nur zu ihrem traurigen Ruhesitz hatte erwählen müssen. Nur waren die Gefühle, welche jetzt in ihr aufstiegen, Gefühle des Dankes, und trotz ihrer unheilbaren Blindheit musste sie sich schweigend doch sagen, dass der Allmächtige sie wunderbar und gut geführt habe!

Mit einigem Geräusch erschienen jetzt die Knechte und Mägde, um ihr frugales Abendbrod gemeinsam zu verzehren. Aurel hatte nicht die Absicht, durch seine und der Frauen Gegenwart diese braven, arbeitsamen Menschen in ihrer Unterhaltung zu stören, und bot deshalb seiner Tante den Arm, um sie in ihre Zimmer zu geleiten.

"Ich hoffe, Ihr und Euer alter Freund werdet den Tee mit uns trinken," sagte er im Aufbrechen zu dem Maulwurffänger. "Gilbert wird ebenfalls erscheinen und so können wir ohne grosse Mühe gleich Alles ins Reine bringen."

Der Maulwurffänger schlug blinzelnd sein graues Auge zu dem Kapitän auf und sah ihn mit der schlauesten Miene an, die seine Gesichtszüge annehmen konnten.

"Wollen der Herr Kapitän, dass ich oberländisch sprechen darf?" sagte er lächelnd.

"Ganz nach Belieben, braver Alter!"

"Nun dann bitte' ich ganz gehorsamst um Urlaub, mein Herr Kapitän! Die gnädige Gräfin und ihr wunderschönes Nichtchen verstehen zwar einen Tee zusammen zu brauen, wie ihn meine alte Zunge ihr Tage nicht geschlürft hat, aber ein richtiges Maulwurffängerabendbrod ist's denn doch nicht! Da in dem Bauche des alten Kachelofens habe ich einen Topf überlaufen sehen, der ein genaues Viertel Erdbirnen entalten mag, und der Duft von diesen lieben Knollen kitzelt mich noch in der Nase. Auch habe ich einen starken Apettit, vornehmlich auf eine nahrhafte, gut geschmalzte Mehlsuppe, wie sie dort auf dem Tische dampft. Finden Sie es also nicht gar zu grob und despectirlich, so bleibe ich mit sammt dem Alten da und seinem Enkel in der Gesindestube, helfe die Riesenschüssel mit dem schönen Reimspruche am rand mit auslöffeln und schäle nachher der blinden Mutter dort einen Teller voll Erdbirnrn, was sie in ihren jungen Tagen oft aus purer Liebe mir ebenfalls getan hat. Die mehligen Knollen schmecken mir noch einmal so gut, wenn die hübsche Marie die Schalen mit ihren kleinen dicken Fingern so appetitlich abzog."

Dies Lob des alten Mannes machte die Blinde lächeln. Zugleich ward sie aber auch gerührt von PinkHeinrichs anhänglichkeit, und die Hand gegen ihn ausstreckend, sagte sie:

"Habt Dank, Alter! Die blinde Mutter wird heute mit Euch zu Abend essen, und wenn auch ein paar Tränen aus ihren erloschenen Augen mit auf Euern hölzernen Teller fallen, Ihr werdet ihr deshalb doch nicht grollen."

Herta traten die Tränen in die Augen. Sie entzog Aurel ihren Arm, um in dem vorgehaltenen Taschentuche ihre Rührung zu verbergen.

"Gelt, Herr Kapitän, Sie entschuldigen den Grobian von Maulwurffänger und lassen ihn in der alten räucherigen Erdfahrt, in die er von Rechts wegen gehört?"

"Gott segne Euch und Euer Mahl!" rief Aurel bewegt. "Lasst es Euch so wohl schmecken wie in Euren besten Tagen! Gilbert werde ich von Euch grüssen und auf seine Sendung vorbereiten."

Unter dem lauten und gemeinsamen Zuruf aller Dienstboten, die ihrer herrschaft von Herzen gute Nacht wünschten, verliess Aurel mit Herta und Elwire die Gesindestube.

Auf dem Wege nach dem Herrnhause fragte der Kapitän Elwire: ob er sie auf einige Minuten in ihrem Zimmer sprechen könne? Das schöne Mädchen gab mit Herzklopfen ihre Einwilligung und Aurel beurlaubte sich für kurze Zeit bei seiner Tante, nachdem er sie in das uns bekannte Zimmer geführt hatte, wo die immer geschäftige Emma ihre Gebieterin empfing.

Mit niedergeschlagenen Augen begrüsste Elwire ihren Vetter. Auch Aurel war ein klein wenig befangen, da er heute nicht seinen gewöhnlichen, scherzhaft kecken Ton anstimmen wollte, in den er gern bei ungenirter Unterhaltung mit jungen Mädchen verfiel.

"Liebe Elwire," sagte er nach einigen unbedeutenden fragen, die das kluge Mädchen gewiss belacht hätte, wäre sie nicht eben so befangen gewesen, wie Aurel. "Liebe Elrwire, ich erbat mir die erlaubnis zu diesem Gespräch unter vier Augen, um von Ihren schönen Lippen mein Schicksal zu erfahren."

"Glauben Sie, dass ich wahrsagen kann?" fiel Elwire mit einem reizenden Anflug von Uebermut ein. "Emma hat mir nie Unterricht gegeben in der Kunst,