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. Das müsste ein Hauptbuch werden für Junge und Alte, und eine moralische Erzählung würde ich's betiteln!"

Schlenker liess den lahmen Arm fallen, ergriff die Dose, nahm eine tüchtige Prise und pfropfte sie, den Oberkörper bis auf seine Knie herabbeugend, in seine breite Stumpfnase. Gregor wiegte bedächtig den Kopf, drehte seinen grossen Rohrstock und sagte:

"natürlich! Eine moralische Erzählung für Kinder und Erwachsene. Ganz natur!"

"Ich möchte schon wissen, wie Ihr das anfangen wolltet, Freund Schlenker?" fiel der Maulwurffänger ein. "Freilich, Moral steckt ein gut teil in der vornehmen Herrengeschichte, wie sie aber ein vernünftiger Christenmensch zu einem Schulbuche zurechtschneiden will, das begreife ich nicht!"

"Nichts leichter wie das," sagte Schlenker, die Hand wieder an's rechte Auge schleudernd, wo dann sogleich der wackelnde Finger mit dem krummen, langen und braunblauen Nagel seinen angewiesenen Platz einnahm. "Da ist z.B. das uneheliche Kind Maja, Haideröschens Tochter, am dreizehnten Februar geboren, hat von Kindesbeinen an ein Leben geführt, wie Hiob und Lazarus zusammen, und ist wie verlassen von Gott gewesen bis jetzt! Nutzanwendung aus dieser herzbrechenden geschichte: weil Maja am 13. Februar zur Welt gekommen ist und zwar als ein Kind, das nach dem Willen des grundgütigen Gottes eigentlich gar nicht hätte geboren werden dürfen und sollen, darum und in Anbetracht der erschrecklichen Folgen der Erbsünde hat das arme Weib an die vierzig Jahre im Elende schmachten und allen Jammer dieser Erde gründlich auskosten müssen, zuletzt aber kommt der Herr, reicht der frommen Dulderin seine Hand und nimmt sie als eine Auserwählte zu Gnaden an! – Nun, ist das nicht eine Moral mit tausend Schrecken?"

Und wieder fiel der steife Arm des Herrnhuters auf den Deckel der Dose, um der immer hungrigen Nase neue Nahrung zufliessen zu lassen.

"Kreuzhimmeldonnerwetter," fuhr der Maulwurffänger auf und warf das Blaserohr so heftig auf den weiss gescheuerten Lindentisch, dass es einen feinen Sprung bekam, "Ihr seid ein Narr mit tausend Schrekken! Ich glaube gar, Ihr beweist mir noch in Eurer unergründlichen Weisheit, dass wir der blinkerblanken Gnade Gottes die Aufdeckung all der erbaulichen Schurkereien zu verdanken haben, über die sich gegenwärtig die hohen Gerichtshöfe des Königreichs die Köpfe zerbrechen!"

"Wir sind Würmer des Staubes ohne die Gnade," docite Schlenker, "und so ein Mensch aus dem Gnadenstande verstossen wird, so bleibt er verloren hier und dort, und all sein Trachten ist nichtig, all sein Reden vergleichbar dem Klingklang einer tönenden Schelle, die Niemand verstehen kann!"

"Habt Ihr das in der Kirche gelernt, dass Gott erbarm?" fragte der Maulwurffänger, seine Arbeit wieder vornehmend.

"Mir ist das Verständniss gekommen im Tempel des Herrn und in der kammer der Trübsal, wenn meine Seele im Gebete rang."

"Ihr scheint mir allzu lange gerungen zu haben, Schlenker! Die gute Seele ist dabei aus den Gelenken geschnappt und kann sich nun nicht mehr zurecht finden in Euerm kopf."

"So man uns verachtet, so gewinnen wir an Heiligung und wachsen in der Gnade des Herrn!" versetzte Schlenker, schlug die Beine über einander, setzte sich eine grosse Brille vorn auf die Nasenspitze und nahm die Bibel vor, in der er sehr eifrig zu blättern begann.

Der Maulwurffänger musste lächeln. Sich zu Sloboda wendend, der mit grosser Ausdauer aus frisch geglühtem Draht Fangdrähte bog und die nötigen Bindfäden daran knüpfte, sagte er:

"Um die Rechtgläubigkeit ist's doch eine schöne Sache, Jan! Die hilft Dir über Berge hinweg, und reichten sie hinauf bis an den Mond; die trägt Dich unvermerkt über Millionen Meilen breite Abgründe! Kurz, die gleicht nahezu der Allmacht selbst! Sei rechtgläubig, und Du hörst nicht, wenn Dich Jemand einen Schalk schimpft! Gutwillig, nicht murrend und nicht mucksend, lässt Du Dich lästern, schlagen, hänseln, Alles, weil Du fest überzeugt bist, dass jedem Auserwählten solche Fatalitäten zustossen müssen. Weiss Gott, ich möchte schon manchmal ein Rechtgläubiger sein!"

Schlenker nahm die Brille wieder ab, legte sie in die Bibel und schlug das Buch zu. In etwas predigendem Tone, nur weniger salbungsvoll, sprach er:

"Gott will nicht, dass der Sündige untergehe, sondern dass er lebe und sich bekehre! – Das, seht Ihr," fuhr er fort, mit seiner plumpen, ungewaschenen Hand auf die Bibel schlagend, "das steht da drin, und weil meine alten Augen just jetzunder darauf gefallen sind, will ich Eure wegwerfenden Reden nicht gehört haben, sondern tun, als hättet Ihr nicht gesprochen. Das steht einem alten mann wohl an, der sich zu jenen Geduldigen zählt, von denen der Herr sagt: Nehmet Euer Kreuz auf Euch und folget mir nach! – Denn seht Ihr, Heinrich, obwohl Ihr ein böses Maul habt, gleichsam eine Schnauze, so bin ich Euch doch von Herzen gut, denn Ihr seid bei all Euern Schwächen und Eurer unglücklichen Neigung zum Spotten, doch ein Mann, der unter Tausenden gescheidt ist mit tausend Schrecken!"

"Wenn ich das wirklich sein sollte, so würde ich das nach meiner religiösen überzeugung die Gnadenwahl nennen."

"natürlich, natürlich!" sagte der Schulmeister.

"Hm! 's ist erstaunlich!" murmelte Schlenker. "Aber es soll nichts ausmachen. Wir wollen gute Freunde bleiben