1845_Willkomm_143_257.txt

und heissen Blicke nicht aus, vielmehr sog er ihn mit dem wollüstigen Behagen eines Durstigen ein, der lange nach Kühlung, nach Linderung und Erquickung geschmachtet hat. Er erkannte sie nicht! –

Nun erst holte Bianca beruhigt Atem; ihr Ent

schluss war gefasst, ihr Plan in einem Augenblick entworfen. Sie wollte Rache nehmen an dem Ehrlosen, für die an ihrer unglücklichen Schwester begangene Schändlichkeit. Sie fühlte urplötzlich die ganze Folterqual Martells und begriff, wie dieses trotzigen Mannes unverwüstliche natur nach dem süssen Genuss der Rache schmachten und zittern müsse! Aber Bianca war ein Weib, ein betrogenes Weib! – Männer hatten ihr Liebe, Verehrung, Anbetung geheuchelt und doch nur augenblicklichen Reiz gesucht! – Sie hatten die Flehende verhöhnt, der Darbenden nicht einmal ein Almosen gereicht! – Solche Lieblosigkeit, solch grausamer Egoismus hatte in ihrem Herzen die edleren Gefühle zwar nicht getödtet, aber abgestumpft, und den berechnenden Verstand über das blinde Zukken des getretenen Herzens zum Wächter gesetzt. Bianca konnte sich verstellen! –

Kaum also hatte sie die überzeugung gewonnen, dass Adrian am Stein nicht ahne, wer vor ihm stehe, als sie auch bereits einen vollständigen Sieg über den nichtswürdigen Heuchler errungen hatte. Das reizendste Lächeln auf ihren blühenden Lippen, verbeugte sie sich jetzt tief und ehrfurchtsvoll vor dem reichen Herrn und sagte mit musterhaft geheuchelter Befangenheit:

"Verzeihen der gnädige Graf einem armen Mädchen, dass es sich so sehr vergessen und in Ew. Gnaden Gegenwart eine ungebührliche Schwäche zeigen konnte! Verzeihen Sie, gnädigster Herr!"

Und demütig suchte sie die Hand Adrians, um sie Vergebung erflehend zu küssen.

"Nicht doch, mein fräulein!" sagte dieser abwehrend, während ein sonderbarer Schauer durch seine Nerven bebte, der in den flammenden Augen des verschämten Mädchens seine Quelle zu haben schien. "Nicht doch, mein fräulein! Wenn hier irgend Jemand um Entschuldigung zu bitten hat, so kann nur ich es sein! Aber der unachtsame Schelm von einem Diener soll dafür büssen! Lieber Gott, was hätte ich beginnen sollen, wenn ein Schlagfluss diese schönen Glieder gelähmt, die Pulse in diesem reizenden Körper stocken gemacht hätte! Meine Seelenruhe wäre dahin gewesen auf ewige zeiten!"

"Der gnädige Herr haben ein solches Unglück nicht zu befürchten," erwiderte Bianca mit schelmischem Lächeln und mit so schmelzend feuchtem blick, dass Adrians Innerstes wie von einem elektrischen Funken getroffen wurde, "Ihre herablassende Güte vermag nur aufzurichten, Ihr liebevolles Auge die Schwachen nur zu stärken! Nochmals, gnädigster Herr, Verzeihung, und tausend Dank, dass Sie einem so tief unter Ihnen stehenden geschöpf so aufrichtige Teilnahme schenkten!"

"Ein himmlisches Wesen! Ein wahrer Engel!" sagte Adrian für sich. "Dieses Mädchen muss bei mir bleiben oder ich bin ein unglücklicher Mann!" Dann wandte er sich zu der noch immer mit demselben schwimmenden blick zu ihm aufschauenden Mädchen und fuhr laut fort:

"Ich hoffe, mein holdes Kind, dass ich mich Ihnen später werde erkenntlich erweisen können; denn ich will nicht Ihre Willfährigkeit, in meine Dienste zu treten, in Zweifel ziehen! Wenn ich dies einmal schon meiner selbst wegen wünschen muss, so möchte ich auch andrerseits um Ihretwillen, dass Sie die Oberaufsicht in diesem haus übernähmen. Ich bin allein, einsam, ja verlassen, denn, was Ihnen ja kein geheimnis mehr sein kann, Einer meiner Brüder hat sich von mir losgesagt! Da wäre es mir nun wohl zu gönnen, dass in diese stillen und verödeten Räume das schöne Bild eines guten reinen Menschen träte, der durch seine Liebenswürdigkeit mir die Grillen verscheuchte und die finstern Stunden durch sein heiteres Geschwätz fern von mir hielt! – Sie sind mir empfohlen, liebes Kind, und obwohl ich mit einigem Misstrauen Ihrer Ankunft entgegensah, weil ich Sie ja unter dem Schutze des mir feindlich gesinnten Bruders wusste, so habe ich doch beim ersten blick in Ihr kindlich klares Auge mein Unrecht sogleich erkannt und es Ihnen von ganzem Herzen abgebeten! Bleiben Sie also bei mir, Bianca! Es wird zwischen uns keines ängstlichen und kleinlichen Abkommens bedürfen, um uns gegenseitig einander Vertrauen einzuflössen. Das meinige haben Sie wenigstens schon jetzt vollkommen und unbedingt!"

Adrian reichte Bianca die Hand. Diese legte schamhaft zögernd die ihrige hinein, indem sie mit leicht geröteten Wangen erwiderte:

"Leider muss ich bekennen, gnädigster Herr, dass ich mich weit grösserer Lieblosigkeit gegen Sie schuldig gemacht habe! Nicht bloss Mistrauen gegen die Redlichkeit Ihrer Absichten erfüllte mich, ich hielt Sie auch für einen gar argen Tyrannen nach dem, was ich von Ihnen gehört hatte, und dachte einen Unhold, ein giftig blickendes Ungeheuer in Ihnen zu finden! Da mir nun von dem Allem das Gegenteil begegnet ist," setzte sie mit naivem Lächeln und wiederholtem schalkhaften Blinzeln ihrer glänzenden Augen hinzu, "so werden Sie wohl mein Erstaunen natürlich finden und mir die Unartigkeit desselben vergeben."

Adrian war entzückt von den Antworten wie von dem ganzen Benehmen dieses bezaubernden Mädchens. Er hatte nie geliebt, höchstens aus Lust an Intriguen oder den Neigungen der natur zu genügen, leichtfertige Verbindungen geschlossen, die er nach Erreichung seines Zweckes gleich seinem dämonischen Vater wieder fallen liess. Bei Magnus hatten diese an dem schwächeren Geschlecht begangenen Frevel etwas Grossartiges, weil seine leidenschaft heiss, zügellos, blind, einer Raserei zu vergleichen war. Wo Magnus sündigte, da musste etwas in ihm lodern, das den Glanz seiner momentanen Neigung von der hehren Flamme der wahren Liebe entlehnte. Adrian dagegen