der furchtbare Brand gewütet hatte. Die Lichter des Dorfes flimmerten trüb durch das hängende Gezweig, während über den leis schwankenden Wipfeln die breiten flammenden Fensterreihen der colossalen Fabrik gleich einem prachtvollen Feenschloss aufleuchteten. Der Luftzug wehte bisweilen das dumpfe Surren der tausend und aber tausend Räder herüber über See und Wald.
In unmiltelbarer Nähe des Dorfes bemerkten die Reisenden eine ungewöhnliche Bewegung unter den Einwohnern desselben. Truppweise eilten die Männer dem Hauptverbindungswege zu, nach welchem auch der Schlitten unserer Freunde einbog, um den Kretscham zu erreichen, wo sie übernachten wollten. Nicht gar fern von diesem in einer schmalen Seitengasse, wenn man einen unebenen gewundenen Weg so nennen darf, lag Martell's Hütte und drei Häuser weiter die noch ärmlichere wohnung des Spinners Simson, dessen Kind am Sylvesterabend aus Mangel an Nahrung gestorben war.
Nach dieser schmalen, jetzt spiegelglatten Gasse drängte sich ein Haufen durcheinander sprechender Menschen. Unsere Freunde besorgten, es möge sich abermals ein Unglück, vielleicht wohl gar ein Selbstmord zugetragen haben, und trieben ihr schnaubendes Pferd grade darauf zu. Die Einwohner des Dorfes waren übrigens so ungewöhnlich aufgeregt, dass sie bisher durchaus nicht auf den heranschellenden Schlitten geachtet hatten. An der Gasse angekommen fanden unsere Freunde dieselbe von Menschen verstopft. Sie mussten notgedrungen halten und der Maulwurffänger stieg aus.
"Aber so sagt mir doch, Kinder," rief er zutraulich ein paar junge Bursche an, die sich auf die Zehen hoben und mit langen Hälsen gaffend über die unruhig brausende Menge wogender Köpfe hinwegschielten, "sagt mir doch, was zum Henker hier geschehen ist? Es hat sich doch Niemand ein Leides getan? etwa Martell –"
"Da ist er! Heda, Ihr dort vorn, der Maulwurffänger ist da!" – "Hurrah, Platz für Pink-Heinrich!" – "Macht eine Gasse, dass sie ungestossen durchschreiten können, er selbst, der kluge Vater, und sein Freund, der wackere alte Wende!"
So liessen sich mehrere Stimmen vernehmen, und ehe noch der Maulwurffänger Zeit gewann, sich nach der Ursache dieses frohen Jubels zu erkundigen, sah er sich halb geschoben, halb getragen vor der weit offen stehenden Haustür Simson's, aus der Menschen wie in einem schwärmenden Bienenkorbe ausund eingingen.
Es brannten eine Menge dünner Pfenniglichter in der niedrigen stube, die vom rauchenden Ofen kohlschwarz gefärbt und durch einen Webstuhl nebst Treibrad und dem übrigen unentbehrlichen Hausrat so verengt war, dass kaum sechs bis acht Menschen stehend bequem darin Platz hatten. Dennoch befanden sich mehr als ein Dutzend Neugieriger in der ärmlichen Hütte. Man hatte ausserdem noch die Stubentür aus den Angeln gehoben, um auch den draussen Stehenden gelegenheit zu geben, einen blick in das Zimmer zu werfen. Frost und Kälte fühlte Niemand, achtete Keiner!
Ein wunderlicher Anblick bot sich unserm alten Freunde dar, als er unter dem sich häufig wiederholenden Triumphgeschrei: "Da ist der Maulwurffänger!" – "Der kluge Maulwurffänger kommt!" – "Platz dem Vater der Armen!" usw. in die von Menschen überfüllte stube fast gewaltsam gedrängt ward.
Auf dem fichtenen Tische, der vor zeiten mit blauen und roten Blumen bemalt gewesen war, wie sie in der Phantasie des Dorfschreiners erblühten, sass auf niedrigem Treibebänkchen Simsons Frau, vor Frost, Angst, Bestürzung und Erwartung zitternd. Sie war sehr bleich und elend anzusehen in der dürftigen schwarzen Trauerkleidung, die sie seit dem tod ihres Mädchens trug. Neugierig lauschend und beide Händchen fest an die Platte des Tisches geklammert, sah ihr zweites Kind, ein neunjähriges Mädchen, mit klarem Kinderauge zu der betrübten Mutter auf, die, den Kopf nach vorn und zur rechten Seite gesenkt, es ruhig geschehen liess, dass von den neuen Ankömmlingen Jeder den purpurnen Stern an ihrer linken Schläfe genau betrachtete. Simson und einige andere Männer hielten die Lichter bei dieser wunderlichen Beschauung.
Ehe man noch sprach, wusste der Maulwurffänger bereits, dass sein Aufruf gefruchtet hatte, dass die Gesuchte gefunden sei und hier in der abgehärmten Gestalt Maja Simson's vor ihm sitze!
Man kann sich denken, welcher Schwall von fragen sich über ihn ergoss! Für solche Scenen aber war Pink-Heinrich der rechte Mann. Er antwortete nicht eine Sylbe, bis er durch wiederholtes Winken die grösste Ruhe erzwungen hatte.
"Ich bitte' Euch, Freunde, schweigt, bis Ihr mich gehört habt," sagte er nunmehr, und grüsste dankend durch Abnehmen seiner Pelzmütze die Anwesenden. "zuvor aber, Maja Simson erlaubt, dass auch ich Euch beunruhige. Ihr wisst ja, dass Jäger und Maulwurffänger die Fährte genau kennen müssen, ehe sie auf Glück hoffen dürfen! – Danke, danke, es ist gut! Ihr seid's, die ich suche, wenn Maja Pisom Euer Geschlechtsname und der 13. Februar 1791 Euer Geburtstag ist!"
Statt aller Antwort reichte Simson unserm Freunde die Patenbriefe, die nach uralter Sitte auch noch heutigen Tages dem Täuflinge von den Paten geschenkt werden. Geburts- und Tauftag sind regelmässig in denselben verzeichnet.
Zufrieden mit dem kopf nickend und verschmitzt zu der schweigenden Maja aufblickend, gab er die Briefe zurück und sagte:
"Ihr könnt jetzt immer wieder heruntersteigen vom Tische, liebe Frau Simson. Das Komödjespielen, scheint mir, ist Euch nicht angeboren, und da wir nunmehr bestimmt wissen, wer und was Ihr seid, so braucht's weiter keiner Rede mehr und noch weniger unnützen Alarms. Zu seiner Zeit, und ich denke, das soll nicht gar