in den paradiesischen Gauen, die sie mit so verführerischen Farben zu schildern verstehen!"
Unerwartet flog jetzt ein leichtes Fuhrwerk die Strasse herein und hielt vor dem haus des Maulwurffängers. Gregor erhob sich lotrecht von seinem Schemel und wendete steif den Kopf nach dem Fenster. Schlenker suchte durch wiederholtes starkes Schnupfen seinen Aerger zu verwinden, den ihm die Bemerkung seines Hauswirts verursacht hatte. Zugleich zog er die grauwollenen Strümpfe, die stets schlotternd um seine dünnen Waden hingen, bis an die zerrissenen Kniehosen herauf und schnallte sie mit einiger Mühe fest unter diese.
"Mein Enkelsohn!" sagte Sloboda. "Was kann der bringen?"
"Es muss etwas Wichtiges sein, denn er hat die junge Stute angetrieben, dass sie ganz und gar mit Schweiss bedeckt ist."
Und beide gingen zugleich dem Jünglinge bis an die Haustür entgegen.
Paul begrüsste seinen Grossvater und dessen treuen Freund mit treuherzigem Handschlage, spannte das Pferd aus und zog es in den Holzschuppen, wo er es eine geraume Zeit auf- und abführte. Als er später den Freunden in's Wohnzimmer folgte, sprach Sloboda zu ihm:
"Du bist ein Hiobsbote!"
"Gott Lob, doch endlich einmal eine christliche Redensart!" seufzte Schlenker, klappte die zinnerne Dose auf und bot dem Wenden eine Prise an, die dieser auch in der Zerstreuung annahm.
"Zum teil, Grossvater, komme ich, um der Ueberbringer einer Unglücksbotschaft zu sein," versetzte Paul. "Leberechts Wohnhaus ist bis auf die Sohle niedergebrannt, Adelbert hat den unglücklichen armen Mann der Fahrlässigkeit beschuldigt und ihn sodann aus dem dorf gejagt, da im Gemeindehause keine Stelle frei war. Leberecht hat nun in seiner Verzweiflung die arme Frau bis zu seinem gegenwärtigen Brodherrn geleitet, der den Flüchtlingen auch ein Plätzchen in der Scheuer angewiesen hat für einen Tag und eine Nacht. Am andern Tage mussten die bedauernswerten Leute, die all' ihre Habe verloren haben, weiter ziehen, und da Leberecht nirgends ein Unterkommen für sich und die Seinen erwarten darf, hat er sich mit einem beweglichen Schreiben an den Kapitän gewandt, und für kurze Zeit um Aufnahme seine Familie auf dem Zeiselhofe gebeten –"
"Was ihm Graf Aurel nicht abschlagen wird," fiel der Maulwurffänger ein.
"Mitleidig liess er nicht allein sogleich ein paar Kammern in Bereitschaft setzen, sondern er schickte den Abgebrannten auch eine ganze Tagereise weit seinen eigenen Kutschwagen entgegen, um die ermüdeten verlassenen Wanderer so bald wie möglich in Sicherheit zu bringen und ihnen die nötige Pflege angedeihen zu lassen."
"Und wie lautet die andere Hälfte Deiner Botschaft?" fragte Sloboda, sich wieder an seine Arbeit setzend.
"Diese kenne ich selbst nicht, Grossvater. Der Herr Graf, unser Beschützer und Wohltäter, hat mir nur einen Brief übergeben, den er mir in unseres Freundes, des Maulwurffängers eigene hände niederzulegen, wiederholt einschärfte. Hier ist dieser Brief."
Pink-Heinrich nahm sich nicht erst die Mühe, die Adresse zu lesen. Er zerriss das zierliche Siegel, welches den Abdruck des kleinen Goldringes trug, den Aurel in Hamburg gefunden hatte. Aufmerksam und mit steigender Teilnahme durchflog er das Schreiben. Er atmete hörbar auf, als er zu Ende gelesen hatte.
"Darf man fragen?" sagte Sloboda.
"Kapitän Aurel hat Nachrichten aus Hamburg erhalten."
"Auf seine Briefe? Ist der Gesunkene aufgefunden?"
"Klütken-Hannes hat seinen Keller verkauft und Hamburg verlassen."
"Das ist auffallend!"
"Noch auffallender kommt es mir vor, dass der arme Trödler einen Pass auf alle deutschen Bundesstaaten genommen und genau eingezogenen Nachforschungen zufolge den Weg nach Osten eingeschlagen hat."
"Sollte er die Spur seiner Tochter verfolgen wollen? Oder sollte ihm seine unnatürliche Handlungsweise gereuen?"
"Darüber steht nichts in dem Briefe. Nur die Bemerkung ist noch hinzugefügt, dass man guten Grund habe, zu glauben, Klütken-Hannes sei nicht allein aus Hamburg abgereist!"
Der Maulwurffänger lehnte sich schweigend gegen die getäfelte Holzwand seines Zimmers und sah mit seinen blitzenden grauen Augen bald gerade vor sich hin, bald auf die Schriftzüge des erhaltenen Briefes. An den strengen Zügen seines ehrwürdigen Gesichtes sah man, dass er angestrengt nachdachte. Niemand störte den Sinnenden, selbst Schlenker schwieg oder unterhielt sich doch nur flüsternd mit Gregor, zu dem er sich auf den Socken geschlichen hatte, um einen langen Disput mit dem einsylbigen mann zu führen über hochwichtige Missionsangelegenheiten. Schlenker hatte bei dieser Unterhaltung den grossen Vorteil, dass er von seinem geduldigen Zuhörer nie oder doch nur durch die längst gewohnten stereotypen Worte: "natürlich" oder "ganz natur" unterbrochen wurde.
Nach etwa fünf Minuten stand der Maulwurffänger sehr heftig auf und trat so schnell auf Paul zu, dass er den ehemaligen Husaren dabei hart auf seine erfrorenen Zehen trat, was Schlenkern zu den fürchterlichsten Grimassen und zu unbeschreiblich komischen Sprüngen Anlass gab.
"Heinrich, Heinrich," rief der Getretene, "Ihr seid, verzih' mir's Gott ein Mann mit tausend Schrecken – o weh, o weh – ja mit tausend Schrecken, ach mit tausend Schrecken!"
Lamentirend hinkte der Fromme nach seiner stube. Der Maulwurffänger achtete gar nicht auf ihn. Mit jugendlich blitzenden Auge fragte er Paul, wenn er glaube, dass die Stute wieder eingespannt werden könne?
"Zwei Stunden genügen, um das Tier volllommen wieder herzustellen."
"Nun, dann brechen wir alle drei in zwei Stunden nach dem Zeiselhofe