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Ihre Grossmut an keinen Unwürdigen verschwendet!"

"Dessen war ich gewiss! Aller acht Tage kehren Sie hierher zurück auf eine Nacht. Sie werden dann einen Boten von mir finden, dem Sie über Ihr Wirken und die erlangten Resultate Bericht erstatten. Diese Berichte setzen Sie regelmässig fort, bis wir uns persönlich wiedersehen. Sie haben nichts zu befürchten für Ihre Sicherheit, so lange Sie klug handeln! Ist geschehen, was ich beabsichtige, so gehen Sie wieder nach Hamburg oder verlassen doch diese Gegend! Für Anerkennung Ihrer mir geleisteten Dienste erhalten Sie jährlich eine Pension von tausend Mark, immer vorausgesetzt, dass Sie schweigen können! Sind Sie damit zufrieden?"

"In meinem Leben macht' ich kein besseres Geschäft!" rief Klütken-Hannes aus, sich vor Freude die hände reibend. "Ich bin Ihr blind ergebener Knecht, und wenn's mich an den Galgen bringt! Hier meine Hand d'rauf, und der Teufel soll mich lebendig statt Zuckerkant auffressen, wenn ich nicht Wort halte!"

"Gut," sagte Adrian trocken. "Wie ich höre, haben Sie einen Bedienten? Können Sie sich auf den Menschen verlassen?"

"Wie auf mich selbst!"

"Ich wünsche ihn zu sehen."

Als Adrian diesen Wunsch äusserte, verschwanden blitzschnell die glühenden Augen Blutrüssels am Spalt des Kieferbrettes, Klütken-Hannes rief nach dem Wirte und befahl seinen Bedienten eintreten zu lassen.

Zögernd erschien die abschreckende Gestalt des Mörders an der Tür. Er blickte dem Grafen tückisch und hohnlächelnd in das bleiche, vom Pelz fast ganz wieder verdeckte Gesicht. Adrian richtete kein Wort an den Abscheulichen. Er begnügte sich, einen kalten blick über ihn gleiten zu lassen, worauf er KlütkenHannes höflich grüsste und eilig kammer und Bretterhütte verliess.

Ein paar Minuten später lauteten wieder die silbernen Schellen und verklangen im wald. Auf dem Heimwege begegnete Adrian einem seine Bahn kreuzenden Schlitten. Er erkannte Sloboda und den Maulwurffänger, die in raschem Trabe an ihm vorüberflogen. Der Wind jagte ihm von dem Schlitten der Begegnenden einen gedruckten Bogen zu, der an einer Branke des Bärenfelles, das Adrians Füsse schützte, hängen blieb.

Klütken-Hannes und Blutrüssel standen einander lange Zeit sprachlos gegenüber, dann fielen sie fast zugleich in ein krampfhaftes lachen, von dem sie sich nur erholten, um die am Abend vorher abgebrochene Lebensweise sogleich wieder fortzusetzen.

Fünftes Kapitel.

Das Wiederfinden.

Adrian griff mechanisch nach dem im Winde flatternden Papier und warf gleichgiltige Blicke darauf. Es war eins jener kleinen, von dem Landvolke viel und eifrig gelesenen Wochenblättchen, die neben einer Menge gerichtlicher Vorladungen, obrigkeitlicher Bekanntmachungen und Anzeigen anderer Art die neuesten Zeitereignisse in dürftigstem Auszuge entalten. Der reiche Mann nahm in der Regel nie ein solches Blatt in die Hand, da er die bedeutendsten und einflussreichsten Zeitungen des In- und Auslandes schon aus Speculation selbst hielt und daher immer sehr wohl unterrichtet war von Allem, was in der Welt vorging. Schon wollte er das Blättchen dem Winde wieder Preis geben, als er gegen das Ende hin mit etwas grösserer Schrift und in schief stehenden Lettern, wie sie als etwas Neues damals gerade erst aufgekommen waren, das Wort "Aufruf" las. Dies veranlasste ihn doch zu genauerer Betrachtung und mit einiger Verwunderung las er:

"Diejenige person, welche den Namen M a j a P i s o m als Geburtsnamen führt, in dem Haidedorfe E. am 13. Februar 1791 zur Welt gekommen ist und mitin zur Zeit ein Alter von beinahe zwei und vierzig Jahren erreicht hat, sich auch vor Andern durch ein purpurrotes Muttermal an ihrer linken Schläfe in Gestalt eines kleinen Sternes auszeichnet, wird hierdurch d r i n g e n d aufgefordet, ihren gegenwärtigen Wohnort anzuzeigen oder sich persönlich im haus des Maulwurffängers Heinrich zu B. so bald als möglich einzufinden, da man ihr eine höchst wichtige Mitteilung zu machen hat."

"Was soll das nun wieder heissen?" murmelte Adrian vor sich hin, indem er das Wochenblatt zusammenfaltete und zu sich steckte. "Zu welchem Zweck verlässt dieser intriguante alte Mann einen so dringenden Aufruf, und wer mag jene Maja sein? Maja? Maja Pisom? Dieses Namens kann ich mich nicht erinnern. Unter meinen Arbeitern wäre sie demnach wohl kaum zu suchen. – Aber einen Grund muss der Aufruf doch haben! Und der verschlagene alte Schlaukopf ist sicherlich dabei beteiligt! – Dahinter muss ich kommen und das bald! – Wahrhaftig es täte Not, dass man sämmtliche Arbeiter wie die Neger oder wie das liebe Vieh mit eigenen Augen besichtigte, um sich die besonderen Kennzeichen jedes Einzelnen gewissenhaft zu notiren! Ich werde mich sogleich erkundigen und, merke ich Unrat, die so Gezeichnete ohne Weiteres entfernen. Der malitiöse Bursche soll nicht allein und nicht immer truimphiren!"

Mit dieser Aufforderung hatte es folgende Bewandniss.

Als unsere Freunde das Sterbebett der alten Maja verliessen, drangen sie tief in die Haide ein, um den Geburtsort von Haideröschens Tochter aufzusuchen. Es war dieser kein eigentliches Dorf, bloss ein paar zerstreut stehende Häuser, wie man sie häufig in jenen endlosen Wäldern findet und mit dem prunkenden Namen eines Dorfes bezeichnet, bildeten es. Auf seinen Wanderungen hatte der Maulwurffänger auch diesen versteckten Ort mehrmals betreten und wollte sich jetzt erinnern, dass ihm vor vielen Jahren ein sehr hübsches Mädchen um ein Almosen gebeten habe, an deren linken Schläfe er das erwähnte Muttermal bemerkt zu haben vorgab. Auch behauptete er zuversichtlich, die hübsche Bettlerin habe sich