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finstere und meistenteils schweigsame Martell beim Eintritt des unerwarteten Besuchs von seinem Schemel sich erhob und die reich und modern gekleidete junge Dame begrüsste. Doch fasste sich Bianca eben so schnell und beseitigte die plötzliche Aufregung mit den leis geflüsterten Worten:

"Gott sei Dank, er ist es nicht! Aber welche Aehnlichkeit! Welch interessante Züge!"

Aurel achtete nicht auf das erschrockene Mädchen, dasselbe der freundlich geschäftigen Lore überlassend. Bieder, offen, vertrauensvoll erfasste er Martells beide hände, küsste und umarmte ihn wie einen Bruder und hoffte gerade durch so ungeheucheltes Kundgeben seiner uneigennützigen wahren Bruderliebe den Unglücklichen seinem unheilvollen Grübeln zu entreissen und zu wohltuenden Mitteilungen zu bewegen. Ebenso liess es sich Paul angelegen sein, den finstern Spinner durch herzliches fragen und Erkundigen mitteilsam zu machen. Leider aber mussten Beide erfahren, dass diesem jetzt versteinerten Herzen oder verstörten Gemüt auf keine Weise beizukommen sei! Still, gelassen, ohne eine Miene zu verziehen, hörte der Spinner die Erzählungen seiner Blutsverwandten an, nur ein zitternder, wilder Händedruck sagte, dass er sie verstehe und ihnen danke. Der Schmerz Martells musste entsetzlich sein; nur ein so titanenhaft gebildeter Körper und eine so stolze und ungebändigte Seele, wie sie in diesem leidenschaftlichen kopf lebte, vermochten ihn zu ertragen.

Mit eigentümlichen Empfindungen, die ihr Herz hörbar klopfen machten, trat Bianca um die Mittagsstunde, von Paul begleitet, den Weg nach der Insel an. Adrian hatte sie um diese Zeit zu sprechen begehrt. Es beschlich sie eine unerklärliche Angst, je näher sie dem schwarzen Felsencoloss mit den weissschimmernden Fabrikgebäuden auf seinem Scheitel, kam, und fast reute es sie, eine Zusage gegeben zu haben, von der sie ja nicht wusste, ob sie dieselbe würde halten können.

Auf der Insel angekommen, empfing sie Vollbrecht mit Herzlichkeit, doch konnte er einen leisen Seufzer nicht unterdrücken, als er das wirklich ungemein schöne Mädchen erblickte, und den Kopf missbilligend schüttelnd, sagte er betrübt: "Solch Glück verdient der Mann nicht, und Sie, mein liebes fräulein, Sie werden sich ewig Vorwürfe machen, wenn Sie sich, verführt durch seine bestechenden Redensarten, mit Banden an ihn fesseln lassen, die Sie nicht willkürlich lösen können! Darum, mein fräulein, empfehle ich Ihnen Vorsicht, Vorsicht in allen Dingen!"

Diese Worte konnten die Zuversicht Biancas nicht vermehren. Zagenden Schrittes, mit kurzem Atem und bleichem Antlitz folgte sie dem meldenden Diener, während Paul bei Vollbrecht zurückblieb. Bianca ward in das glänzende, nicht sehr grosse, aber mit desto grösserem Comfort und im feinsten Geschmack ausmeublirte und decorirte Empfangszimmer geführt, das ein starkes wohlriechendes Arom durchzog, welches aus einer silbernen Pfanne auf dem Kamine in hellblauen Ringelsäulen emporstieg. Hier verabschiedete sich der Bediente mit der Bemerkung, dass Herr am Stein sogleich erscheinen werde.

Bianca lehnte sich gegen einen runden, sehr geschmackvoll gearbeiteten Blumentisch, der das mittelste Fenster des Zimmers grade ausfüllte, und mit den schönsten Exemplaren seltenster ausländischer Gewächse ansprechend aufgeschmückt war. Zu beiden Seiten standen auf kleinen runden gusseisernen und bronzirten Gestellen andere wohlriechende Blumen, die das liebliche Duften ihrer Kelche mit dem kostbaren Rauchwerk vereinigten.

Nach wenigen Minuten öffnete sich eine Seitentür und Adrian trat ein. Er ging nachlässig vornehm in einem feinen, bequemen Rock von bronzefarbenem Tuch gekleidet, trug in der rechten Hand einen seidenen Foulard und wehte sich bisweilen Luft damit zu, als bedürfe er der Kühle. Sein Gesicht war blass, eingefallen und trug noch die Spuren der kaum überstandenen Krankheit. Das dünne braune Haar hatte er aus Stirn und Schläfen gestrichen, wodurch die schöne Form des intelligenten Kopfes scharf hervortrat.

Mit funkelndem blick und graziösem Lächeln begrüsste er Bianca herablassend. Diese aber erbebte vor dem mittelgrossen, hagern, bleichen mann mit dem tiefen kaltglühenden Tigerauge. Sie musste sich festklammern an den Blumentisch, um nicht umzusinken, denn sie fühlte, wie ihr die Sinne zu vergehen drohten.

"Er ist es!" lispelte sie unverständlich, mit dem Ausdrucke des Entsetzens ihr schönes Auge auf ihn heftend. "Er, der schamlose Lügner, der herzlose Verführer und Mörder meiner armen Schwester!"

Adrian hörte nur ein unverständliches Murmeln und da er das Erbleichen Biancas und ihr sichtliches Zusammenbrechen sah, glaubte er, der allerdings etwas sehr starke Blumenduft verbunden mit dem süssen Arom des Räucherwerkes habe die Nerven des schönen Mädchens angegriffen und sie diesem Zustande der Ohnmacht nahe gebracht. Dienstbereit eilte er daher auf die Sinkende zu, schoh rasch einen bequemen Polsterstuhl heran und umfing sie gerade noch zu rechter Zeit, um sie sanft in die weichen Kissen niedergleiten zu lassen.

"Mein Gott," sagte er, diesmal mit ungeheuchelter Teilnahme, "die Schwüle in diesem üherheizten Zimmer wird Sie umbringen, armes liebenswürdiges Wesen! Fühle ich selbst mich doch unwohl! Aber dieser Aeter, womit ich mein Tuch getränkt habe, wird Ihnen bewundernswürdige Dienste leisten. Soso! – Es ist ein wahrer Lebenszauber in diesem Aeter!"

Und Adrian von Stein betupfte Stirn, Lippen und

Schläfen der matt Aufatmenden mit seinem Taschentuche, bis sich die Erschütterte sichtlich wieder erholte.

Diese kurze Spanne Zeit war aber auch hinreichend

gewesen, dem von natur beherzten Mädchen ihre ganze Spannkraft und Entschlossenheit wieder zu geben. Sie wollte nur noch wissen, ob auch Herr am Stein sich ihrer noch erinnerte, um ihr Benehmen danach einzurichten. Deshalb erhob sie sich jetzt dankend aus ihrer gedrückten Lage und schlug langsam, forschend die grossen Augen zu dem gewissenlosen mann auf. Adrian wich diesem langen, tiefen