sich lieb haben, so kurz vorm Niederlegen zum ewigen Schlafe, noch einmal zusammenführt? Ich meines Teils danke ihm dafür von Herzen, und auch Du wirst es tun, gute Marie, wenn Du erst den grossen Verlust verschmerzt hast, der Dich betroffen! Freilich, freilich, noch abzubrennen auf seine alten Tage und gleichsam an den Bettelstab geraten, das ist hart! Aber, Gott Lob, noch gibt es redliche Menschen, die arme brave Lente nicht verkommen lassen in unverschuldetem Unglück! – Guten Abend, Leberecht! Willkommen, Eduard!"
Und der treuherzige Mann reichte sowohl Vater wie Sohn seine harte ehrliche Hand.
Die blinde Marie erkannte den alten Freund an der stimme. Gewaltsam hielt sie die Tränen zurück, stammelte einen guten Abend und streckte ihm ihre weisse abgemagerte Hand entgegen.
"Sapperment, bin ich denn gar so durchsichtig geworden?" lachte der Maulwurffänger. "Du greifst ja frisch weg in den blauen Dunst hinein, der mich gar angenehm in die Nase sticht! Hier, alte Mutter, hier ist der gutmütige Narr, der sein Lebelang für andere Leute seine eigene Haut zu Markte trug!"
"Gott erhalte Dich noch lange gesund, Heinrich!" erwiderte Marie, mit beiden Händen die Rechte des alten Freundes ergreifend. "Gott schenke Dir noch viele viele frohe Tage und behüte das Licht Deiner Augen!"
"Das wolle er in Gnaden tun, der gute alte Gott, sonst möchte' es mir übel ergehen auf meine alten Tage! Ich habe weder Kind noch Kegel, und die Hand, die mich pflegen wird, soll noch geboren werden."
"Wir setzten uns dann neben einander, Heinrich, auf den grünen Plan vor dem Gemeindehause, und wenn wir die warme Sonne auf dem gesicht fühlten, bildeten wir uns ein, wir könnten auch noch die von ihr beschienene Landschaft sehen."
"Aber Marie! Wie magst Du so reden!"
"Die Mutter ist blind," sagte Eduard kalt. "In der Stunde, wo das Licht ihrer Augen erlosch, ging unser Häuschen in Flammen auf und ich verbrannte mich zum Krüppel! Auf dieser Welt kann ich keinen Faden mehr drehen, keinen Schützen mehr schnellen! Ich muss eben betteln gehen, wenn mitleidige Seelen sich meiner nicht erbarmen."
Der Maulwurffänger erblasste bei dieser Nachricht, seine stets sichere Hand zitterte. Er musste sich auf seinen Wanderstab stützen, um nicht zusammezubrechen. Inzwischen ergiff Leberecht eines der Talglichter und näherte sich Marien, die noch die Hand des alten Freundes umklammert hielt und ihre lichtblauen Augen, über deren Sternen graue Nebelwolken lagen, fest auf ihn richtete. Bei diesem Anblick schossen auch dem Maulwurffänger die Tränen unaufhaltsam in die Augen und laut schluchzend warf er sich nieder auf die Knie und drückte sein Gesicht in die linnene Kleidung der Jugendfreundin.
"Wie war dies möglich, Marie?" sagte er nach einer Pause. "Wie bist Du um Deine Augen gekommen, armer Engel?"
"Durch die Arbeit!" seufzte die Blinde. "Das Weben bei Nacht vertrugen meine Augen nicht, und weil sie mich so sehr schmerzten und das Licht nicht mehr ertragen konnten, löschte sie der liebe Gott lieber ganz aus. Seit ich blind bin, habe ich keine Schmerzen mehr. Auch das Leid Anderer rührt mich nicht, denn ich sehe ja nicht ihr Elend! O ich sage Dir, Pink-Heinrich, eine grössere Wohltat als Blindheit kann es für den gefühlvollen Armen nicht geben! Ihn quält nichts und doch hat Jeder Erbarmen mit ihm! Unaufgefordert empfängt der Blinde Gaben, während andere elendiglich Darbende hart angelassen und unbeschenkt fortgewiesen werden! Darum danke Gott, alter Freund, dass er mir das Licht der Augen genommen hat, als es Zeit war. Ich kann nun ruhig sein wegen meiner Zukunft und geduldig der Stunde harren, wo der Ewige mich rufen wird."
"Hat Euch Paul mein Schreiben eingehändigt?" fragte jetzt Aurel, um diesen schmerzlichen Auftritt zu beendigen. "Ich bin dann begierig, Eure Meinung zu hören."
"Um uns mit Ihnen zu beraten, Herr Kapitän, sind wir Beide, Sloboda und ich, unverweilt mit Paul hierher gekommen. Es steht nicht Alles gut um Boberstein!"
"Von meinem Enkel erfuhren wir die Verirrung Martells," sagte der alte Wende. "Wir vermuten, dass eine böse List dahinter verborgen liegt."
"Dieser Ansicht bin ich ebenfalls, wackere Freunde, doch macht sie mir wenig sorge. Martell ist ein sehr kräftiger Mann, den sein geistiger Stolz schon nicht untergehen lässt. Er schmachtet nach Vergeltung, und weil er diese nicht in der Art üben kann, wie er es vielleicht wünscht, gerät er auf Abwege. Mehr bekümmert mich das Verschwinden des Hamburger Trödlers! Ihn müssen wir auskundschaften, sonst laufen wir Gefahr, unsere Absicht nur zur Hälfte zu erreichen. Habt Ihr eine Vermutung, Heinrich?"
"Bloss unbestimmte, Herr Kapitän."
"Lasst hören!"
"Bewahre mich der Himmel! Was ich denke, erfährt gegenwärtig kein Mensch! Aber ich bin der Meinung, Spione nach Boberstein zu schicken."
"Wollt Ihr selbst einen so schwierigen Posten übernehmen?"
"Hätte ich nur zwanzig Jahre weniger auf dem rücken, so machte ich mir wohl den Spass, aber jetzt, Herr Kapitän, jetzt bin ich doch etwas zu unzuverlässig geworden. Ein flinker Junge wie der Gilbert ist der rechte Mann dazu."
"