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, Heinrich, und wenn's Euch beliebt, von der Gnadenwahl wieder auf den Geburtstag Maja's zurückkommen, obwohl's ein Tag von böser Vorbedeutung ist! Judas, wisst Ihr, verriet seinen Herrn und Meister, weil er der Dreizehnte war, und seit der Zeit ist die Zahl dreizehn, wo immer sie uns begegnet, bei gläubigen Christen eine Unglückszahl."

"Es wird kein Freudentag für sie sein," sagte Sloboda, "denn was sie seiter von sich und ihrer Mutter erfahren hat, heisst bittern Wermut schütten in den Kelch ihrer Schmerzen."

"Schmerzen und Leiden reinigen und läutern das Gemüt," bemerkte Schlenker. "Darum gibt's keine grössere Wohltat für ein recht sündhaftes Menschenkind, als wenn er so zu sagen mit Bekümmernissen und Trübsalen überschüttet wird! Der stürmische Martell ist freilich nicht dieser gotterleuchteten Ansicht, aber dafür ist's auch ein Mensch mit tausend Schrecken!"

"natur! natur! Ganz natur!"

"Tut mir den aussereinzigen Gefallen, Bruder Gregor und Schlenker," fiel der Maulwurffänger wieder ein, "und lasst den braven Martell in Ruhe! Wollte Gott, wir hätten ein paar tausend so treuherzige und felsenfeste Menschen, es würde dann wahrhaftig besser aussehen auf Erden! Martell nenne ich meiner Religion nach einen Mann nach dem Herzen Gottes!"

Schlenker warf mit krampfhaster Bewegung seine Hand an die Stirn, liess sie jedoch gleich wieder fallen und begnügte sich unter Murren und Seufzen eme grosse Prise einzuschlürfen.

"Unbegreiflich bleibt es mir, alter Freund," sagte Sloboda, "wie Martell nach solchen Offenbarungen im stand ist, gleich dem gemeinsten Spinner ohne Murren unverdrossen in der Fabrik seines harterzigen Bruders fortzuarbeiten! Hat er sich nie darüber ausgelassen?"

Der Maulwurffänger legte das Blaserohr bei Seite, zog Stahl, Stein und Schwamm aus der tasche seines tuchenen Brustlatzes und schlug sich behaglich Feuer an. Erst als die Pfeife tüchtig qualmte, erwiderte er:

"Kapitän Aurel wünschte, dass Martell bis Austrag der Sache die Arbeit bei Adrian einstelle, und erbot sich freiwillig, die Kosten für den Lebensunterhalt seiner Familie zu tragen. Martell aber widersetzte sich diesem grossmütigen Anerbieten hartnäckig. Ich will spinnen und für ihn, der meinen Sohn gemordet hat, arbeiten, sagte er, so lange mich das Gericht nicht frei spricht und ihm, dem ich diene, gleichstellt. kommt dereinst diese Zeitund Gott lasse mich sie erlebendann werde ich als freier, ihm ebenbürtiger Mann Abrechnnng mit ihm halten! – Und darin, find' ich, hat der tief gekränkte Mann vollkommen Recht!"

"Arbeitet auch Maja gleich ihrem Halbbruder?"

"Sie ehrt seine Gründe und will dem unglücklichen Bruder nicht nachstehen. Auch ist dies unter den jetzigen Verhältnissen unerlässlich. Durch ein stillschweigendes Uebereinkommen hat man, wie Ihr wisst, die zuletzt gemachte Entdeckung von Maja's Abstammung dem Herrn am Stein verheimlicht. Er weiss jetzt noch nicht, wem mein Aufruf in den Blättern galt und dass die Aufgefundene gleichsam unter seinen Augen wandelt. Dies geheimnis so lange wie möglich ungelüftet zu lassen, ist unser wohlerwogener Plan, der später seine Früchte tragen wird. Bei der feindseligen Stimmung aller Arbeiter gegen ihren Herren ist es leicht, dies Schweigen Monate lang fortzusetzen. Die Fabrik betritt Adrian mit keinem fuss mehr, seit er in Martell einen unwillkommenen Bruder gefunden hat, und da Vollbrecht uns blind ergeben ist und Herr am Stein mit diesem ganz allein Alles verhandelt, was Geschäftsangelegenheiten betrifft, so haben wir keinerlei Verrat zu fürchten."

"Nichts desto weniger lebe ich doch immer in Sorgen, trage ich mich stets mit düstern Gedanken, die mir Tag und Nacht die Ruhe rauben!"

"Aber wozu, Freund Jan? Ist es denn nicht genug, dass Du in so kurzer Zeit zwei Enkelkinder wieder gefunden hast? Du bist undankbar, Jan, gegen Gott und seine Barmherzigkeit!"

"Nein, alter Freund, undankbar bin ich nicht, aber mich ängstigt ein unheildrohendes Vorgefühl!"

"Immer noch abergläubisch?" sagte gutmütig lächelnd der Maulwurffänger. "Dein altwendisches Blut bicht doch überall heraus. Nun, was schwant Dir denn wieder?"

"Ein Unglück Martells!"

"natürlich! natürlich!" rief Gregor feierlich und drehte seinen langen Rohrstock.

"Martells?" wiederholte fragend der Maulwurffänger, indem er seine breite Stirn nachdenklich runzelte. "Zu so böser Ahnung sehe ich keine Veranlassung."

"Aber ich, Freund Heinrich, ich sehe sie deutlich, sehe sie in drohender Nähe! Erinnere Dich des Briefes von Paul, den ich gestern empfing! Aber Du hast ihn nicht gelesen, fällt mir ein! Höre also, was er entält! Martell scheint sich mit energischer leidenschaft dem Trunke zu ergeben," schreibt der gute Junge niedergeschlagen. "Ich habe ihn mehrmals in diesen Tagen in einem Zustande künstlicher Aufregung getroffen, die nur von überreichem Genuss des unseligen Branntweins herrühren konnte. Freilich leugnete er, als ich ihn freundlich fragte, aber ich merkte nur zu bald, dass er mich hintergangen hatte; denn als ich spät Abends Maja besuchte, sah ich den Unglücklichen in Gesellschaft zweier Köhler nach dem Kretscham eilen, wo er sich das schreckliche Gift sehr gut schmecken liess. Die Köhleroder waren es Holzhändlerhielten ihn frei, denn es schienen wohlhabende Leute zu sein, und Martell musste sich ganz gut mit ihnen unterhalten, denn er lachte herzlich über die Geschichten, die sie