Spass der Burschen, die wöchentlich ein Mal um die erlaubnis eines Besuches baten, mit angesehen. Jetzt zum Aschermittwochsabende hatten die jungen Burschen abermals ihren Besuch anmelden lassen und es war mit Bestimmteit auf muntere Scherze und ausgelassene Tollheiten zu rechnen. Die Mädchen freuten sich über alle massen darauf, um so mehr, da manche der fleissigen Spinnerinnen fast ihren ganzen Flachsertrag des vorigen Jahres zu feinem Garn versponnen hatte, woraus, wenn sie vom Glück begünstigt werden sollte, binnen ein oder zwei Jahren das Linnen zu ihrer Ausstattung gewebt werden konnte.
Ehrhold hatte einen jüngern Stiefbruder, Jan Sloboda, der einige Stunden weiter im ersten Gürtel der Haide ein kleines Gärtchen mit Sorgfalt bewirtschaftete. Letzterer überliess für die Dauer des Winters dem Bruder seine Tochter Rosa, damit sie ihm spinnen und der Wirtschaft vorstehen helfe. So jung Rosa oder Haideröschen, wie die jungen Burschen sie nannten, noch war, so viele Bewerber fand sie unter den schlanken, gesunden und heitern Bauerssöhnen, ja es war so ziemlich für gewiss anzunehmen, dass Röschen im künftigen Herbst Braut sein werde.
Ohne Gesang vergeht keine Spinte unter den Wenden. Das Schnurren der Rädchen, das Tanzen der Spillen, die bejahrte Frauen vorziehen, das Schrillen und Zirpen der Heimchen im Heerd des Ofens und in dem tief in die Wand gemauerten Kamin, wo das Kienfeuer sprüht und prasselt, laden wie von selbst dazu ein, und da Gesang und Gespräch die reinliche Arbeit nicht stören oder unterbrechen, so dauern beide so lange, als die Gesellschaft beisammen bleibt. Späte Wanderer, die in der strengen Jahreszeit ein wendisches Dorf betreten, werden angenehm überrascht von den lieblichen, reinen Stimmen, den bisweilen heitern, meistens aber melancholischen Melodien, die ihnen aus der Schneenacht über die Breterwand irgend eines Bauerngehöftes entgegenschallen.
Bei diesen Gesangübungen hatte sich Röschen besonders durch eine Menge neuer Lieder oder doch solcher, die nur in der Haide bekannt waren, sehr ausgezeichnet und die Liebe Aller erworben. Ihr zu Ehren sollte deshalb Aschermittwoch auf Ehrhold's hof so feierlich wie möglich begangen werden. Röschen musste, da sie keine neuen Lieder mehr wusste, versprechen, die Gesellschaft mit einigen Mährchen zu unterhalten, die sie ebenfalls mit reizender Naivität vorzutragen verstand.
Wirt und Wirtin der Spinte hatten für Speise und Trank reichlich gesorgt. Kaum brach der Abend herein, so kamen die Mädchen, ihre Spinnräder nebst Rocken in den Händen, bei Ehrhold an, nahmen ihre gewohnten Plätze auf der rund um die hölzernen Stubenwände laufenden Bank ein und liessen lustig die Rädchen schnurren und die Mäulchen plappern.
Nach Verlauf einer Stunde schlug es plötzlich, ohne dass man vorher ein Geräusch im hof oder auf der Flur gehört hatte, so heftig an die Tür, dass man hätte glauben sollen, ein Pferd schlage mit dem Hufe daran. Die Mädchen zerrissen vor Schreck ihr Gespinnst und kreischten laut auf, manche bloss zur Gesellschaft und um die andern noch mehr in Furcht zu setzen oder warfen gar Rocken und Rädchen um. Inzwischen stiess Ehrhold, anscheinend verdriesslich über den Grobian, der so ungeschliffen sein Ankommen meldete, die Stubentüre auf, durch welche in gewaltigen Sprüngen ein künstlich aus weissen Regentüchern zusammengesetzter Schimmel hereingaloppirte, auf die Mädchen zusprengte und längs den Bänken unter den lächerlichsten Capriolen hintrabte, hier einen Rocken mit seinem Strohschwanz herabstreifend, dort gar eine der Spinnerinnen mit zudringlichem Kusse beehrend. Erst nachdem das Ungetüm jedem Mädchen einen Kuss geraubt hatte und von ihnen mit Rosinen und Weissbrod gefüttert worden war, unterliess es seine Schelmenstreiche, nickte gravitätisch mit dem kopf, wobei die Ohren abfielen und unter lautem Gewieher ein schöner Rocken zum Vorschein kam. Zugleich sanken die Tücher nebst ein paar Sieben auf die Dielen und ein schmucker Bursche, einige zwanzig Jahre alt, kam unter dem zufriedenen lachen der gefoppten Mädchen zum Vorschein.
Schon früher waren noch mehrere andere Burschen eingetreten. Diese bemächtigten sich jetzt des mitgebrachten Spinnrockens, steckten ihn über der Stubentür fest und reichten dem ausgelassenen Darsteller des Schimmels, den wir Clemens nennen wollen, eine Ofengabel. Clemens nahm sie mit feierlicher Miene an, fragte jedes der Mädchen, ob auch ihr Rocken rein abgesponnen und Platz in der Flachskammer für die Aerndte des nächsten Jahres sei? Als er die befriedigendsten Antworten darauf erhalten hatte, hielt er dem Rocken eine komische Standrede, indem er sich bei ihm für die vielen Freuden, die er den Winter über gebracht hatte, bedankte, sich aber nachträglich auch bei ihm entschuldigte, wenn er ihm zu guter Letzt, anstatt ihn zu pflegen und zu hegen, wie einem Feinde mitspielen müsse. Er könne nicht anders, denn er liebe die Sonne und hasse den Schnee, der Rocken aber sei ein Verehrer gefrorner Fenster, geheizter Stuben und lodernder Heerdfeuer. Das müsse notwendig ein Ende nehmen, da der Saft schon lange in die Bäume getreten sei und die weissen unschuldigen Todtenglokken des Winters, die Schneeglöckchen, schon längst den Frühling eingeläutet hätten. Um also der Winterwirtschaft mit einem Male ein Ende zu machen, ersteche er hiermit im Rocken auch die Spinte und verbiete allen weisshändigen Mädchen, Rocken und Rädchen vor dem sankt Burkhardtstage wieder anzugreifen! So sprechend ergriff Clemens die Ofengabel und machte, von Burschen und Mädchen umstanden, von diesen unter lachen zurückgehalten, von jenen angetrieben, mehrmals vergeblich einen Versuch, die schwarze zinkige Waffe in den weichen seidenglänzenden Flachsleib zu stossen. Endlich aber traf die Gabel unter lautem Jauchzen aller Anwesenden den Rocken, er stürzte an die Erde und die Spinte war erstochen! –
Sogleich wurden nun die Spinnrädchen fortgeschafft,