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war völlig leidenschaftslos. In ihm dachte und rechnete nur der Verstand! Daher trugen alle seine Vergehungen, mochten sie einen Namen führen, welchen sie wollten, den Stempel der Gemeinheit. Adrian sündigte auch mit dem verstand, berechnend, schlau, mit grösster Vorsicht.

Vielleicht empfand er auch bei dem geschilderten Zusammentreffen mit Bianca nichts Tieferes, Dauernderes; vielleicht waren die angenehmen Regungen, die ihn durchströmten, nur das willenlose Zittern, das dem sinnlichen Reiz vorangeht; dennoch aber hatte der eigentümliche, unbeschreibliche blick des schönen Mädchens ihn vollkommen bezaubert! Wie stark und anhaltend diese Bezauberung war, bemerkte er erst, als er Bianca entlassen musste. Er fühlte, dass ein teil seines unsichtbaren Seins mit dem davoneilenden Mädchen verschwand, dass eine namenlose, bisher nie empfundene Leere in seinem Herzen entstand, die sich durch nichts ergänzen liess! Adrian hatte seinen Fuss auf die Schwelle gesetzt, die vor der finstern Pforte des Unglücks liegt. Er begann unglücklich zu werden! Der rächende Finger der Nemesis hatte ihn berührt, und mit dem Kusse, den er der kokett Widerstrebenden beim Abschied auf die Stirn hauchte, hatte er dieser furchtbaren Göttin das Gastrecht in seinem haus eingeräumt.

Bianca ward von Adrian als Haushälterin unter Bedingungen angeworben, die man dem habgierigen mann nicht zugetraut hätte. Es ward festgesetzt, dass dieselbe schon am ersten Februar ihr neues Amt antreten und ganz allein über die inneren Angelegenheiten des Hauses zu verfügen haben solle!

Adrian genehmigte Alles, um nur das wunderbare Mädchen bald wiederkehren zu sehen. Als sie sich endlich nicht mehr halten liess, sah er der mit Paul über den See Wandelnden nach, bis sie hinter den ersten Häusern des Arbeiterdorfes verschwand.

"Ach," rief er tief aufseufzend aus, "ein Mann ist doch unglücklich, wenn ihm kein liebendes Weib zur Seite steht! Ich werde mich verheiraten, sobald der Prozess entschieden ist!" – –

Es schlug zwei Uhr, als Bianca wieder in Martells Hütte trat. Ihre Wangen glühten, ihr Auge flammte. Sie glich in der reichen glänzenden Lockenfülle ihres schwarzen Haares, das vom raschen Gange in liebliche Unordnung geraten war, einer zürnenden Pallas Atene. Ein Helm auf dieses schöne Haupt mit dem kecken Profil gestürzt, mit Schild und Schwert Arm und Hand dieses Mädchens bewaffnet, und Bianca wäre in eine entzückende Heldin verwandelt worden.

Aurel erkannte sie kaum wieder.

"Was ist geschehen?" fragte er bestürzt. "Sie zittern vor Aufregung, vor Empörung! Hat mein Bruder Ihnen unwürdige fragen vorgelegt?"

Bianca lächelte. So entsetzlich schön würde eine Hyäne lächeln, wenn sie die Gestalt eines reizenden Weibes annehmen könnte.

"Herr am Stein war die Artigkeit selbst," versetzte sie, "und mit Vergnügen werde ich in seme Dienste treten."

"Bianca, das ist nicht Alles!" fiel Aurel ein. "Sie verheimlichen uns etwas. Die Flamme in Ihrem Auge gemahnt mich an den kalten Todtenschein, der mich zuerst auf Sie aufmerksam macht! Sie verabscheuen meinen Bruder!"

"Verabscheuen? Ja, könnte ich ihn doch auch verachten! Aber ich muss ihn ja nur hassen, ewig, unersättlich hassen!"

"Und wollen dessen ungeachtet in seine Dienste treten?"

"Eben deshalb! Aber ich werde i h m nicht dienen, ich werde ihn mir dienstbar machen. Er soll die Hölle haben auf Erden!"

"Bianca! So schön, so liebenswürdig –"

"Und so vom Teufel besessen? Ja, lieber Kapitän! Nicht nur in diesen Hütten gibt es tote zu rächen, es leben auch anderwärts Seelen, die gleich diesen Armen nach Rache schreien. Ich schliesse mich ihnen an und reiche diesem finstern, verschlossenen mann, diesem von der Bosheit und Schlechtigkeit der Menschen verstossenen Bruder meine schwache Hand zum Bunde der Rache. Martell, bald vielleicht Graf Mar"Zur Rache bis in den Tod bleibt Martell Ihnen ein Aurels fragen, was ihr zugestossen, wodurch sie so Gegen Abend verliessen die drei Reisenden wieder Es waren Blutrüssel, der Mörder, und Herta's

Ende des vierten Teiles.

Fünfter teil

Neuntes Buch

Erstes Kapitel.

Zwei Briefe.

drei Wochen nach den zuletzt mitgeteilten Vorgängen finden wir im haus des Maulwurffängers den Schulmeister Gregor, den frommen Schlenker und den Wenden Sloboda um den Wirt versammelt. Es ist der 13. Februar, der Geburtstag Maja Simsons. PinkHeinrich, mit Abglättung eines Blaserohrs beschäftigt, hat seine Freunde so eben auf die Wichtigkeit dieses Tages aufmerksam gemacht und bedauert, dass er der schwer geprüften Frau nicht persönlich seine Glückwünsche darbringen könne, denn in Folge schnell eingetretenen Tauwetters sind alle Flüsse ausgetreten und fast überall hin die Communication gehemmt. Selbst vom Zeiselhofe hat man seit mehrern Tagen keine Nachricht erhalten.

Schlenker, der, wie gewöhnlich, auf der Bank am Ofen sass und auf der rechten Seite die zerlesene alte Bibel mit der zinnernen Schnupftabaksdose, auf der linken gesalzte Düten liegen hatte, schüttelte den Kopf, warf seine Hand mit dem wackelnden Zeigefinger an's rechte Auge und liess sich folgendermassen vernehmen:

"Es ist mit tausend Schrecken, was noch heutigen Tages bei Vornehmen und Reichen passirt! In den Büchern der Chronika und der Könige liest man nichts Grausamlicheres! 's Ist eine auserlesene geschichte, und ich wollte schon, dass ich schreiben gelernt hätte und die Worte setzen könnte, wie unser lieber Schulmeister, so schrieb ich Alles haarklein auf, wie sich Unglück und Verbrechen, und Strafe Gottes und menschliches Irren durch einander gemengt haben