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und rollte seine Augen so entsetzlich, dass sie blutigen Fleischballen ähnlich sahen. Dann zog er sich zurück und drückte die spitzen Zähne an den Bretterspalt, als wäre es ihm Bedürfniss, etwas vor Ingrimm zermalmen zu müssen.

Adrian schien durch die Antwort seines Verbündeten beruhigt worden zu sein. Er warf sich jetzt auf den Schemel und fuhr fort:

"Obwohl ich Ihren Bemühungen, mir gefällig zu sein, meine Anerkennung nicht versagen kann, Herr Klütken, muss ich Sie doch wiederholt ersuchen, auch fernerhin nicht lässig zu sein! Sie haben Anerkennungswertes geleistet, es ist wahr, allein es genügt noch lange nicht. Dieser Mensch hat die Kraft eines Riesen und die natur eines Stieres! Wissen Sie, mein Herr, dass er noch jetzt wie am ersten Tage nach Gebrauch der ihm verschriebenen Arznei seine Arbeit ohne Anstrengung verrichtet?"

"Ich will ewig verflucht sein, wenn ich's nicht weiss!" schwur der Trödler, ein Glas heissen Branntwein an seine blauen Lippen setzend. "Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich mehr tun kann! Bin's nicht im stand, Herr!"

"Vielleicht liessen sich die Arzneigaben verdoppeln, da uns die bisherigen Erfahrungen gelehrt haben, dass man dieser unverwüstlichen natur etwas zumuten kann."

"Soll ich?"

"Machen Sie wenigstens einen Versuch."

"Bei alledem ist das ein Wagstück, mein Herr gönner; denn sehen Sie, der Teufelskerl hat manchmal die Gewohnheit, einem zuzutrinken, zumal, wenn ihm's Herz aufgeht und die Galle überläuft, und wenn man sich dann weigert, einen tüchtigen Schluck zu nehmen, so wird er unangenehm."

"Nun, und was tut das?"

"Was das tut? Ei, mein sehr grossmütiger Herr, das kann einem mir nichts Dir nichts das Leben kosten. Denn ein so robuster Kerl ich auch bin, mit dem Martell mag ich doch keine Rauferei anfangen."

Adrian zuckte die Achseln und erwiderte sehr gleichgiltig:

"Es wird nicht gleich ans Leben gehen, Herr Klütken, ein paar Püffe und Striemen müssen Sie aber schon geduldig einstecken, wenn man Sie dafür so anständig bezahlt."

"Aus Prügeln mache ich mir gar nichts, mein Herr gönner, denn ich bin in meinem Leben sehr viel geprügelt worden, aber eine Art muss doch Alles haben! Und die hat der Martell nicht!"

"Dann werden Sie ihm Bescheid tun, so oft er es verlangt!"

"Mit doppelt gepfeffertem Trank?"

"Mit verdoppelter Arznei!"

"Herr, das wäre MordSelbstmord!"

"Stecken Sie Brechpulver zu sich und trinken Sie viel wasser dazwischen! Uebrigens haben Sie ja immer einen ganzen Tag Zeit, um sich durch die kräftigsten speisen wieder zu stärken. Entalten Sie sich in dieser Zeit aller berauschenden und aufregenden Getränke, so werden Sie nicht die mindeste Abspannung oder gar Hinfälligkeit spüren."

"Ich kann nicht essen, ohne zu trinken!"

"Schlechte Gewohnheit, Herr Klütken, für die Sie mich nicht verantwortlich machen dürfen. Sie sind freiwillig in meine Dienste getreten, und wenn ich für den anständigen Gehalt, den ich Ihnen gebe, verlange, dass Sie mir treu und rücksichtslos dienen sollen, so glaube ich nur billige Rechtsansprüche an Sie zu machen."

Klütken-Hannes ward unruhig, ob aus Aerger über die Bedingungen seines unheimlichen Wohltäters oder aus Furcht vor der Zukunft, konnte man aus seinen verwilderten Gesichtszügen nicht herauslesen.

"Ich ersuche Sie dringend, Herr Klütken," sagte Adrian nach kurzer Pause mit teuflischer Freundlichkeit, "mir gefälligst unumwunden anzugeben, ob Sie gesonnen sind, meinen Wünschen zu entsprechen? Sie sind durchaus frei, wenn Sie wollen, nur freilich fällt alsdann die versprochene Pension weg, da Sie vor Erreichung des ausbedungenen Zweckes aus meinen Diensten treten."

"Teufel, das ist ein Kerl!" knirschte Blutrüssel, der schon längst seine Augen wieder an den Spalt drückte. "Der hätte vor einigen vierzig Jahren unter uns leben sollen!"

"Es ist gewiss und wahrhaftig der leibhaftige Satan!" murmelte Klütken-Hannes, der sich in eine verzweifelte Klemme getrieben sah. Hier gähnte in furchtbarer Nähe das dunkle Grab mit all seinen geheimnissvollen Schauern ihn an und dort drohte das eben so entsetzliche Gespenst der Armut, des Elendes, der schauerlichsten Verzweiflung! Er wusste nicht, wem er die Hand reichen sollte, und wieder versank er in ein düsteres, brütendes Schweigen.

Mit einem blick, der fast ins Liebevolle hinüberspielte, betrachtete Adrian sein ihm verfallenes Opfer.

"Sie haben noch zwei Minuten Bedenkzeit, Herr Klütken," sagte er ungemein höflich und zog die goldene Repetiruhr aus der tasche.

Klütken-Hannes fuhr auf und ballte unwillkürlich die hände. Einen Augenblick lang war er Willens, sich auf den entsetzlichen Gebieter zu werfen und ihn zu erdrosseln, aber die Liebe zum Leben und der Durst nach möglichst grossem und schnellem Gewinn siegten. Den wüsten Kopf auf beide hände stützend, sah er starr vor sich nieder, ohne einen klaren Gedanken zu fassen.

Adrian verwandte keinen blick von dem Unglücklichen. Sein Lächeln ward immer freundlicher, immer satanisch verklärter.

"Wenn Sie die Güte haben wollen, Herr Klütken, mir Ihren Entschluss kund zu tnn, so mache ich Sie darauf aufmerksam, dass Ihnen grade noch eine halbe Minute Zeit dazu übrig bleibt!"

Er öffnete ruhig die Tür und rief:

"Jussuff, in einer Minute reise ich