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"Nacht, nichts als Nacht!"

"Barmherziger Gott!" schrie Leberecht und liess die Lampe fallen, dass der brennende Docht einige Garnflocken erfasste, die Funken glimmend über die stube his unter die Webstühle liefen und in wenigen Augenblicken die Werften in helle Flammen setzten.

"Also blind!" jammerte Marie. "Blind geworden von der nächtlichen Arbeit, bei der wir doch fast verhungert sind."

"Feuer! Die Stühle brennen!" schrie Eduard, der die aufschlagenden Flammen zuerst gewahrte. In der Angst stürzte er sich mit Ungestüm auf die Gewebe, schlug mit beiden Händen in die Flammen, um sie zu dämpfen, verschaffte ihnen aber dadurch nur noch mehr Nahrung. Er fühlte nicht, dass er sich furchtbar verbrannte, dass ihm die Haare auf dem kopf abfengten und die leckende Flamme schon durch die Fensterritze an den Wänden hinaufschlug.

"Es ist keine Rettung," sprach Leberecht in verzweifelter Ruhe. "Lass brennen, was mag! Komm, hilf uns die blinde Mutter retten!"

Eduard vermochte aber vor Schmerz keine Hand mehr zu rühren. Er stiess nur die Tür auf, um den Vater mit der teuern Last hinaus zu lassen. Dann stürzte er nach in's Freie und warf sich heulend in den kalten flimmernden Schnee.

Die Glocken stürmten, die Nachbarn eilten zum Löschen herbei, aber Niemand, Niemand geedachte im Moment der Bestürzung der Unglücklichen! Auf der Schwelle des Nachbarhauses sass Leberecht und starrte in die Flammen seines gewesenen Hauses. Auf seinem Schoosse hielt er die erblindete Marie, die mit den entzündeten trüben Sternen in die kalte Nacht lautlos hineinstierte. Zu ihren Füssen krümmte sich Eduard in wildem Schmerz, die verbrannten hände in seinen Tränen badend.

Viertes Kapitel.

Das Complott.

zwölf Tage vor diesem traurigen Ereignisse, das wir des Zusammenhangs wegen schon jetzt unsern Lesern mitzuteilen für schicklich hielten, und einen Tag später, als Adrian an seinen Bruder Adalbert schrieb, flog ein einzelner Schlitten durch die öde, erstarrte Haide. Der Lenker, ein stattlicher Mann mit blassem Gesicht und dünnem braunen Haar, trug starke Fuchshandschuhe und war in einen kostbaren mit feinem Zobel verbrämten Bärenpelz gehüllt. Hinter ihm auf der Pritsche, die Füsse in Pelzstiefeln steckend und ebenfalls hinlänglich gegen die Kälte verwahrt, sass der Kutscher oder Bediente oder was der Mann sonst etwa noch vorstellen mochte.

Der einsame Schlitten glitt bisweilen über kleine Lichtungen, auf welchen Stangen mit Tafeln standen, an denen man das Wort "Schonung" las. Diese Tafeln waren numerirt.

"Darauf gib Acht, Jean!" sagte der Mann im Schlitten, auf die Stange mit der Tafel zeigend. "schreibe Dir die Nummer auf, damit Du Dich später nicht verirrst!"

Jean nickte mit dem kopf, zog ein Taschenbuch hervor und notirte sich die Nummerzahl des Pfahles mit der Tafel.

"Wenn Du Dich genau nach diesen Nummern richtest, kannst Du nie fehlen, welche Kreuz- und Querwege Du auch wider Willen einschlagen magst."

Ein abermaliges Kopfnicken gab dem Leiter des Schlittens die Zustimmung seines Dieners zu erkennen, und in raschem Galopp jagte das feurige polnische Gespann, dessen brillantes Geschirr mit purpurnen Troddeln und Fransen reich aufgeschmückt und mit silbernen melodisch gestimmten Schellen behangen war, in die windige Haide hinein.

Der geneigte Leser hat in diesen einsamen Reisenden bereits den Grafen Adrian mit seinem stummen Kammerdiener erkannt. Aber was sucht der kaum genesene reiche Mann in dieser frostigen Wildniss, die kaum im Sommer von wandernden Köhlerbuben betreten wird? Was sollen die Winke bedeuten, die er seinem stummen Vertrauten kalt und ernst gibt? Um auf diese fragen Antwort geben zu können, verlassen wir den im rauschenden Tannicht verschwindenden Schlitten und wenden uns einer schon früher betretenen Gegend jetzt wieder zu.

In hohen Schneewehen mehr als zur Hälfte begraben, ragen vier schwarze rissige starke Mauern mit zerborstenen Fenstern hinter breitem Erdwall in die Luft. Die schräg liegenden Balken eines niedrigen Wetterdaches geben dem wüsten Gemäuer einigermassen ein gastliches Ansehen und eine Breterhütte auf der Südseite, von ziemlich hoher Planke umgeben und mit über einander geschichteten Aesten und jungen Stämmen, wie die Windbrüche des Herbstes sie niederwerfen in dichten Wäldern, geschützt, zeigen an, dass dieser entlegene Ort trotz seiner schauerlichen Einsamkeit doch bewohnt ist. Ein breiter und tiefer Fluss, jetzt mit dickem Eis und Schnee bedeckt, krümmt sich in weitem Halbkreis um Hütte und Mauertrümmer. Auf dem hohen Uferrande desselben am Anfang der Waldwiese, die sich gegen Norden ausbreitete, sieht man abermals eine der erwähnten Stangen mit beschriebener Tafel.

Wir befinden uns in der Nähe des "Raubhauses," jener verfallenen alten Burg, welche ehedem dem "Fürsten der Haide," Herta's Vater, zum Schlupfwinkel diente. Die grössere kultur der Forste und die vermehrten Kohlenbrennereien und Teerhütten, die neuerdings unter Adrians herrschaft entstanden waren, hatten auch diesen versteckten und geflohenen Winkel der Haide bekannter und besuchter gemacht, und im Schutz der Mauertrümmer ein Schenkhaus für Köhler, Kien-, Span- und Russhändler entstehen lassen, dessen genügsamer Wirt sich leidlich nährte. Seit Jahresfrist gehörte Raubhaus und damit verbundene Köhlerkneipe zu den Besitzungen Adrians.

Der Wirt dieser traurigen Waldschenke hatte in den früheren Jahren als Reitknecht in Adrians Diensten gestanden, durch einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde aber beide hände gebrochen und war dadurch unbrauchbar zu jedem Geschäft geworden. Der Graf liess ihn heilen, gab ihm ein geringes Jahrgeld und setzte ihn als Schenkhalter endlich in diese Haidekneipe. Für diese gräfliche Huld war der nunmehr Versorgte seinem grossmütigen Gebieter