lange dauern, erfährt's jeder Christenmensch in und ausser der Haide, was heute Abend hier vorgegangen ist."
"Aber so redet doch, Pink-Heinrich!" drängte Simson, der gleich den Uebrigen in grösster Spannung dastand.
"Geschwind, nur herein!" hörte man zugleich von aussen die tönende stimme Sloboda's, der nur eine Secunde lang die trauernde stille Gestalt auf dem Tische betrachtet und sich dann sogleich wieder entfernt hatte. An seiner Hand trat jetzt der düster blickende gigantische Martell ein.
"Was soll ich hier?" fragte dieser mürrisch und kreuzte die arme über seine Brust.
Da hob der Maulwurffänger Maja Simson vom Tische, führte sie dem finstern Spinner zu und legte sie ihm mit den Worten in die arme:
"Du sollst Deine Schwester umarmen, die Tochter der Tochter Deines Grossvaters!"
Martell zuckte zusammen, doch fing er die erschütterte, weinende Schwester, mit der er hundertmal die letzte Rinde verschimmelten Brodes geteilt, deren verzweifelnden Mann er so oft getröstet hatte, auch wenn er selbst untröstlich war, in seine arme auf. Secundenlang ruhten seine düster funkelnden Blicke auf der trauernden armen Weberin, dann küsste er die Leidende sanft auf die Stirn und das blitzende Auge wild zum Himmel aufschlagend, stammelte er in heftiger Bewegung:
"Gott Lob, Gott Lob, so ist noch mehr Grund zur Rache vorhanden!"
Alle Umstehenden schwiegen ehrfurchtsvoll. Das Schicksal und in seinem Gefolge die zürnende Nemesis war in zu ernster Gestalt unter diese einfachen Menschen getreten. –
Sechstes Kapitel.
Adrian und Bianca.
Diese Auffindung des letzten natürlichen Kindes des Grafen Magnus blieb Adrian ein geheimnis. Alle Beteiligten gaben sich das feierliche Versprechen, gegen ihren gemeinsamen Peiniger das tiefste Stillschweigen zu beobachten, damit sie desto ungehinderter das Werk gerechter Wiedervergeltung fördern könnten.
Auf dem Zeiselhofe verbreitete die Kunde von dem so über Erwarten schnell gelungenen Anschlage des Maulwurffängers ungemeine Freude und näherte einander die hier versammelten Menschen in immer grösserer Vertraulichkeit. Elwire hatte sich, seit sie wusste, wie nahe sie Herta verwandt war, mit wahrer Kindesliebe an die stets sanft und mild bleibende Grossmutter angeschlossen. Das schöne Mädchen erblühte im steten Verkehr mit dem gebildeten geist Hertas zu reizender Jungfräulichkeit. Mit überraschender Schnelligkeit entwickelten sich ihre vortrefflichen Anlagen, so dass Aurel selbst eben so sehr darüber erstaunt als entzückt war. Erlaubten es dem Kapitän seine Geschäfte, deren er jetzt sehr viele zu besorgen hatte, so brachte er jede freie Stunde bei der schönen Cousine zu. Er fühlte, dass sie ihm nicht gleichgiltig sei, und glaubte hoffen zu dürfen, auch seinerseits keinen unangenehmen Eindruck auf Elwire gemacht zu haben. Zu ungestörter, herzlicher Aussprache blieb dem Vielbeschäftigten jetzt freilich keine Zeit. Auch wollte er kein bindendes verhältnis knüpfen, bevor der so verworrene Prozess, in dem er ja selbst um sein bisheriges grosses Vermögen kommen konnte, entschieden sei.
Weit unbehaglicher, innerlich unzufrieden und von mancherlei Stürmen bewegt fühlte sich Bianca. Herausgerissen aus dem betäubenden Strudel des Hamburger Lebens lastete die friedliche Stille und Einsamkeit des Zeiselhofes drückend auf ihr. Zu wenig an ernste Beschäftigung gewöhnt und körperlicher Arbeit entfremdet, tauchten im einsamen Zimmer die Schreckgestalten der Vergangenheit aus dem finstern Abgrunde ihres inneren vor ihr auf. Das Gewissen mit seinen tausend kleinen Qualen erwachte und peinigte sie Tag und Nacht. Sie kam sich verworfen vor in diesem Kreise schuldloser Menschen, die ein furchtbares Geschick wohl tief hatte beugen, nicht aber einen wirklichen Makel ihren Seelen hatte anhaften können, und die Verachtung vor ihr selbst steigerte sich mit dem Bewusstsein, dass sie mit Vorbedacht gefehlt habe! Diess liess sie eine baldige Veränderung wünschen, und sie war eben im Begriff, Aurel um die erlaubnis zu bitten, ihr irgend ein passendes Unterkommen in einer grösseren Stadt zu verschaffen, als ein Brief von Adalbert eintraf und den Gedanken Biancas eine andere Richtung gab.
In seinem vornehm kühlen und freundlich zarten Tone schrieb der stolze Bruder an Aurel, dass er gehört habe, es lebten unter seinem Schutze zwei sehr hübsche gebildete junge Damen, die alle Eigenschaften besässen, das Hauswesen eines wohlhabenden Mannes in Ordnung zu erhalten. Vorausgesetzt, dass er geneigt sei, eine oder die andere dieser jungen Damen einem Dritten zu überlassen, wage er es, im Namen ihres Bruders Adrian anzufragen, ob sich vielleicht eine von den Schönen entschliessen könne, ihm sein verwaistes und einer umsichtigen Lenkerin bedürftiges Hauswesen zu führen? Aurel dürfe immerhin annehmen, setzte Adalbert hinzu, dass keinerlei Nebenabsicht bei dieser Anfrage im Spiele sei. Ihre Rechtsangelegenheiten hätten durchaus nichts damit zu schaffen und er sowohl, wie auch Adrian seien weit entfernt, die gesuchte Dame etwa als Spion zu missbrauchen!
Aurel wunderte sich zwar über diesen Brief, indess fand er am Ende die Frage nicht so gar ungewöhnlich. Deshalb sprach er mit Herta darüber und als auch diese kein Bedenken trug, dem Gegner in diesem Punkte sich gefällig zu erweisen, teilte er Bianca den Antrag mit, deren wachsender Trübsinn ihn seit einiger Zeit zu beunruhigen begann.
Bianca war auf der Stelle bereit, darauf einzugehen, nur wollte sie sich nicht eher verbindlich machen, als bis sie Adrian persönlich kennen gelernt und mit ihm gesprochen haben würde. Sie läugnete nicht, dass sie schon längst begierig sei, mit einem mann zusammen zu kommen, der ihrem gerechtigkeitliebenden, grossmütigen Retter so gar nicht gleiche, und der einen so eisernen Willen zeige, dass er sich nicht scheue, allen seinen Gegnern mit kalter Stirn zu trotzen.
Dieser Bereitwilligkeit freute sich Aurel Biancas