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aus. Ich muss notwendig mit dem Kapitän selbst reden. – Du hattest Recht, Freund Jan! Beobachtung tut Not. Darum mag Gilbert je eher je lieber in die Haide reisen."

Zwei Stunden darauf verliess der Maulwurffänger mit Sloboda und Paul sein trauliches Häuschen, zu nicht geringem Verdrusse Schlenkers, dem er seiner Unvorsichtigkeit wegen weder ein freundlich entschuldigendes Wort gesagt noch ihm zum Abschiede einen Gruss zugerufen hatte. Der gute Herrnhuter beteuerte nochmals, es sei mit tausend Schrecken, wie der Mann mit seinen Nebenmenschen verfahre, und vertiefte sich in die Lectüre jener wichtigen Missionsschrift, deren Vortrefflichkeit er vor Kurzem seinem aufmerksamen Freund Gregor anempfohlen hatte.

Zweites Kapitel.

Gezwungenes Abkommen.

Während unsere Freunde dem Zeiselhofe entgegen eilen, jagt eine leicht gebaute Droschke der Haide zu. In Folge des eingetretenen starken Tauwetters waren die an sich schon schlechten Wege beinahe unfahrbar geworden und hinderten das Fortkommen ungemein. Adrian, der Lenker dieses leichten Zweigespanns, stiess vor Ungeduld die ärgsten Schimpfreden aus und liess seinen Aerger die unschuldigen Tiere entgelten, an denen es wahrhaftig nicht lag, wenn der Wagen nicht im Fluge über Stock und Stein dahin sauste. Der stumme Kammerdiener Jean, den sich Adrian bei all seinen neuerdings unternommenen Ausflügen zum alleinigen Begleiter auserlesen hatte, suchte durch Mienen und Gebehrden seinen erzürnten Gebieter zu beruhigen und deutete ihm an, dass ja Niemand dafür könne, und die böse unfreundliche Jahreszeit allein Schuld sei an den schlechten Wegen, die freilich bisweilen noch blossen Sumpflöchern und Sandlachen glichen. Adrian hörte aber auf alles Zureden nicht. Er schimpfte, fluchte, peitschte nach wie vor, und warf dann und wann einen verzweifelten blick auf die sich dunkler färbende Waldung.

"Es wird sinkende Nacht, ehe ich zurückkomme,"

murmelte er durch die Zähne, "und wenn ich auf diesen grundlosen Haidewegen nicht den Hals breche, kann ich mich obendrein noch bei dem Wegeverderber bedanken. – Jean, der Mensch wird doch sicher auf mich warten?"

Der Kammerdiener bejahte durch Kopfnicken und

Adrian liess pfeifend die Peitsche um die Köpfe der schnaubenden Rosse knallen.

Herr am Stein war auffallend blass geworden.

Hohle fahle Wangen und tief liegende brennende Augen sahen unheimlich aus seinem Reisemantel. Sein ganzes Wesen hatte etwas Hastiges, Unstätes angenommen, das man früher nicht an ihm bemerkte. Dennoch schien dies nicht Folge körperlicher Krankheit, sondern mehr geistiger Aufregung zu sein. Die trübe und doch verzehrende Glut seines Auges zeugte von dem Vorhandensein einer grossen leidenschaft, die nach Befriedigung lechzte und diese trotz der ungeheuersten Anstrengungen doch nicht erlangen konnte.

Es dunkelte bereits, als Adrian das Ziel seiner

Fahrt, die Köhlerschenke am Raubhause, erreichte. Die Zügel heftig dem Kammerdiener zuwerfend trat er rasch in die räucherige Barake. Jussuff kam ihm mit demütigen Bücklingen entgegen und fing schmunzelnd an von der hohen Ehre zu schwatzen, die der gnädige Herr ihm wiederfahren lasse. Ohne darauf zu achten, fragte der Graf barsch:

"Wo stecken die Burschen?"

"Meinen Ew. Gnaden die mir empfohlenen Gäste, so werden Sie die immer sehr durstigen Herren in ihrer kammer finden! Sie befehlen?"

"Marsch, voran! Ich habe Eile!"

Demütig öffnete Jussuff die Zuschlagtüre, schritt dem nachfolgenden Grafen einen dunkeln gang voran und zeigte ihm das Gemach seiner Gäste. Diese waren übrigens so laut, dass Adrian auch ohne des Wirts Geleite den Weg zu ihnen gefunden haben würde.

"Du kannst jetzt gehen, Jussuff," sagte er etwas sanfter. "Gib meinen Pferden etwas Zucker und wirf ihnen ein Bündel Heu in die Krippe. Für mich halte ein Glas Punsch in Bereitschaft. Sobald ich meine Geschäfte mit diesen Burschen abgetan habe, breche ich sogleich wieder auf, um noch vor gänzlichem Einbruch der Nacht den schlimmsten teil der Haide zurückzulegen."

Jussuff entfernte sich und Adrian trat, ohne anzupochen, in die kammer, wo Blutrüssel und KlütkenHannes bei ihrem Lieblingsgetränk sassen, schwatzten, lachten, fluchten und Tabak dazu qualmten. Bei dem erscheinen des vornehmen Mannes, von dessen Herkunft und Beschäftigung Keiner etwas Bestimmtes wusste, fuhren sie auf und unterbrachen ihr Gespräch.

Adrian nickte stolz zum Gruss und deutete dann auf Blutrüssel, worauf er durch eine leicht zu verstehende Gebehrde zu erkennen gab, dass er mit Klütken-Hannes allein zu sein wünschte. Der feige Mörder schlich knurrend hinaus, wie ein Panter, der gezwungen seine Beute verlassen muss.

"Ist es durchaus nötig, Herr Klütken, dass dieser unaustlehliche Schleicher immer bei Ihnen sein muss?" fragte der Graf, indem er sich mit verschlungenen Armen an die Bretterwand lehnte. Eine Elle über seinem haupt funkelten zugleich die rollenden Augen des Mörders.

"Ich bin ihm von früher her Dank schuldig, gestrenger Herr," versetzte der ehemalige Trödler, "und Sie kennen das Sprichwort: eine Hand wäscht die andere!"

"Gut. – Stehen Sie für seine Verschwiegenheit? Denn ich verhehle es Ihnen durchaus nicht, Herr Klütken, dass, wenn Sie ein einziges Wort von unserm Abkommen gegen irgend Jemand verlauten lassen, ich nichts mehr von Ihnen weiss und meine Hand auf der Stelle von Ihnen abziehe!"

Klütken-Hannes lächelte, wenn das Grinsen seines breiten Mundes und das Blinzeln seiner kleinen, blutunterlaufenen Augen ein Lächeln genannt werden kann, und zog das Hirschhornheft eines Schiffermessers aus der Brusttasche seiner Jacke.

"Das macht still, mein grossmütiger Herr gönner, wenn der Dummkopf in lustigem Schwindel ja einmal unsern Pact vesgessen sollte!"

"Verdammter Hund!" murmelte Blutrüssel