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ab! Sag' es meinem Diener."

Und wieder trat er mit dem kalten unerbittlichen Auge eines Todtenrichters vor den noch immer Zaudernden.

"Acht Secunden, mein Herr!"

"Donner und Höllenbrand," fuhr Klütken-Hannes auf, "wenn's nun einmal nicht anders sein soll, so will ich mit saufen! Läuft's schlecht ab, je nun, so war der Rausch vor dem verfluchten Endreigen doch lustig! Hier meine Hand! Von morgen an soll Martell und wer zu ihm hält, doppelte Portionen schlucken!"

"Gute Nacht, Herr Klütken. Ich danke Ihnen verbindlichst!"

Adrian verliess die kammer. Als die tür hinter ihm zuschlug, flüsterte er lächelnd:

"Es ist mir ganz lieb, wenn sie Alle mit einander zum Teufel fahren. Bleibt auch nur Einer am Leben, so wäre ich keine Stunde mehr mein eigener Herr! Nein, fort müssen sie, fort für immer! Und im grund kann man dieser versoffenen Canaille keinen grösseren Dienst erweisen! – O über den Esel! Zu glauben, ich würde einen Kerl seines Charakters für einen Schurkendienst Gott weiss wie viele Jahre gleich einem Fürsten erhalten!"

Mit Behagen schlürfte er sein Glas Punsch, liess sich dann von Jussuff in die Kalesche helfen und fuhr, sehr zufrieden mit seinem Verfahren, wieder nach Boberstein zurück. Ungeachtet der entsetzlichen Finsterniss und der schrecklichen Waldwege erreichte er es doch ungefährdet.

Klütken-Hannes verlebte eine qualvolle Nacht; denn zu seinem Entsetzen musste er sich die hämischen Vorwürfe seines Verführers und Dieners gefallen lassen, ohne ein Wort darauf erwiedern zu können. Seit undenklichen zeiten zum ersten Male genoss er keine berauschenden Getränke in dieser Nacht, so häufig ihn auch Blutrüssel dazu aufforderte.

Gegen Sonnenaufgang schlichen sich die beiden Verworfenen wieder in Köhlertracht durch das undurchdringlichste Dickicht und erreichten auf grossen Umwegen gegen Mittag das Dorf am See.

Drittes Kapitel.

Ein geständnis.

Unter dem Geläut der Feierabendglocke fuhren unsere Freunde durch das Dorf nach dem Zeiselhofe. Sie wurden von manchem Vorübergehenden, der eben seine Mütze zum Gebet abnahm, freundlich gegrüsst; denn in dieser Gegend waltet noch die fromme Sitte, beim Mittag- und Abendläuten, sei's unter freiem Himmel oder im heimlichen Zimmer, mit entblösstem Haupt ein Vaterunser zu beten.

Nach alter Gewohnheit pflegte der Maulwurffänger immer zuerst die Gesindestube zu betreten, um entweder seinen Ranzen nebst Fangdrähten, oder was er sonst grade bei sich trug, abzulegen, oder sich daselbst nach dem Gebieter zu erkundigen. Sloboda hatte von seinem alten Freunde die nämliche Gewohnheit angenommen. Ihr erster gang war daher auch diesmal nach der Gesindestube gerichtet, aus deren Fenstern ihnen bereits das freundliche Glänzen brennender Späne einladend entgegenschimmerte.

Als Pink-Heinrich die schwere Lehmtüre aufzog, gewahrte er in dem grossen raum eine Scene, die ihm ein paar Secunden lang an die Schwelle fesselte.

Wir bitten den Leser, sich zu erinnern, dass die Gesindestube im Zeiselhofe ein grosses, mehr langes als breites Zimmer war mit einer Menge Fenster, einer sehr langen Tafel von grobem Holz und einer rund um die Wand laufenden Bank. Dieses Zimmer hatte im Laufe der Zeit keine Veränderung erlitten, es war nicht einmal ausgeweisst worden. Der ungeheure Kachelofen mit dem bequemen Lager hinter ihm, dieselben Schemel und Bänke, wie vor vierzig Jahren, nur wurmstichiger als damals, füllten den nicht eben freundlichen Raum. Sogar das Gezirp und Geschrill der zahllosen Heimchen hatte sich eher vermehrt als vermindert, denn Niemand war es eingefallen, diese unschuldigen Tierchen zu vertreiben.

Der Maulwurffänger brachte, wenn man will, aus Angewohnheit gern ein paar Stunden in diesem gemeinschaftlichen Plauderzimmer der Dienstleute zu, denn er liebte es noch immer, das Dienstpersonal mit alten Geschichten zu unterhalten, die hübschen Mägde zu necken und aufzuziehen. Auch mochte ihn alte anhänglichkeit und jene unerklärliche Wehmut der sehnsucht, die sich an Orte knüpft, wo uns in früheren zeiten Wichtiges begegnet ist, mit energischer Gewalt dahin ziehen.

In diesem raum nun, den ausser den dunkel brennenden Spänen an beiden Enden der langen Gesindetafel noch einige dünne Talglichter sehr unvollkommen erleuchteten, gewahrte der Maulwurffänger eine rührende Gruppe. Umwallt von bläulichen Rauchwolken, die aus dem erlöschenden Wacholderreisigfeuer auf dem geziegelten Teile der grossen stube aufwirbelten, sass eine hagere, fast ganz weiss gekleidete Frau in Landestracht auf der Ofenbank. Um den Kopf trug sie nach Art alter Frauen ein blau und weiss geblümtes Tuch, das am Hinterkopf in einen einfachen Knoten verschlungen war und beide Zipfel nach beiden Seiten steif ausbreitete. Ihr zur Rechten sass Herta in modernem schwarzseidenen Gewande. Zur Linken schmiegte sich die liebliche schlanke Gestalt Elwirens an die alte Frau und lehnte ihren schönen Lockenopf auf deren Schulter. Alle drei schluchzten leise. Unfern von dieser Gruppe sah man auf der Wandbank einen jungen Mann mit verbundenen Händen sitzen, neben dem ein anderer ergrauter starker Mann aufrecht stand und mit Aurel, der am Gesindetische lehnte, ein lebhaftes Gespräch unterhielt.

"Du mein Jesus, Marie!" rief jetzt der Maulwurffänger und schritt hastig auf die Gruppe am Ofen zu. "Kehren denn die alten zeiten zurück ganz und gar? Wie viele Male habe ich Dich just auf demselben Oertl sitzen und weinen sehen, wenn ich des Abends einsprach um Essenszeit und der arge Schalk von Grossknecht, der nun so lange Jahre schon Dein Eheherr ist, Dir die Suppe mit dem graugrünen Heimlichzeuge verdarb! Aber was weinst Du denn, Marie? Ist's nicht eine rechte Gottesfügung, dass er Alle, die