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in der hochgeschwungenen Rechten und mit lautlosem Sprunge am Lager des dumpf und fest schlafenden Klütken-Hannes niederkauernd, streifte die scharfe Klinge schon den starken geschwollenen, von dicken blauen Adern durchzogenen Hals des Sorglosen. Doch eben so schnell zog er die Mordwaffe wieder zurück und liess die Hand sinken.

"Noch nicht!" murmelte er finster und seine abschreckenden Züge überschauerte ein herzloses Hohnlächeln. "Ich will warten bis morgen und horchen, was man verlangt, was man bietet. Erst Geld, dann Blut! – So hielt ich's mit seinem Vater, dem fanatischen Tugendhelden, als er geizig und hochmütig ward; so will ich's auch mit dem verlorenen Söhnchen halten, das in meiner Schule ein allerliebstes Mutterfrüchtchen geworden ist! – Ha, ha, ha, ha," lachte der Mörder leise durch die Zähne, "welche Freude würde die Alte haben, die in ihren guten Tagen, weiss Gott, ein wahres Grafenessen war, träte ihr das wohlgeratene Söhnlein im schönsten Aufputz der triumphirenden Hölle unter die Augen! 's wär' mir ein Labsal, bei allen Todsünden, und wüsst' ich's dahin zu bringen, so spielt' ich noch Trumpf aus mit Satan um das nächste Schaltjahr!"

Während der Verworfene dieses Selbstgespräch hielt, hatte er den Stahl wieder sorgfältig verborgen und sich in kaum fussbreiter Entfernung von dem sorglos schlafenden Klütken-Hannes ebenfalls auf die Streu niedergestreckt. Der heisse Branntweindunst und die Gewohnheit, sich an den verruchtesten Phantasiebildern zu laben, wiegten auch diesen Sohn der Hölle in festen, traumlosen Schlummer. –

Die Betäubten schliefen noch, als Adrians Schlitten am andern Tage ziemlich zeitig an der Köhlerschenke hielt.

"Alles in Ordnung?" fragte er Jussuff, nur die gerötete Nasenspitze aus seinem Pelz hervorsteckend.

"Zu Ew. Gnaden Befehl! Aber –"

"Aber?"

"Ich hab' ihrer zwei gefunden, Ew. Gnaden!"

"Sind sie munter?"

"Wie ein paar Teufel! Von früh bis in die Nacht nichts wie Lärmen, Fluchen, Saufen mit Ew. Gnaden erlaubnis!"

"Schon gut! Du hast es ihnen doch an nichts fehlen lassen?"

"Im Gegenteil! Sie empfingen Speis' und Trank im Ueberfluss. sechs Menschen könnten bequem vier Tage von dem leben, was diese beiden Haifische in einem Tage vertilgen. Sie sehen aus, verzeih' mir's Gott, wie entsprungene Galeerensclaven!"

"Desto besser! Wo hast Du sie untergebracht?"

"Sie schlafen noch, gnädigster Herr. Der Branntweinpunsch von gestern Abend wird ihnen zu kopf gestiegen sein."

"Wecke sie, ich werde warten. Und ist derjenige, welcher sich Klütken-Hannes nennt, nicht vollkommen nüchtern, so begiesse ihn so lange mit frischem wasser, bis er seinen Verstand vollkommen beisammen hat. Wer ist sein Begleiter?"

"Ein grauhaariger Schelm, Ew. Gnaden, mit blutroter langer Nase und Krokodilsaugen! Ew. Gnaden Empfohlener heisst ihn seinen Diener, sie dutzen sich aber, wenn sie allein sind, wie Holzhauer."

Adrian gab Jussuff durch einen Wink zu erkennen, dass er genug wisse, und befahl nochmals, den fremden wüsten Gast zu wecken.

Nach einiger Zeit vernahm er ein heiseres Husten und rauhes Flüstern. Jussuff kam zurück und zeigte seinem Gebieter an, dass der Fremde ganz fest auf den Beinen stehe und sehr begierig auf den Besuch des Herrn sei.

"Den angeblichen Bedienten hab ich abtreten lassen," fügte er hinzu.

"Ich lobe Dich, mein Getreuer," sagte Adrian, und folgte dem Wirte in die abgelegne kammer.

Klütken-Hannes sass, sein aufgedunsenes Gesicht in die linke Hand gestützt, am Tische, dessen Platte noch klebrig war von dem verschütten Getränk der vergangenen Nacht. Da er auf sein Aeusseres nicht eitel war, hingen ihm Strohhalmen in dem borstigen, ungekämmten Haar, und Gesicht und hände waren mit widerlichen Schmutzflecken bedeckt. Bei Adrians Eintritt, der sich durchaus als vornehmer und gebietender Herr zeigte, stand der Trödler auf und versuchte seine beste Verbeugung.

"Habe ich das besondere Vergnügen, mit Herrn Johannes Klütken aus Hamburg zu sprechen?" fragte Adrian mit grosser Freundlichkeit.

"Sie haben dies Vergnügen, mein sehr werter Herr," erwiderte Klütken-Hannes, seinerseits ebenfalls eine herablassende Miene annehmend, denn er sah wohl, dass er es mit einem hochgestellten mächtigen Herrn zu tun hatte.

"Kommen Sie in Folge eines mit 'a – n.' unterzeichneten Briefes, dem tausend Mark in Anweisungen beigefügt waren, an diesen Ort?"

"Tausend Mark, ganz recht! – meine Schulden habe ich bezahlt auf Schilling und Grotebin gereist, habe mir nichts abgehen lassen, und da sitze ich nun mit noch gut gespicktem Sacke!"

"Dürfte ich um jenen Brief ersuchen?"

"Herr," sagte Klütken-Hannes, sein Gesicht zu einem bedenklichen Lächeln verziehend, "ganz werde ich das Schreiben nicht mehr zusammen bringen. Es hat sich zerrieben in der tasche."

Er suchte indess und brachte nach einiger Zeit einen zerknitterten Fetzen von Adrians Briefe hervor. Der Graf warf nur einen flüchtigen blick darauf, um sich von der Identität desselben mit seinen Schriftzügen zu überzeugen. Als er diese erkannt hatte, sagte er:

"Ich danke Ihnen, mein sehr lieber Herr! Reichen Sie mir jetzt die Hand und lassen Sie uns im Vertrauen ein ernstes Wort sprechen!