wegen, und es ward festgesetzt, dass man Boberstein oder vielmehr das Dorf am See besuchen wolle, sobald die neu entdeckten Documente mit den nötigen Angaben ihrem Anwalt überliefert sein würden.
Nur Einer konnte sich mit diesen Anordnungen nicht befreunden. Dies war Gilbert. Der junge lebensfrohe Matrose hatte Bianca angelegentlichst den Hof gemacht, obwohl ganz ohne Erfolg. Es schien aber gerade, als wünsche und beabsichtige er dies; denn je kecker, spitziger und trotziger die spröde Schöne seine Galanterieen beantwortete, desto beharrlicher setzte er sie fort. Es gewährte ihm unbeschreibliches Vergnügen, von den blühenden Lippen des schönen Mädchens, in der er eine büssende Magdalene in üppigster Formenpracht erblickte, die härtesten Wahrheiten anhören zu müssen. Abweisen liess sich Gilbert durchaus nicht, so sehr Bianca auf ihrer Hut war. Verriegelte sie ihm die Tür, so unterhielt er sich mit ihr durch's Schlüsselloch und sagte ihr die verlockendsten Schmeicheleien über ihre Schönheit. Er lobte ihre Hand, ihre Anmut, ihr reizendes Zürnen, das schmollende Stampfen ihres zarten Fusses, kurz wie immer sich die Aergerliche gebehrdete, der unermüdliche Gilbert fand alles reizend und entzückend an ihr. –
Als ihm später Aurel seine Zudringlichkeiten verbot und Bianca dem Späher jeden Spalt verstopfte, kletterte er in Schnee und Wind an den Wänden hinan, um durchs Fenster mit seiner Angebeteten zu conversiren, und so brachte er Bianca fast zur Verzweiflung. Weil sie sah, dass Zürnen, heftige und beleidigende Worte bei dem jungen Tollkopf nichts furchteten, liess sie endlich geschehen, was sie nicht hindern konnte, und ertrug die wunderlichen Aufmerksamkeiten des verliebten Jünglings mit heroischem Gleichmut. Sie tat, als spräche, flehte und girrte der tolle Mensch gar nicht, mochte er nun vor der Tür ihre Augen in einem Sonett besingen oder vor dem Fenster ihres Zimmers klappern, um den Umriss des schönen Mädchens durch die Gardinen mit Seufzen zu betrachten.
Gilbert amüsirte sich bei dieser originellen Art,
eine hübsche Widerspänstige andauernd zu verfolgen und auf alle Malicen nur süsse Liebesworte zu erwiedern, über alle massen. Es verging ihm die Zeit dabei und ausserdem konnte man ja doch nicht wissen, ob die neue Magdalene nicht zuletzt von der wandellosen Treue ihres Verehrers gerührt werden und ihm dieselbe auf das Anmutigste belohnen würde. Gilbert hatte Erfahrung genug, um zu wissen, dass oft die sprödesten und widerspänstigsten Mädchen nach einiger Zeit die freundlichsten und hingebendsten werden und dass gerade eine so erzwungene Liebe die genussreichste ist. Darum fiel es ihm nicht ein, seine Nachstellungen aufzugeben und die Vorschriften des Kapitäns zu befolgen.
Als er den Beschluss Biancas hörte, schimpfte er
ganz lästerlich, setzte seinen bebänderten Hut schief auf den Kopf und rannte in den Garten, um an dem Rutschberge zu arbeiten, dessen Erbauung ihm Aurel erlaubt hatte.
"Erst soll die verdammte Hexe doch noch Arm und
Beine brechen!" rief er aus. "Ja das soll sie oder – ich gehe wieder zu Schiffe. Verdammtes Landrattenleben! 's Ist langweilig zum Sterben!"
Und wütend, als sässen ihm Schweisshunde auf den
Fersen, häufte er Schnee auf Schnee, schleppte wasser und arbeitete sich so matt und müde, dass er an diesem Abende nicht einmal das Spalier erklettern und vor dem Fenster seiner grausamen Schönen eine verliebte Serenade ächzen konnte. –
Inzwischen kam der Tag heran, auf welchen Aurel seine Reise nach Boberstein in Begleitung Bianca's festgesetzt hatte. Es war derselbe Tag, an dem Leberechts Haus im Gebirge von den Flammen verzehrt wurde. zuvor hatte der Kapitän seinem Bruder freundlich geantwortet und ihm gemeldet, dass die jugendliche Bianca, eine seiner Dienerinnen, nach Boberstein abreisen werde, um sich Adrian vorzustellen. Bereitwillig setzte Adalbert den Fabrikherrn von seinen Bemühungen in Kenntniss und zeigte ihm den baldigst zu erwartenden Besuch an.
Auf diesem Ausfluge begleitete nur Paul noch seinen gräflichen Freund. Sloboda war mit dem Maulwurffänger in dessen Heimat zurückgekehrt und Gilbert musste zum Schutz der Damen auf dem Zeiselhofe bleiben.
Paul wollte seine Schwester, Maja Simson, kennen lernen und ihr von der verstorbenen teuern Mutter, von seinen im Kampfe für Polens Freiheit gefallenen Brüdern erzählen. Und Aurel, der nunmehr ebenfalls in ein halbgeschwisterliches verhältnis zu Paul getreten war, hatte die Absicht, den in Schmerz und Groll und Rachegedanken hinbrütenden Martell von dem bisherigen Schauplatz seiner Leiden zu entfernen und durch unmittelbaren Verkehr mit ihm, durch heitere, liebeatmende Umgebung mildernd auf ihn einzuwirken.
Mit so löblichen Vorsätzen erreichten sie bei guter Zeit Dorf und See. über beiden lag die schwere dunkle, langsam nach der Haide fortrollende Rauchwolke der Fabrik, ein Anblick für Bianca, der das nicht unempfindliche Mädchen gleichermassen fesselte und erbeben machte. Die ungeheuern Gebäude auf dem Felsen im See, das bewegte Leben auf diesem selbst, der mit Hand- und Zugschlitten aller Art bedeckt war; das dröhnende Rollen und Schwirren in der stillen Luft, das immer zitternd wie die ferne stimme eines Erdbebens in der Luft schwebte; das umfangreiche, ärmliche Dorf mit den geflickten oder mit alten Lumpen verstopften Fenstern, mit den schadhaften Dächern ohne Schornsteinen und dem ganzen Aeussern eines Anfentaltes von unglücklichen Bettlern machte den tiefsten Eindruck auf Bianca. Ihre Augen schwammen in Tränen, als sie diese entsetzlichen Contraste erblickte – dort der unermessliche Reichtum mit der Zwingburg, die ihn schaffte und täglich mehrte, und hier die namenloseste Armut mit den unverkennbarsten Zeichen eingerissener moralischer Verwilderung. –
Sie trat mit Aurel und Paul zuerst in die Hütte Martells, des gräflichen Spinners.
Ein Schrei wäre beinahe ihren Lippen entschlüpft, als der immer